Offener Brief an Abgeordnete der NATO-Länder
Europäische NGOs fordern eine nicht-militärische Krisenbewältigung
Es ist Zeit innezuhalten und nachzudenken
Die Welt ist durch die terroristischen Attacken auf New York und Washington erschüttert. Nach dem Schock und dem Entsetzen hat sich bei uns ein Gefühl der Verwundbarkeit, der Unsicherheit und der Angst ausgebreitet. Solidarität und Mitleid mit den Opfern, ihren Familien und Freunden sind Emotionen, die uns alle bewegen. Wir vermögen uns vorzustellen, welche enorme Verantwortung nun auf Ihren Schultern liegt.
Aus diesem Grund wollen wir Sie ermutigen, sich nun die Zeit zu nehmen, um über die Ereignisse vor allem aber über ihre Tragweite nach-zudenken.
Sicher ist es notwendig, Zeichen der Solidarität und Geschlossenheit zu setzten. Aber sind die Aktivitäten, die jetzt in Betracht gezogen werden, wirklich bis zum Ende durchdacht, ist erwogen, wohin sie führen und welchen Kreislauf weiterer Ereignisse, welche Gefühle und Gegenreaktionen in diesem Prozeß ausgelöst werden könnten? Jede weitere Eskalation der Gewalt muss vermieden werden, weil sie nur den Hass verstärken würde, den wir bereits jetzt beklagen müssen.
Das Bedürfnis nach Rache und Vergeltung offenbart eine tiefe emotionale Betroffenheit. Es kann jedoch eine irreversible Dynamik in Gang setzen, aus der möglicherweise noch schrecklichere Entwicklungen entstehen. Die eigene Verwundbarkeit, das Gefühl, persönlich und kollektiv mißhandelt worden zu sein, darf nicht in eine Demonstration brutaler militärischer Stärke, Gewalt und Gegengewalt umschlagen. Zumal sich vermeintliche Stärke rasch als Schwäche herausstellen kann.
Wir appellieren an Sie als europäische Politiker alles zu tun, um sich von diese Gefühlen nicht überwältigen zu lassen. Wir bitten Sie, mit der gebotenen Sorgfalt die Mittel zu überprüfen, die Ihre Regierungen und Institutionen gewählt haben, um auf den Terrorismus zu reagieren.
Zu einer nachhaltigen Bewältigung, die tatsächlich den Kreislauf der Gewalt durchbricht, gehört zuallererst, die Ursachen der Gewalt zu verstehen. Lassen Sie uns aufmerksam die verschiedenen Analysen und Meinungen anhören, wie schwer das auch immer fallen möge. Nehmen wir auch die Stimmen von Menschen zur Kenntnis, die am Rande der Welt-Gesellschaft leben. Denken Sie an die Not von Millionen von Menschen, die von Krieg betroffen sind und in extremer Armut leben. Lassen Sie uns endlich alles unternehmen, um eine sichere und gerechte Welt aufzubauen. Autoritäre Lösungen mögen zu raschen Resultaten führen, nachhaltig aber sind sie nicht. Kriege sind kein Mittel, das man rasch zur Hand nimmt, um es nach Gebrauch einfach wieder zurückzulegen: Kriege transformieren Gesellschaften tiefgreifend und dauerhaft.
Wir appellieren an Sie, gerade unter dem Eindruck der gegenwärtigen Krise nach Verständnis und Versöhnung zu suchen, statt nach Vergeltung. Lassen Sie es nicht zu, daß Terror mit Terror und mehr Gewalt beantwortet wird, wodurch nur weitere Verwerfung, Spaltung und Polarisation entstehen. Lassen Sie uns nach Dialog und Verständigung suchen: auf der Ebene zivilgesellschaftlicher Begegnungen ebenso wie auf multilateraler und zwischenstaatlicher Ebene. Von herausragender Bedeutung ist dabei, die vorhan-denen internationalen Institutionen, das Völkerrecht und internationalen Konventionen zu respektieren und weiterzuentwickeln. Dringend notwendig ist es, die vielen langjährigen Konflikte, die in der Welt herrschen, ernst-haft zu be-arbeiten und sich mit Nachdruck für sozialen Ausgleich und Entwicklung einzusetzen. Das, was in Haß und Ignoranz auseinandergebrochen ist, braucht viele Jahre um in Vertrauen und Zusammenleben wieder zueinander zurückfinden zu können.
Wir appellieren an Sie, all Ihr Handeln vom Völkerrecht und dem Grundsatz der Unteilbarkeit der Menschenrechte leiten zu lassen: Alle Menschen haben das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit.
Gemeinsam rufen wir die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten zur Zurückhaltung auf. Die Antwort auf die Angriffe dürfen nicht weitere Menschenleben fordern. Vielmehr muss uns die Antwort aus den Schützengräben herausführen.
Wir danken Ihnen, dass Sie sich Zeit genommen haben, unsere Überlegungen zur Kenntnis zu nehmen, und wünschen Ihnen die nötige Stärke, um Ihre Verantwortung wahrzunehmen.
Frankfurt, Rom, Madrid, Oslo, Manchester
medico international, Deutschland
Comitato Internazionale dello Sviluppo dei Popoli, Italien
Solidaridad Internacional, Spanien
Norsk Folkehjelp, Norwegen
Mines Advisory Group, Großbritannien
Weitere Unterzeichner in Deutschland sind bislang: Missionszentrale der Franziskaner; INKOTA-Netzwerk; Werkstatt Ökonomie (Heidelberg); medica mundiale; Indien-Hilfe
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Am 21. Sep. 2001 unter:
politikStichworte:
« Greenpeace fordert Gesetze für den Urwaldschutz
Friedensbewegung kündigt Großdemonstration gegen Rachefeldzug an »
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