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Wirtschaftsforscher als "kaffeesatzlesende Konjunkturpropheten" kritisiert

"Heilsbotschaften"

Mit einem bemerkenswert sarkastischen Pressemitteilung macht sich das Heidelberger Familienbüro Luft. In scharfer Form werden Wirtschaftsforscher und Politiker wegen der aktuellen Familien- und Wirtschaftspolitik angegriffen: Bereits vor und im Wahlkampf hätten die Parteien der voraussichtlichen neuen "Grossen Koalition" gemeinsam verdeutlicht, dass "Familienpolitik" künftig ausschliesslich in Beschäftigungspolitik für beide Eltern bestehen solle. Alle Kinder dürften dann "von den segensreichen Wirkungen staatlich organisierter Kinderbetreuung profitieren". Diese "arbeitsmarktzentrierte Familienpolitik" leide allerdings noch an einem "kleineren" Umsetzungsproblem: Der Arbeitsmarkt sei für die "von der Kinderbetreuungslast befreiten" potenziellen Eltern noch nicht ganz aufnahmefähig, sprich: Es gebe für die Eltern - trotz des Booms der deutschen Wirtschaft - keine ordentlich bezahlten Jobs.

Dass sich hier in absehbarer Zeit Grundlegendes ändern könnte, sei "weder von bald-Ex-Wirtschaftsminister Clements Kreuzzug gegen Parasiten noch von den kaffeesatzlesenden Konjunkturpropheten" zu erwarten, meint das Heidelberger Familienbüro. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute hätten mit ihrem "Herbstgutachten" am Donnerstag "wieder einmal - völlig losgelöst von den Fakten - ihre bekannten und in abgemilderter Form bereits seit Jahren praktizierten Heilsbotschaften verbreiten" können, die für mehr Arbeit - allerdings nicht für mehr auskömmliche Erwerbstätigkeit - sorgen sollten.

Inzwischen machen sich nach dem Eindruck des Familienbüros selbst Kommentatoren führender Wirtschaftszeitungen und ausländische Fachleute Sorgen über den "wirtschaftspolitischen Fundamentalismus der tonangebenden Ökonomen hierzulande".

"Export-Überschuss-Weltmeister"

Das Heidelberger Familienbüro verweist auf das Herbstgutachten, auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, des Internationalen Währungsfonds und auf verschiedene Presseberichte, wonach die Wirtschaft so gut dasteht wie nie zuvor. Deutschland sei nicht nur Exportweltmeister, sondern "Export-Überschuss-Weltmeister". Der Überschuss der Exporte über die Importe würde 2005 mit rund 120 Milliarden Dollar wiederum der zweithöchste in der Welt sein. Nur Japan und China hätten einen noch größeren Überschuss. Demgegenüber seien Staaten wie die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien massiv verschuldet.

Dem Export-Konkurrenten China würde vorgeworfen werden, die Welt mit seinen Waren zu überschwemmen. In Deutschland seien sich alle sicher, dass China seine billigen Arbeitskräfte ausnutze oder gar ausbeute. Über Deutschland werde ähnliches aber nicht gesagt oder geschrieben.

"Deutsche Konzerne horten 100 Milliarden Euro"

Deutsche Konzerne würden 100 Milliarden Euro "horten", heißt es unter Verweis auf einen Beitrag der Süddeutschen Zeitung. Die Konzerne hätten "volle Kassen" (Handelsblatt) und E.ON-Chef Wulf Bernotat quäle ein pikantes Problem: "Wohin mit dem vielen Geld" (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Auch die Pharmaindustrie sitze auf dem Geld (Frankfurter Allgemeine).

Das Heidelberger Familienbüro prangert den Reichtum der Konzerne auf der einen Seite und die zunehmend relative Verarmung der Bevölkerung auf der anderen Seite an. So sei laut Statistischem Bundesamt vom August 2005 im Verarbeitenden Gewerbe der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 7,6 Prozent gestiegen, die Zahl der Beschäftigten sei aber um 1,6 Prozent zurückgegangen.

Financial Times: "Allzweckdiagnose mangelnder Reformen"

Nach einem Bericht des Tagesspiegel im Juli 2005 seien sechs Millionen Jobs in den vergangenen Jahren abgebaut worden, der "Trend zu Teilzeit und Mini-Jobs" werde sich fortsetzen. Die Summe der Gehälter liege mittlerweile sechs Prozent niedriger als 2000, schrieb die Financial Times Deutschland im März 2005. "Immer erstaunlicher ist, mit welcher Kreativität findige Standortkritiker versuchen, deutsche Exporterfolge kleinzureden und die Konsumflaute trotzdem mit der Allzweckdiagnose mangelnder Reformen in Einklang zu bringen", kommentierte der Chefökonom des Wirtschaftsblattes.

Der Chefvolkswirt von Goldman Sachs, Jim O’Neill, habe heftige Kritik an den in Deutschland gängigen Rezepten gegen die Krise geäußert, schrieb die Financial Times Deutschland im Mai 2005. Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit habe sich in den vergangenen Jahren enorm verbessert, meint der Investmentbanker. Jetzt liege das Problem darin, dass die Einkommen der Leute zu langsam wachsen würden. Wenn jemand Wirtschaft studiert habe und von einem anderen Planeten nach Deutschland käme, würde er die meisten Ratgeber sofort entlassen, wird O’Neill in der Zeitung wiedergegeben. Der Goldman-Sachs-Experte habe mit seiner Einschätzung diametral den Empfehlungen deutscher Forschungsinstitute widersprochen, die erneut eine härtere Konsolidierung als Reaktion auf konjunkturbedingte Steuerausfälle gefordert hätten. Auch hielten die meisten deutschen Experten trotz globaler Konjunkturkrise der letzten Jahre daran fest, dass Deutschland kein Konjunkturproblem habe.

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