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"Straßenzeitungen sind Deutschlands soziale Meinungsblätter"

Niederschwellige Sozialarbeit

Soziale Straßenzeitungen werden in Deutschland offenbar immer beliebter. Knapp 30 Blätter erscheinen inzwischen regelmäßig, wie der Vorsitzende des Bundesverbandes für Straßenzeitungen, Reinhard Kellner, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp in Hannover sagte. Die Gesamtauflage der seit 1999 im Verband zusammengeschlossenen Zeitungen liegt seinen Angaben zufolge bei mehr als 400.000 Exemplaren. Die meisten Hefte erscheinen monatlich und werden von obdachlosen Verkäufern auf der Straße angeboten. Den erwirtschafteten Erlös dürfen die Bedürftigen behalten.

Die Geschichte der deutschen Straßenzeitungen ist noch relativ jung. Mitte der 90er gingen mit "Biss" in München und "Hinz&Kunzt" in Hamburg die bundesweit ersten beiden Projekte an den Start. Mit einer Auflage von 70.000 Exemplaren pro Monat ist das Hamburger Blatt "Hinz&Kunzt" inzwischen das größte in Deutschland. Gemeinsam produzieren Kiel, Schwerin und Hamburg zudem zwei Mal jährlich das "Nordlicht", das als Beilage in den regionalen Tageszeitungen erscheint. Die meisten der Hefte befassen sich mit Armut und Arbeitslosigkeit: Themen, die laut Kellner in kaum einer der anderen Stadtzeitungen Erwähnung finden. Die Straßenzeitungen seien "Deutschlands soziale Meinungsblätter", unterstrich er.

"Es ist ein Mythos, dass Straßenzeitungen reine Obdachlosenzeitungen sind", sagte der Vorsitzende. Bei den meisten Blättern liegt der Anteil der obdachlosen Mitarbeiter bei lediglich zehn Prozent. "Die Straßenzeitungen sind vor allem Sozialhilfeempfänger- und Arbeitslosenprojekte", betonte Kellner. Lediglich in Hamburg würden nur obdachlose Verkäufer eingestellt. Feste Redaktionsstellen werden häufig an ABM-Kräfte vergeben. Auch Sozialarbeiter und Journalisten schreiben für die Straßenzeitungen.

Die gemeinnützigen Vereine finanzieren sich vornehmlich aus dem Verkauf ihrer Blätter, den Anzeigen und Spendeneinnahmen. "Finanziell stehen die meisten Projekte noch auf tönernen Füßen", sagte Kellner. Der Verkäufer kauft zu einem festen Stückpreis Zeitungen ab, die er für das Doppelte auf der Straße anbietet. Pro verkaufter Ausgabe verdient ein Verkäufer durchschnittlich eine Mark. "Unter 100 Mark im Monat geht bei den Verkäufern keiner nach Hause", hob der Vorsitzende hervor. Über den Erlös und das Trinkgeld können die Obdachlosen frei verfügen.

"Wir betreiben niederschwellige Sozialarbeit", betonte Kellner. Viele Redaktionen haben so genannte offene Stuben, die als Anlaufstelle für die Menschen gedacht sind, die keine offiziellen Beratungsstellen mehr aufsuchen wollen. Die meisten seien schwer suchtabhängig. Er fügte hinzu: "Bei uns können sie jederzeit zur Tür hereinkommen und haben erst mal einen Ansprechpartner."

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