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Massive Misshandlungen nach brutaler Polizei-Razzia in Genua

G8-Globalisierungsgipfel

Nach einer brutalen Polizeirazzia am Rande des G8-Gipfels am vergangenen Samstag in der Unterkunft friedlicher GegnerInnen einer kapitalistischen Globalisierung verdichten sich die Hinweise, dass viele der bei der Aktion Inhaftierten auch anschließend auf dem Polizeirevier massiv mißhandelt und gefoltert worden sind. Zuvor war in Genua ein 23-jähriger Demonstrant von der Polizei mit einem Kopfschuss getötet worden.

Während die Regierungschefs der acht führenden Industrienationen in Genua darüber verhandelten, wie die Verwertungsmöglichkeiten für die global agierenden Großkonzerne weiter verbessert und weltweit durchgesetzt werden könnten, sahen sich insbesondere friedliche GegnerInnen dieser Politik einer massiven Polizeigewalt ausgesetzt. Am Samstag, den 21.7.2001 um 23.56 Uhr stürmten Sondereinheiten der Carabinieri und der italienischen Polizei die Schule Diaz, in der GegnerInnen des G8-Gipfels übernachteten.

Die rund 200 Polizeibeamten haben eine Seitentuer eingeschlagen und sind mit lautem Gebrüll in das Gebäude gestürmt. Sekunden später konnten Leute vom gegenüberliegenden Independent Media Center lautes Geschrei vernehmen. Die in der Schule Anwesenden sollen brutal zusammengeschlagen und schliesslich alle verhaftet worden sein. Ein Großteil der Leute in der Schule wurde von SanitäterInnen auf Bahren hinausgetragen. Wie das unabhängige Medienzentrum "Indymedia" berichtet, waren sie schwer verletzt und blutbeschmiert, viele hatten Kopfverletzungen. Einige waren bewußtlos. Die allerwenigsten waren noch in der Lage zu laufen.

"Spiegel Online" zitiert Ingo Keil von Amnesty International: "Aus dem Haus kam niemand unverletzt raus." Die Polizisten hätten auf alle eingeschlagen, obwohl sie sich bereits auf den Boden gelegt hatten und sich nicht wehrten. "Ich hörte nur noch Schreie, von Menschen die geschlagen werden", wird ein weiterer Berliner zitiert, der sich auf dem Dach versteckt hatte.

Die Polizei soll einzelnen Demonstranten die Köpfe an die Wand geschlagen haben, Bild: Indymedia

Bei der Polizeiaktion ist ein Aktivist aus Berlin so schwer verletzt worden, dass er zwei Tage im Koma lag. Der Schwester des 21-Jährigen verweigerte die Polizei am Dienstag jedoch einen Besuch im Krankenhaus in Genua. "Ihnen wurde nur gesagt, er sei aus dem Koma erwacht, aber die Situation ist weiter lebensbedrohlich", sagte der Vater des Verletzten zu SPIEGEL ONLINE. Nach Angaben der Ärzte hat der junge Mann einen Bluterguss unter der Schädeldecke.

In dem Schulgebäude wurde laut "Indymedia" alles verwüstet, die 5 Computer kaputtgeschlagen, sämtliches Gepäck ausgeschüttet, Geld und Reiseausweise sowie Kameras etc. geklaut.

Nachdem alle in Krankenhaeuser und Knaeste abtransportiert worden waren, wurde bei der Besichtigung des Gebäudes überall Blut gefunden. Blut zwischen den Schlafsäcken, Blut auf den Klos, Blut im Treppenhaus. Überall, wo die Polizei Leute erwischt hat, die noch zu fliehen versucht haben, sollen sie auf der Stelle zusammmengeschlagen und misshandelt worden sein.

Zerstörte Computer nach dem Polizeieinsatz, Bild: Indymedia

Nach Angaben einer Krankenhausangestellten aus dem San Martino Krankenhaus in Genua waren die Verletzten in einem unvorstellbarem, furchtbarem Zustand. Sie berichtete von multiplen und komplizierten Frakturen, eingeschlagenen Schädeln und ausgeschlagenen Zähnen. Viele befanden sich in einem Schockzustand, waren kreidebleich, kaum ansprechbar und hatten Angst, überhaupt berührt zu werden. Einem Briten wurden die Rippen gebrochen, was zu schweren Lungenverletztungen führte. In einem anderen Fall wurden die Eltern informiert, dass sich ihr Sohn nicht mehr in Lebensgefahr befindet.

