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Umweltministerium setzt im Verkehr auf knappes Erdgas

Innovationspreis der Gaswirtschaft

Mit der Konsistenz in der Bundesregierung ist es so eine Sache. Während Außenpolitiker und auch Kanzleramtsminister Thomas de Maizière beständig auf die Knappheit des Energierohstoffs Erdgas und auf das Konfliktpotenzial bis hin zu Rohstoffkriegen hinweisen, fordert das Bundesumweltministerium gemeinsam mit der deutschen Erdgaswirtschaft die Automobilindustrie dazu auf, "endlich konsequent" Erdgas-Fahrzeuge auf den Markt zu bringen. "Die Nachfrage nach umwelt- und klimafreundlichen Gasfahrzeugen ist groß. Aber nur mit optimierten Pkw, Bussen und Lkw kann Erdgas als Kraftstoff seine Vorteile wirklich zur Geltung bringen", sagte die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Astrid Klug, am Dienstag bei der Verleihung der Innovationspreise der deutschen Gaswirtschaft 2006.

Bei der Veranstaltung wurden "die umweltfreundlichen Entwicklungen" von fünf Projekten gewürdigt. In der Kategorie "Innovationspreis für umweltschonende Mobilität" wurden zwei Auszeichnungen für das Engagement zur Entwicklung und Verbreitung optimierter emissionsarmer Erdgasantriebstechnik im Verkehrsbereich vergeben. "Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, endlich das familienfreundliche Dreiliterauto auf den Markt zu bringen", so Klug.

In der Kategorie "Innovationspreis für Planung, Forschung und Entwicklung" wurden drei Unternehmen honoriert, die neuartige Energieanwendungen entwickelt beziehungsweise umweltschonende Technologien in neuen Bereichen eingeführt haben. Dies sind beispielsweise ein System zur gemeinsamen Strom- und Wärmeproduktion für Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie ein Raumtemperierungssystem mittels einer Wärmepumpen-Eisspeicher-Kombination. "Der Innovationspreis der deutschen Gaswirtschaft ist ein Signal, um gute Ideen zur Steigerung der Energieeffizienz und zur Verminderung der Treibhausgasemissionen auszuzeichnen", meint die Politikerin.

Klug mahnte gleichzeitig die Gaswirtschaft, ihr Produkt mit Blick auf die Nutzung als Treibstoff zu optimieren. Es sei jetzt "vordringliche Aufgabe der Gaswirtschaft, sich beim Erdgas auf einen niedrigen Schwefelgehalt, wie heute schon beim Benzin und Diesel, sowie auf eine annehmbare und verlässliche Kraftstoffnorm zu einigen". Dies sei, neben dem weiteren Ausbau der Tankstelleninfrastruktur, eine Voraussetzung um "dem umweltfreundlichen Erdgas" als Treibstoff zum Durchbruch zu verhelfen.

Erdgas ist nach Auffasung von Klug insbesondere in Kombination mit Biogas besonders klimafreundlich. Darüber hinaus habe Erdgas weder ein Feinstaub- noch ein Stickoxidproblem, sodass entsprechende Fahrzeuge zur Luftreinhaltung insbesondere in Innenstädten und Ballungsräumen beitrügen. Erdgas als Kraftstoff sei zudem bis zum Jahr 2018 mineralölsteuerbegünstigt.

Erdgas für den Strom-, Wärme- und Verkehrssektor

Ginge es nach dem Willen von Umweltpolitikern und der Erdgaswirtschaft, dann würde knappes Erdgas bald in allen Energieverbrauchssektoren dominieren. Schon in den vergangenen Jahrzehnten drängte Erdgas in den Wärmemarkt und ersetzte einen Teil des Erdöls.

In den vergangenen Jahren werden zunehmend Kraftwerke auf Erdgasbasis errichtet. Während die Energiekonzerne Erdgas-Großkraftwerke errichten, fordern Umweltschützer den Erdgas-Einsatz in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen zur gleichzeitigen Produktion von Strom und Raumwärme. Doch damit nicht genug: Der knappe Energierohstoff soll nach Vorstellung des Bundesumweltministeriums verstärkt auch im Verkehrssektor für den Betrieb von Autos, Bussen und Lkw eingesetzt werden.

