Risse und Störfälle
Siemens-Tochter lieferte schadhafte Bauteile für das Atomkraftwerk Unterweser
Bereits im Februar 2000 hatte es im Atomkraftwerk Unterweser einen ähnlichen Skandal um mangelnde Qualitätssicherung gegeben. Damals hatte Siemens Brennelemente geliefert, deren Sicherheitsnachweise vom Hersteller British Nuclear Fuels gefälscht worden waren. Das Atomkraftwerk musste abgeschaltet und die Brennelemente aus dem Reaktor genommen werden.
Laut Atomgesetz dürfen Atomkraftwerke nicht betrieben werden, wenn die "Zuverlässigkeit der Betreiber" nicht gewährleistet ist. "Die Frage der Zuverlässigkeit der Betreiberin des Kernkraftwerkes Unterweser stellt sich" für Umweltminister Jüttner in diesem Zusammenhang jedoch nicht. Allerdings: "Es handelt sich hier um ein sehr ernsthaftes Problem."
Ein ernsthaftes Problem sieht auch Greenpeace: "Im Atomkraftwerk Unterweser gehört Pfusch nach wie vor zum Alltag. E.ON läßt sich von Siemens neue Atomkraftwerks-Teile liefern, die nicht dem genehmigten Standard entsprechen - und das schon zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren", so die Atom-Expertin Susanne Ochse. "Hier stellt sich die Frage, ob das Schlamperei oder Methode ist." Greenpeace fordert Konsequenzen: "Lieferanten, die bei der ohnehin hoch gefährlichen Atomtechnik auch noch Pfusch abliefern, gehören aus dem Verkehr gezogen."
Menschliches Versagen führte am 20. März 1999 im Atomkraftwerk Unterweser bereits zu einem bedeutenden Störfall beim Austausch eines der besagten Zwischenkühler. Für den Wechsel des Bauteils mussten zunächst Rohrleitungen an den geplanten Trennstellen "vereist", abgeschnitten und verschlossen werden. An einem dieser sicherheitstechnisch bedeutenden Kühlmittelrohre löste sich nach einiger Zeit ein "Rohrstopfen", so dass das Kühlwasser den sogenannten "Ringraum des Reaktorgebäudes" überflutete. Es gelang, den Vorgang wieder zu stoppen. Laut amtlicher Störfall-Meldeliste versagte der Rohrverschlussstopfen, weil "entgegen dem Instandhaltungsplan vom Instandhaltungspersonal ein nicht geeigneter Verschlussstopfen eingesetzt worden war."
Menschliches Versagen führte auch schon am 6. Juni 1998 zu einem schweren Störfall in Unterweser. Zwei zuvor für Wartungsarbeiten außer Betrieb genommene Sicherheitsventile waren anschließend nicht wieder aktiviert worden. Am 6. Juni kam es dann nach einer Störung in der Turbinenölversorgung zu einer Kette automatischer Reaktionen, bei denen sich die beiden Sicherheitsventile nicht wie gewünscht geöffnet haben. Wären mehr Sicherheitsventile nicht funktionsfähig gewesen, hätte es zum Super-GAU kommen können.
Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW rechnet mit einer Zunahme von Fällen menschlichen Versagens. Seit Jahren kritisiert sie, dass wegen des zunehmenden Kostendrucks aufgrund der Liberalisierung der Strommärkte bei Wartungsarbeiten in Atomkraftwerken zunehmend gepfuscht werde. Die Organisation verweist auf einen Bericht von Siemens, wonach der Atomkonzern bei Wartungs- und Reperaturarbeiten bis zu 40 Prozent Hilfskräfte einsetzt. Die Wartungsmannschaften von Siemens müssten unter einem gewaltigen Zeitdruck in 10-Stunden-Schichten sicherheitsrelevante Reperaturen durchführen. Neue Instandhaltungskonzepte hätten zudem zu einer Verringerung der Zahl der sicherheitstechnischen Prüfungen geführt.
Doch nicht nur die Hilfskräfte, sondern auch die Nuklearexperten stehen offenbar immer wieder vor neuen Rätseln. In seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage gestand Umweltminister Jüttner am 21. November ein, dass selbst Reaktorspezialisten die Risiken offenbar nicht hinreichend einschätzen können: "Denn niemand von den Fachleuten hatte damit gerechnet, dass sich bei dieser Prüfung so deutliche Spuren im Material zeigen würden. Wir müssen also herausfinden, woran liegt das: Liegt es am Material, liegt es an einer besonderen Belastung, liegt es an der Konstruktion?"
Ohne die "Belastung" des Materials einschätzen zu können, war sich der Minister dennoch sicher, dass Schäden, Leckagen oder gar ein Bruch der Rohrleitung nicht zu erwarten gewesen wären. Dies könne man schließen aus den bisherigen Prüfergebnissen, aus den "Kenntnissen zum Materialverhalten und den Belastungen auf den Stutzen". Jüttner erklärte, dass derartige Risse "beherrscht" werden würden, "ohne dass Menschen oder Umwelt gefährdet werden. Auch ist in diesen Fällen immer gewährleistet, dass die Wärme aus dem Primärkreis abgeleitet wird."
Die schadhafte Stelle befindet sich nach Angaben des Ministeriums in einem Rohrleitungsbereich, der für die Bespeisung des Dampferzeugers mit Wasser und damit für die Wärmeabfuhr aus dem Primärkreis von entscheidender Bedeutung ist. Bei einem großen Leck in diesem Bereich stellt sich die Frage einer ausreichenden Kühlung des Reaktorkerns.
E.ON teilte am 22. November in einer Presseinformation mit, das Unternehmen prüfe derzeit die Wärmetauscher umfassend im Hinblick auf die Qualitätsanforderungen. "Eine Beeinträchtigung des sicheren Betriebs der Anlage war durch die Abweichungen nicht gegeben".
Nach Auskunft der niedersächsischen Atomaufsicht waren bereits bei einer früheren Prüfung im Jahr 1995 an der gleichen Stelle Anzeichen festgestellt worden, die E.ON allerdings nicht als "Befund" einstufte. Umweltminister Jüttner bestätigte, dass die Messergebnisse der damaligen Prüfung "eindeutig unterhalb der so genannten Registriergrenze" lagen. Bei der angewandten Ultraschalltechnik stellt die Registriergrenze nach dem kerntechnischen Regelwerk eine Schwelle dar. "Ab dieser Schwelle müssen weitere Bewertungen erfolgen."
Auf die unterlassenen Bewertungen folgten in den Jahren 1998 und 1999 die beiden Störfälle. Am 4. September diesen Jahres musste Unterweser vorzeitig vom Netz genommen werden, weil der Generator defekt war und ausgetauscht werden musste. Seitdem steht der Reaktor still, weil man die Risse fand. Das Atomkraftwerk soll wieder ans Netz gehen, sobald alles "aufgeklärt" ist.
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Am 27. Nov. 2002 unter:
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