Atomkraftwerk Biblis B

Studie zum Beinahe-GAU in Biblis offenbart schwere Sicherheits-Defizite

Am Mittwoch, dem 17. Dezember 2003 jährt sich der Beinahe-GAU im hessischen Atomkraftwerk Biblis zum 16. Mal. Anlässlich dieses Jahrestages veröffentlicht die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) eine Studie, in der für den Atomkraftwerksblock Biblis B 42 grundlegende Sicherheits-Mängel nachgewiesen werden. Die IPPNW kommt in der Studie zu dem Schluss, dass Biblis B im internationalen Vergleich "hoffnungslos veraltet und fehlkonstruiert ist" und fordert die Betreibergesellschaft RWE und die hessische Atomaufsicht auf, Biblis B unverzüglich stillzulegen, "da das Risiko für Leben und Gesundheit der Bevölkerung nicht zu verantworten ist".

Die von IPPNW-Atomexperten erstellte Studie "42 Auslegungsdefizite des Atomkraftwerks Biblis B" stützt sich unter anderem auf einen von der OECD 1997 vorgenommenen internationalen Vergleich. Danach versagt der Sicherheitsbehälter der deutschen Anlage Biblis B im Falle einer Kernschmelze, während die meisten der untersuchten ausländischen Anlagen den berechneten Drücken stand halten. "Schuld daran", so die IPPNW, "ist der in den deutschen Siemens-Reaktoren eingesetzte minderwertige Sicherheitsbehälter aus Stahl, der im Ausland meist aus Beton oder Stahlbeton besteht." Interessant: Beim Europäischen Druckwasser-Reaktor will nun auch Siemens auf Stahlbeton umsteigen.

Biblis A und B sind eine sogenannte Doppelblockanlage. Bei dem Beinahe-GAU am 17.12.1987 in Biblis A übersahen drei Arbeitsschichten, dass ein Absperrventil während des Leistungsbetriebs irrtümlich offen stand. Aufgrund einer Manipulation der Betriebsmannschaft kam es zu einem gefährlichen Leck im Primärkreis. Der Störfall wurde von RWE über ein Jahr lang vertuscht.

Zu den 42 von der IPPNW-Studie genannten Sicherheitsmängeln von Biblis B zählen neben dem fehlkonstruierten Sicherheitsbehälter beispielsweise auch die unzureichende räumliche Trennung des Not- und Nachkühlsystems sowie der "unterbrechungsfreien Gleichstromversorgung". So kann es zum vollständigen Ausfall der Stromversorgung von Sicherheitssystemen und der Notkühlung kommen. Bei kleinen Leckagen besteht das Risiko, dass das Notkühlsystem den Reaktorkern nicht kühlen kann, weil die Hochdruck-Sicherheitseinspeisepumpen sowohl im Hochdruckbereich (oberhalb 110 bar) als auch im Niederdruckbereich (oberhalb 10 bar) versagen können.

Erhebliche Gefahren ergeben sich, so die IPPNW, auch daraus, dass Biblis über nur 4 statt über 8 Druckspeicher wie die so genannten "Konvoi-Anlagen" verfügt. Mehrere von Siemens in einer Großversuchsanlage durchgeführten Experimente zeigen, dass Störfallabläufe aufgrund von kleinen Lecks und auch Störfälle ohne Kühlmittelverlust (so genannte Transienten) mit nur 4 Druckspeichern unter Umständen nicht beherrscht werden können. Kleine Lecks und Transienten gehören aber zu den Ereignissen mit einer hohen Eintrittswahrscheinlichkeit.

Am 23. Februar 1995 ist es in Biblis B bereits zu einem Leck-Störfall gekommen. "Damals kam es glücklicherweise nur zum Austritt von immerhin vier Tonnen Wasserdampf pro Stunde aus einem Riss in Längsrichtung der betroffenen Rohrleitung", so die IPPNW-Studie. "Genau so gut hätte es zum Abriss der Rohrleitung aufgrund eines bereits sehr weit fortgeschrittenen Risses in Rohrumfangsrichtung kommen können. Der Super-GAU im Rhein-Main-Gebiet wäre dann nicht unwahrscheinlich gewesen."

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