"Falscher Ölpreis"

BDI-McKinsey-Klimastudie in der Diskussion

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die Unternehmensberatung McKinsey & Company haben am 25. September gemeinsam in Berlin eine Studie mit dem Titel "Kosten und Potenziale der Vermeidung von Treibhausgasemissionen in Deutschland" veröffentlicht. Nach Darstellung der Herausgeber handelt es sich um die weltweit erste umfassende betriebswirtschaftliche Analyse aller wesentlichen Klimaschutztechnologien einschließlich der Angaben zu den Kosten "aus Sicht der Entscheider" in Euro pro eingesparte Tonne Treibhausgas. "Mit der Studie liefern wir einen essenziellen Beitrag zur Bewertung der klima- und energiepolitischen Pläne der Bundesregierung. Wir verstehen die Studie als ein Angebot zur Zusammenarbeit mit der Bundesregierung", so BDI-Präsident Jürgen Thumann. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) hält die Studie für grob fehlerbehaftet: Es sei mit einem "falschen Ölpreis" gerechnet worden, der sogar den eigenen Annahmen in anderen Studien widerspreche.

"Erstmals wurden aus Sicht der Entscheider, also der Investoren, Eigenheimbesitzer, Autokäufer und vieler anderer Entscheider, die Kosten und Potenziale von mehr als 300 technologischen Einzelhebeln zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen ermittelt", so die Werbung des BDI für die Studie.

Der Untersuchung zufolge soll in den vier Sektoren Gebäude, Industrie, Energie und Transport ein Abbau der Treibhausgasemissionen bis 2020 um 26 Prozent gegenüber 1990 "wirtschaftlich erreichbar" sein – "ohne Einbußen für Wirtschaftswachstum und Lebensqualität sowie unter Beibehaltung des Kernkraftausstiegs, mit durchschnittlichen Vermeidungskosten von bis zu 20 Euro pro Tonne CO2-Äquivalent."

Laut BDI existieren "weitere Vermeidungshebel". Für deren Realisierung wären jedoch "wesentlich höhere" Investitionen erforderlich. Bereits eine Reduktion um 31 Prozent würde – unter Beibehaltung des Kernenergieausstiegs – zu deutlich höheren durchschnittlichen Vermeidungskosten zwischen 32 und 175 Euro pro Tonne CO2-Äquivalent führen, so die Studie. Diese resultierten aus der dafür erforderlichen zusätzlichen Erhöhung des Anteils der erneuerbaren Energien am Energieträgermix, die politisch aber schon entschieden sei.

Der größte Teil der bewerteten Einsparpotenziale lasse sich mit "bereits bekannter und erprobter Technik" realisieren, "etwa zwei Drittel der Maßnahmen rechnen sich sogar – wenn auch nur unter bestimmten politischen Rahmenbedingungen", so der BDI. Eine Reduzierung der Treibhausgase über 31 Prozent hinaus sei jedoch ohne Beibehaltung der Kernenergie wirtschaftlich nicht darstellbar.

Der Industrieverband hat sich für die Studie der Rückendeckung von mehr als 70 Unternehmen und Industrieverbänden versichert. Auch wurde ein "wissenschaftlicher Beirat" eingerichtet, dem die Professoren Martin Hellwig, Wolfgang Ströbele und Carl Christian von Weizsäcker angehörten.

Der BDI-Präsident erwartet von der Politik finanzielle Unterstützung, etwa durch Marktanreizprogramme. Dies betreffe nicht zuletzt auch alle Maßnahmen zur Verbreitung der besten Technologien auf den Weltmärkten. "Erst indem wir den Export von relevanten Technologien gewährleisten, finden wir die passende globale Antwort auf das globale Problem Klimawandel und stärken zudem unsere heimische Wirtschaft und Beschäftigung", so Thumann.