Viele wurden nach einer ärztlichen Erstversorgung im Krankenhaus von der Polizei verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Mindestens bis Dienstag durften AnwältInnen niemand sehen, die Krankenhäuser wurden von der Polizei abgeschottet. Es sollen Röntgenaufnahmen konfisziert worden sein. Der Schwester eines Schwerverletzten wurde gestern am Montag abend der Krankenbesuch verweigert.

Nach Presseangaben vom Sonntag wurden in der Schule 66 Personen festgenommen, 50 davon verletzt. Am Dienstag wurde berichtet, dass bei der gesamten Operation 93 Personen festgenommen wurden. Das schließe auch Personen ein, die sich in den umliegenden Strassen oder vor der Schule aufhielten. Nach der Inhaftierung wurden die polizeilichen Mißhandlungen fortgesetzt.

Am Montag konnte unter anderem der Europaabgeordnete Luigi Vinci von der Partei Rifondazione Comunisti einige inhaftierte Frauen sprechen. Sie gaben an, auf dem Polizeirevier in Genua beschimpft, geschlagen und auf dem Klo getreten worden zu sein. Wesentlich schlimmer sei es den inhaftierten Männern ergangen. Sie hätten an den Schreien gehört, wie diese die ganze Nacht gefoltert worden seien.

Auch eine Gruppe von Italienerinnen, die bereits am Samstagnachmittag verhaftet worden war, berichten von Schikanen auf dem Polizeirevier in Genua. Sie mußten sich 19 Stunden mit den Händen erhoben ohne Essen und Trinken an eine Wand stellen. Nach ihren Angaben waren die Polizisten offen organisierte Faschisten. Es gab permanente Beschimpfungen wie "scheißjüdische Zigeunerin", "Hasta la Victoria sempre" mit gleichzeitigem Hitlergruss. An den Wänden wurden Mussolinibilder gesehen. Auch eine Person, der vorher die Beine gebrochen worden waren, soll so lange geschlagen worden sein, bis sie sich irgendwie hingestellt habe. Es sei Tränengas in die Zellen geworfen worden sein, woraufhin eine Person Blut erbrochen habe.

Fast allen Frauen wird öffentlicher Widerstand vorgeworfen. Mindestens ein Mann, soll eine Angklage wegen versuchten Mordes bekommen. 15 ItalierInnen wurden inzwischen freigelassen. Die verbleibenden 78 Personen aus unterschiedlichen Ländern waren am Dienstag noch in Haft.

Das Polizeikonzept war am Dienstag Gegenstand einer Parlamentsdebatte in Rom. Innenminister Claudio Scajola verteidigte die tödlichen Schüsse auf den Genueser Carlo Giuliani als berechtigte Notwehr des Polizisten.

Bei den deutschen Grünen wird die Polizeitaktik zunehmend kritisch gesehen. Die Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele und Cem Özdemir meinten, dass die Eskalation der Gewalt durch die Polizeitaktik geradezu heraufbeschworen worden sei.

Auch die von den Organisatoren erhobenen Vorwürfe über eine angebliche Kooperationen zwischen den Gewalttätern des schwarzen Blocks und der Polizei erscheinen nicht mehr völlig abwegig. Italienische Zeitungen veröffentlichten am Dienstag Fotos von Vermummten, die bewaffnet aus einer Polizeiwache kommen. Laut "Spiegel Online" berichten Augenzeugen zudem von Autonomen, die sich unter den Augen der Polizei bewaffneten.

Und auch viele friedliche Demonstranten beschrieben die Polizeitaktik als merkwürdig. "Der Schwarze Block agierte fast ungestört", beobachtete ein Berliner Demonstrant, "während wir mit roher Gewalt vertrieben wurden". Solche Zeugenaussagen liegen nach Angaben der Protestorganisatoren dutzendweise vor. Das Material wird nun gesammelt und der Staatsanwaltschaft übergeben.

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