Vier Atomkraftwerke abgeschaltet
Beinahe-Unfall im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark-1
Die Betreibergesellschaft des Atomkraftwerks und die schwedische Atomaufsicht bezeichneten die Einschätzung des Forsmark-Konstrukteurs, der Reaktor habe vor einer Kernschmelze gestanden, als "übertrieben".
Nach Dartellung der IPPNW kam es in Forsmark offenbar auch zum teilweisen Versagen "der für die Kraftwerkssteuerung immens wichtigen unterbrechungslosen Gleichstromversorgung". Wegen der fehlenden Stromversorgung habe die Betriebsmannschaft in der Kraftwerkswarte schließlich völlig den Überblick verloren, weil zahlreiche Informationen über den Zustand der Anlage im Kontrollraum nicht mehr eingingen.
"Das Atomkraftwerk ist durch den Störfall fast zwanzig Minuten lang ohne echte Kontrolle gewesen, bis die Belegschaft den Betrieb des Kraftwerks manuell wieder in den Griff bekam", bestätigte auch Heinz Smital von Greenpeace. Die Bedienungsmannschaft habe also fast zwanzig Minuten lang "blind" agieren müssen, weil die elektronische Überwachung der Anlage ausgefallen sei.
Es kam offenbar allein aufgrund deswegen nicht zum Unfall, weil die Reaktorschnellabschaltung und Teile des Notkühlsystems funktionierten. Die Einschätzung der IPPNW: "Wären noch mehr Fehler in der automatischen Steuerung des schwedischen Atomkraftwerks aufgetreten, dann hätte die Welt in der vergangenen Woche möglicherweise ihren zweiten Super-GAU erlebt."
Ingvar Berglund, Forsmark-Sicherheitschef, findet den Konstruktionsfehler von Komponenten, über die sich ungehindert eine Kurzschlusskette fortsetzt, "nicht akzeptabel", schreibt die Berliner "tageszeitung". Laut Berglund habe sich nach dem Vorfall herausgestellt, dass der Herstellerfirma AEG, die die fraglichen Generatoren Anfang der Neunzigerjahre geliefert habe, diese Konstruktionsschwäche durchaus bekannt sei. AEG habe es aber nicht für notwendig gehalten, dieses Wissen weiterzugeben. Im Widerspruch dazu meldete am Mittwoch die Tageszeitung Upsala Nya Tidning, AEG habe Forsmark informiert, nachdem es einen Zwischenfall in einem deutschen Atomkraftwerk gegeben habe. Berglund will nicht ausschließen, dass dies ein "weltweites" Problem sein könne.
In Schweden wurden jetzt offenbar vorsorglich weitere vier Atomkraftwerke abgeschaltet, bis Klarheit über die genauen Abläufe und Ursachen herrscht. Die IPPNW fordert die deutsche Bundesregierung nachdrücklich auf, auch die deutschen Atomkraftwerke vorsorglich abzuschalten.
Nach Darstellung der Organisation kam es auch im RWE-Atomkraftwerk Biblis B am 8. Februar 2004 "zum gefürchteten Notstromfall, nur weil das Wetter schlecht war und es zu einem Kurzschluss in einer Stromleitung kam". Die IPPNW sieht zahlreiche Parallelen: "Auch in Biblis kam es zur Trennung vom Stromnetz, auch in Biblis versagte die Stromversorgung über den kraftwerkseigenen Generator, auch in Biblis versagten verschiedene Komponenten der Kraftwerkssteuerung, auch in Biblis waren Handmaßnahmen erforderlich, um die Situation zu retten."
Zudem erwiesen sich die Notstromdieselaggregate auch in Biblis B sowie in anderen deutschen Atomkraftwerken als "wenig zuverlässig". So sei es in Biblis B zuletzt am 25. Oktober 2005 zu einer Kühlwasserleckage am Motorölwärmetauscher eines Notstromdieselmotors gekommen. Im Jahr 2004 sei es drei Mal und im Jahr 2003 zwei Mal zum Versagen eines Notstromdiesels gekommen.
Greenpeace verweist auf einen Fall im deutschen E.On-Atomkraftwerk Isar-2 vom 3. März 2004. Dort sei es zu einer kurzfristigen Unterbrechung der Notstromversorgung gekommen.
Nach Einschätzung der IPPNW gibt es in allen Atomkraftwerken ein ganz grundlegendes Problem: "Die Steuerung von Atomkraftwerken kann jederzeit durch Kurzschlüsse beziehungsweise Überspannungen aus dem Ruder laufen und zum Super-GAU führen". Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) habe schon 1992 in einer Arbeit für das Bundesumweltministerium eindringlich vor diesen Überspannungen gewarnt. Die Folgen aus diesen Warnungen beschreiben die Atomkritiker so: "Aber in Deutschland ignoriert man sicherheitstechnische Schwachstellen, die man nicht lösen kann schlichtweg nach dem Motto: Augen zu und durch. Bis es mal zu spät ist."
Das deutsche Bundesumweltministerium ist als Bundesatomaufsicht zuständig für die Prüfung der Übertragbarkeit von sicherheitstechnischen Schwachstellen auf deutsche Atomkraftwerke. Die Informationspolitik des Ministeriums lässt allerdings zu wünschen übrig. In einer knappen Pressemitteilung heißt es, das Bundesumweltministerium prüfe Konsequenzen aus dem Störfall in Forsmark.
Das Bundesumweltministerium ermittele zur Zeit den genauen Sachverhalt und werde so schnell wie möglich klären, "ob die zugrunde liegenden sicherheitstechnischen Mängel auch in deutschen Atomkraftwerken vorliegen können". Zu den Vorkommnissen in Biblis B und Isar-2 äußerte sich das Ministerium nicht.
Auch hinsichtlich der Geschehnisse in Forsmark informiert die deutsche Bundesregierung die Öffentlichkeit nur sehr rudimentär: "Bei dem Ausfall der elektrischen Versorgungen im Atomkraftwerk Forsmark handelt es sich um ein sicherheitstechnisch ernstes Ereignis." Auch die deutsche Atomindustrie, die sich in den vergangenen Monaten immer wieder zu einer möglichen Renaissance der Atomenergie zu Wort gemeldet hatte, hält sich zu dem Thema sichtlich zurück.
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Am 03. Aug. 2006 unter:
arbeitStichworte:
« Caritas befürchtet allgemeine Versorgungsengpässe im Libanon
Diskussionen über Konsequenzen nach dem Beinahe-GAU in Schweden »
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