"Wachsende Konkurrenz um knappe Ressourcen"

Kanzleramtsminister Thomas de Maizière hatte erst vor wenigen Tagen auf "das Konfliktpotenzial der wachsenden Konkurrenz um knappe Ressourcen" hingewiesen. "Unsere Energieversorgung ist keineswegs gesichert", so de Maizière. Die Energiepolitik stehe heute vor den größten Herausforderungen seit der ersten so genannten Ölkrise 1973/74.

Aus deutscher und europäischer Sicht sei das Problem, dass die Abhängigkeit von Importen fossiler Energieträger steige. "Das Problem ist nicht die begrenzte Reichweite der verschiedenen fossilen Energieträger, sondern deren ungleiche Verteilung", so de Maizière. Der größte Teil der Weltöl- und -gasreserven sei "auf wenige Länder konzentriert". Politisch instabile Weltregionen würden für die Versorgung immer wichtiger.

Die Lage bei der "Zukunftsenergie Erdgas" stellt sich nach Auffassung des deutschen Kanzleramtsministers teilweise sogar ungünstiger dar als die beim Öl: "Hier sind die Importe Deutschlands und der EU noch weniger diversifiziert. Der weitaus größte Teil der EU-Gasimporte kommt aus nur drei Lieferländern: Russland allein stellt deutlich über 40 Prozent unserer Erdgasimporte, gefolgt von Norwegen mit knapp 30 Prozent und Algerien mit rund 20 Prozent. Gerade einmal 5 Prozent der EU-Gasimporte entfallen auf andere Länder."

Die Fixierung auf nur wenige Lieferländer sei "von großer Bedeutung, weil bei der Gasversorgung über Pipelines technisch bedingt Abhängigkeiten noch stärker und langfristiger wirken als beim Öl, wo ein vergleichsweise flexibler Markt mit einer größeren Zahl von Anbietern besteht." Noch problematischer werde diese Abhängigkeit, wenn – wie aktuell geschehen – innerhalb dieser kleinen Gruppe von Gaslieferanten auch noch Vereinbarungen unter der Überschrift "strategische Zusammenarbeit" – nicht nur bei der Produktion, sondern auch beim Vertrieb – geschlossen würden. Der Politiker sieht nur die Möglichkeit der Beobachtung: "Diese Entwicklung müssen wir mit großer Wachsamkeit verfolgen."

Große Öl- und Gasreserven "vor der Haustür Europas" wie in Nordafrika und in Norwegen - hätten in den vergangenen Jahren zudem das Interesse US-amerikanischer und chinesischer Öl- und Gasgesellschaften geweckt, so der Kanzleramtsminister. "Wer hätte noch vor wenigen Jahren damit gerechnet, dass sich US-Unternehmen den größten Teil neuer Ölförderlizenzen in Libyen sichern könnten oder dass die Hälfte des Erdgases, das vor der Küste Nordnorwegens demnächst gefördert wird, als LNG, also als verflüssigtes Gas, in die USA exportiert wird?"

"Selbst das Gas aus Nordwestsibirien, das seit langem mehr als ein Drittel unserer Erdgasimporte sichert und damit unverzichtbar ist, könnte zu einem Teil nach China abfließen", fürchtet der Kanzleramtsminister.

De Maizière sieht vor diesem Hintergrund die Alternative in der heimischen Kohle und insbesondere in der Energieeffizienz sowie in den erneuerbaren Energien. Letztere bezeichnete der Kanzleramtsminister als "Lichtblick". Sie erlebten derzeit einen "kaum vorhergesagten" Aufschwung und würden "als langfristig verfügbare, einheimische Energiequellen" einen deutlich höheren Anteil der Energieversorgung decken als bisher. Auch für den Energiegroßverbraucher "Verkehr" würden sie "zunehmend interessant", sagte der CDU-Politiker - 30 Jahre nach der Ölpreiskrise.

EU-Prognose: Erdgasverbrauch wird bis 2020 um 25 Prozent steigen

Nach Auffassung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) müssten zusätzlich zu den bereits heute vertraglich vereinbarten Erdgas-Importen in erheblichem Umfang "weitere Lieferungen gesichert" werden, um die Europäische Union bis zum Jahr 2020 ausreichend mit Erdgas zu versorgen. Zu diesem Ergebnis kommt das DIW Berlin in seinem aktuellen Wochenbericht.

Um eine zu starke Abhängigkeit von Russland zu vermeiden, sollten die zusätzlichen Gasmengen zu einem erheblichen Anteil auch aus anderen Ländern beschafft werden, meinen die Wirtschaftsforscher und schlagen den Mittleren Osten und Afrika vor, wo schon jetzt heftige Konflikte um die Energierohstoffe toben.

