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Klinikärzte fordern 30 Prozent mehr Lohn und Abkehr von 30-Stunden-Schichten

"Frühkapitalistische Ausbeutungsmanieren"

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund droht mit weiteren Streiks, um ihre Forderung nach bis zu 30 Prozent mehr Lohn für die 146.000 Klinikärzte durchzusetzen. Es sei nicht hinnehmbar, dass deutsche Mediziner für einen Stundenlohn von rund elf Euro brutto arbeiteten, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft, Frank Ulrich Montgomery, am Montag in Berlin. Kollegen in anderen europäischen Ländern verdienten rund dreimal soviel. Der Marburger Bund verlangt außerdem die Wiederherstellung tariflich gesicherter Arbeitsbedingungen: "Geregelte Arbeitszeiten, statt Marathondienste zu Lasten der Ärzte und Patienten". Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld sollten rückgängig gemacht werden. Weiterhin fordert der Marburger Bund die Abschaffung kurzzeitig befristeter Arbeitsverträge und einen Abbau "bürokratischer patientenferner Tätigkeiten".

"Dass die Ärztinnen und Ärzte nicht länger bereit sind, unzumutbare Arbeitsbedingungen und schlechte Einkommen hinzunehmen, haben die massiven Streiks in den Universitätskliniken der Bundesländer bewiesen", schreibt der Marburger Bund in einer Pressemitteilung. Am 6. September hätten über 5000 der rund 22.000 Universitätsärzte in Stuttgart gegen die zunehmende Verschlechterung ihrer Arbeitssituation protestiert. "Wir sind nicht länger bereit, immer mehr Arbeit für immer weniger Geld zu leisten." Wenn nicht bald etwas geschehe, käme man mit 10.000 Ärzten wieder.

Arbeitgeber: "Flexible Modelle bei der Arbeitszeit und beim Entgelt"

Es sei ein hoffnungsvolles Zeichen, dass die Tarifgemeinschaft deutscher Länder nunmehr bereit sei, mit dem Marburger Bund am 15. September 2005 in Stuttgart Tarifgespräche aufzunehmen. Die Tarifgemeinschaft deutscher Länder teilte mit, bei diesen Gesprächen sollten die Arbeitsbedingungen für die Ärztinnen und Ärzte an Universitätskliniken erörtert werden.

Gegenstand der Gespräche sollen nach Meinung der Tarifgemeinschaft "flexible Modelle bei der Arbeitszeit und beim Entgelt" sein, "die sowohl den Interessen der Ärztinnen und Ärzte entsprechen als auch den Erwartungen der Universitätskliniken Rechnung tragen." Bei der Arbeitszeit sollten "auch neue Wege" geprüft werden.

Gegenstand der Gespräche sollen nach Angaben der Arbeitgeber auch die Möglichkeiten sein, "kurzfristige Befristungen von Arbeitsverträgen" mit Ärztinnen und Ärzten "einzudämmen". "Ferner soll im Rahmen dieser Gespräche eine Überprüfung der sonstigen Arbeitsbedingungen an den Universitätskliniken angestoßen werden."

Marburger Bund trennte sich von Gewerkschaft ver.di

Der Marburger Bund hat der Gewerkschaft Ver.di am Samstag die Verhandlungsvollmacht entzogen. Die Ärztegewerkschaft wird somit erstmals seit 55 Jahren als eigenständiger Tarifpartner auftreten.

Es habe sich gezeigt, dass die Interessen der Klinikärzte bei den Verhandlungen im öffentlichen Dienst zuletzt nicht mehr ausreichend vertreten worden seien, begründete Montgomery diesen Schritt. "Dieser Schritt ist notwendig, richtig und zukunftsweisend", heißt es in einer Pressemitteilung des Marburger Bundes. Es gehe um "eine eigenständige und mutige Interessenvertretung" aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte "in äußerst schwierigen Zeiten".

"Beim gigantischen Projekt, den Bundes-Angestelltentarifvertrag (BAT) durch einen neuen Tarifvertrag öffentlicher Dienst (TVöD) zu ersetzen, geraten die Ärzteinteressen nämlich vollends unter die Räder", heißt es weiterhin zur Begründung. Die Belange eines Krankenhausarztes und die eines Friedhofgärtners seien nicht länger gemeinsam verhandelbar.

Marburger Bund: "Vom Traumjob zum Jobtrauma"

"Chronische Defizite öffentlicher Kassen und Krankenhäuser, die permanent rote Zahlen schreiben", haben nach Darstellung des Marburger Bundes dazu geführt, dass sich die Arbeitsbedingungen für angestellte Ärzte in den vergangenen Jahren massiv verschlechtert hätten.

Deutlich werde diese Situation am durchschnittlichen realen Monatsnettoeinkommen junger Ärzte, das von 1993 bis 2002 um 7,5 Prozent gesunken sei. "Gleichzeitig stieg die Arbeitsbelastung für Krankenhausärzte auf ein unerträgliches Maß. Jährlich 50 Millionen Überstunden, die überwiegend nicht vergütet werden, 30-Stunden-Schichten, kaum planbare Familien- und Freizeit und überbordende Bürokratie – das ist der traurige Alltag der Krankenhausärzte in Deutschland. Der Arztberuf ist vom Traumjob zum Jobtrauma verkommen."

"Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem umgehend Maßnahmen zur Verbesserung der ärztlichen Arbeitsbedingungen umgesetzt werden müssen", schreibt der Marburger Bund. "Wir dürfen nicht länger zusehen, wie Ärzte in Krankenhäusern und Universitätskliniken regelrecht verbrannt werden."

"Es grenzt an frühkapitalistische Ausbeutungsmanieren, wenn man Ärzten, die mit rund 11 Euro brutto die Stunde jetzt schon unanständig wenig verdienen, noch mal rund zehn Prozent ihrer Einkommen stehlen will", sagte der Verbandsvorsitzende Montgomery.

Ver.di kritisiert "standespolitische Alleingänge"

Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat auf die Entscheidung des Marburger Bundes, die Kooperationsvereinbarung zu kündigen, mit Bedauern und Unverständnis reagiert. "Zu lange Arbeits- und Bereitschaftszeiten und zu wenig Freizeit und Erholung betreffen alle Beschäftigten im Gesundheitswesen und sind kein Privileg der Mediziner", schreibt Ver.di in einer Pressemitteilung. Es sei bedauerlich, wenn nun standespolitische Alleingänge den Teamgeist in den Krankenhäusern gefährdeten.

Gute medizinische Versorgung sei eine Gemeinschaftsleistung aller Beteiligten, egal ob Ärztin oder Arzt, Krankschwester oder -pfleger. Mit dem Ausscheren schwäche der Marburger Bund die Position der Beschäftigten im Gesundheitswesen gegenüber den Arbeitgebern.

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