Kinder- und Jugendärzte

Gesundheitsreform macht Jugendliche krank

Tausende Jugendliche, die an Allergien und Neurodermitis leiden, könnten bald zu chronischen Patienten werden. Dies ist die besorgniserregende Beobachtung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ), zwei Monate nach einem Beschluss des Gesundheits-Bundesausschusses (G-BA) in Berlin. Hintergrund sind die zum Therapiestandard gehörenden, nicht-verschreibungspflichtigen Medikamente - die so genannten OTC-(engl. "Over the Counter")Präparate - die Jugendliche seit 1.04.2004 aus eigener Tasche bezahlen müssen. Um das zuständige Bundesministerium für Gesundheit und soziale Ordnung (BMGS) auf diesen untragbaren Zustand aufmerksam zu machen, wurden seit dem 01.04.04 in den Praxen des BVKJ mehrere 10.000 Unterschriften gesammelt, die inzwischen den zuständigen Behörden vorliegen.

Zu diesen Medikamenten gehören neben Augentropfen und Nasensprays auch so genannte systemische Antihistaminika, die allergische Reaktionen des Körpers unterdrücken sollen. "In unseren Praxen stehen verzweifelte Eltern, die die hohen Kosten von mehreren 100 € pro Kind während der Pollensaison nicht bezahlen können. Viele der Betroffenen gehen erst gar nicht mehr zum Arzt und erhalten so auch die medizinisch notwendige Behandlung nicht", kritisiert Dr. Wolfram Hartmann, der Präsident des BVKJ. Auch vor den gesundheitlichen Langzeitfolgen warnt der Ärztepräsident. "Gerade bei Jugendlichen werden diese Beschwerden häufig negiert - viele sind eigentlich gar nicht schulfähig. Wenn die Lunge betroffen ist, kann es zu Asthma bronchiale kommen und somit zu einer Dauerschädigung. Die gesundheitliche Zukunft einer ganzen Generation steht auf dem Spiel", empört sich Dr. Hartmann weiter.

"Natürlich haben wir bereits kurz nach der Beschlussfassung vom 16.03.2004 in Berlin gegen diese unsinnige Regelung protestiert - aber offenbar interessiert man sich im Bundesministerium nicht besonders für die Gesundheit der Jugendlichen. Getreu dem Moto: Hauptsache die "(Kranken)-Kasse" stimmt - selbst wenn das auch auf Kosten der Gesundheit der Jugendlichen geht", kritisiert Dr. Hartmann weiter. "Das BMGS nimmt bewusst eine gesundheitliche Gefährdung und eine Entwicklung hin zu schwereren Verlaufsformen mit bleibenden Schäden in Kauf. Chronische Lungenerkrankungen werden die Folge sein und anschließend gibt es dann wieder Chronikerprogramme - ein typisches Beispiel für eine kurzsichtige Gesundheitspolitik", stellt Dr. Hartmann fest.

Da besonders sozial schwache Familien von dieser neuen Regelung betroffen sind, will sich der BVKJ mit dieser Situation nicht abfinden. "Unser Berufsverband sieht sich in dieser Situation mit der notwendigen, medizinischen Versorgung auch von Kindern und Jugendlichen aus ärmeren Familien konfrontiert. Wir werden uns speziell für diese Patienten einsetzen und nicht zulassen, dass Kinder, die in sozial schwachen Familien aufwachsen, so gravierende gesundheitliche Nachteile hinnehmen müssen. Das ist auch eine gesellschaftliche Verantwortung", mahnt Dr. Hartmann. Die Kinder- und Jugendärzte werden ihre Protestaktionen zusammen mit den Eltern ausweiten.

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