Nach der Prognose der EU wird der Erdgasverbrauch der europäischen Länder bis zum Jahr 2020 um 25 Prozent steigen. Da die Erdgasgewinnung in den meisten europäischen Ländern bereits zurückgeht oder in absehbarer Zeit zurückgehen wird, sollen die Erdgasimporte noch stärker erhöht werden. Die bisher vertraglich gesicherten Erdgasimporte aus Russland und nichteuropäischen Staaten reichen dafür offenbar noch nicht aus. Zusammen mit der eigenen Gewinnung könnten diese Importe in 2020 etwa zwei Drittel des prognostizierten Verbrauchs decken.

Vor allem in Russland sowie in den Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres, im Mittleren Osten und in Nordafrika seien zwar große Reserven vorhanden, "angesichts politischer Unsicherheiten in den meisten potentiellen Lieferländern ist es aber nicht gesichert, dass die zur Erschließung dieser Reserven und zum Ausbau der Infrastruktur notwendigen Investitionen in dem dafür erforderlichen Umfang und ausreichend schnell getätigt werden", schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.

"Jagd nach Rohstoffen in Afrika" Bundespräsident Horst Köhler warnte im April vor neuen Problemen in Afrika durch die weltweite "Jagd nach Rohstoffen". Köhler war von der Zeitschrift "Internationale Politik" gefragt worden, ob Deutschland auch eigene nationale Interessen in Afrika verfolge. Daraufhin antwortete Köhler: "Dass wir auch deutsche Interessen identifizieren und einbringen, möchte ich doch sehr hoffen."

Der Bundespräsident wurde weiterhin zugespitzt gefragt, ob Deutschland Rohstoff-Interessen in Afrika habe. Dazu Köhler: "Auch wir müssen mit vitaler Aufmerksamkeit unsere Energie- und Rohstoffversorgung sichern - aber nicht, wie sich das derzeit abzeichnet, nach der Methode, wer kommt am schnellsten und am billigsten an afrikanische Ressourcen! Es wäre eine Tragödie für die Menschheit und als erstes natürlich für die Menschen in Afrika, wenn nach der Sklaverei, nach dem Kolonialismus, nach dem Kalten Krieg jetzt ein neuer Megatrend, nämlich die Nachfrage nach Rohstoffen und Öl, afrikanische Bemühungen um Demokratie, um gute Regierungsführung und Armutsbekämpfung unterlaufen würde."

Beispiel Sudan

Am Beispiel des Sudan wird deutlich, mit welchen Bandagen schon jetzt um den Rohstoffreichtum gestritten wird. Die Rebellen des Südens konkurrieren mit der Zentralregierung seit langem unter anderem um die Einnahmen aus dem Erdöl-Geschäft. Die Zentralregierung des Landes hat Verträge mit asiatischen Unternehmen geschlossen. Das Öl aus dem Südsudan fließt per Pipeline über die Hauptstadt Khartum zur Hafenstadt Port Sudan am Roten Meer. Von dort wird das Öl per Schiff nach Asien transportiert.

Deutschland unterstützt in Sudan - nicht zuletzt auch mit der Präsenz der Bundeswehr - die Rebellen des Südens, die mit der Zentralregierung jahrelang einen Bürgerkrieg um die Einnahmen aus dem Ölgeschäft führten. Im Januar 2005 kam es – nicht zuletzt auch aufgrund intensiven Drucks seitens der deutschen Bundesregierung – zu einem "Friedensvertrag", der den Rebellen die Macht im Süden des Landes und einen Anspruch auf die Hälfte der Einnahmen aus dem Ölgeschäft überträgt.

Außerdem darf sich der Süden laut Vertrag sechs Jahre später in einem Referendum von Sudan abspalten und einen eigenen Staat bilden. Nach einer Abspaltung des Südens bliebe der Nordsudan ohne Zugang zum Öl. Die Bundeswehr möchte nach Angaben der Bundesregierung gut sechs Jahre im Land bleiben, um die Umsetzung des Vertrages zu überwachen. Das wiedervereinigte Deutschland scheint im Zuge seiner an Rohstoffinteressen orientierten Außenpolitik eine Politik zu verfolgen, die zu einer Teilung des Sudan und somit möglicherweise zu einer weiteren Verschärfung des Konflikts beitragen könnte.

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