Bundesumweltministerium: Methodischer Ansatz der BDI-Studie ist nicht neu

Das Bundesumweltministerium begrüßte die BDI-Studie. Man könne zwar nicht jeder der in der Studie gezogenen Schlussfolgerungen zuzustimmen - dies gelte vor allem für den Vorschlag, die Restlaufzeiten der Atomkraftwerke aus klimaschutzpolitischen Gründen zu verlängern. Die Studie biete jedoch eine Reihe von "interessanten Ansätzen und Überlegungen", die die Basis für eine "engere" Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft schaffe.

Umweltstaatssekretär Matthias Machnig begrüßte vor allem den differenzierten methodischen Ansatz, "der auch den wissenschaftlichen Untersuchungen entspricht, die das Bundesumweltministerium der Ausgestaltung der deutschen Klimaschutzpolitik zugrunde legt". Die Studie zeige "erneut", dass Klimaschutz nicht nur bezahlbar ist, sondern in vielen Bereichen sogar zu massiven Einsparungen führen könne. Für die deutsche Wirtschaft biete der Klimaschutz große Chancen.

Bundesverband Erneuerbare Energie: McKinsey im Auftrag des BDI täuscht durch unrealistisch niedrige Ölpreise

Nach Auffassung des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE) können die deutschen Klimaschutzziele zu deutlich geringeren Kosten erreicht werden, als vom BDI behauptet. Mit einem höheren Anteil Erneuerbarer Energien könnten die CO2-Emissionen bis 2020 sogar um 40 Prozent gesenkt werden, "ohne dass die Kosten jemals die vom BDI genannte Höhe erreichen".

Hauptursache für die nach Auffassung des Verbandes "fehlerhafte Berechnung des BDI" seien ein falsch angenommener Ölpreis und die Vernachlässigung Erneuerbarer Energien bei den CO2-Minderungspotenzialen. So lasse die Studie zum Beispiel den gesamten Bereich der Wärmeerzeugung aus Erneuerbaren Energien außen vor. Besonders augenfällig sei, dass "McKinsey im Auftrag des BDI" mit "unrealistisch niedrigen Ölpreisen" rechne, so Milan Nitzschke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energie. So werde "entgegen allen Prognosen" und auch "entgegen eigenen Annahmen in anderen Studien" für 2020 ein Ölpreis angenommen, der real 30 Prozent unter dem heutigen Ölpreis liege. "Damit erscheinen alle Effizienzmaßnahmen und auch der Ausbau Erneuerbarer Energien teurer als sie in Wirklichkeit sind", kritisiert Nitzschke.

Bei einem Ölpreis, der real auf heutigem Niveau bliebe, würden die vom BDI angegebenen Kosten bis 2020 auf Null zusammenschrumpfen. "Allein durch den Ausbau Erneuerbarer Energien können wir bis 2020 über 100 Milliarden Euro für Öl- und Gasimporte einsparen", so Nitzschke. "Die Gutachter unterschätzen deutlich das Potenzial Erneuerbarer Energien zur CO2-Minderung. Den Wärmebereich blendet die Studie komplett aus - obwohl das von der Bundesregierung angekündigte Wärmegesetz für Erneuerbare Energien eine der Maßnahmen ist, die der BDI eigens untersuchen lassen wollte."

Auch das Potenzial der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien liege bei McKinsey "erheblich unter den Erwartungen der Branche der Erneuerbaren Energien". Erneuerbare Energien könnten insgesamt bis 2020 über 130 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr zusätzlich einsparen. "McKinsey berechnet für den BDI gerade einmal 48 Millionen Tonnen."

Greenpeace: Autoren propagieren Technik der Kohlendioxid-Speicherung, die möglicherweise gar nicht funktioniert

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisierte, dass die Autoren der Studie "die weitere Nutzung der besonders klimaschädlichen Braun- und Steinkohle" favorisierten und den Einsatz der Kohlendioxid-Speicherung propagierten. "Eine Technik, von der wir heute noch nicht einmal wissen, ob sie funktionieren und was sie kosten wird."

Vernachlässigt werde dagegen der massive Ausbau aller Erneuerbaren Energien, die Einsparpotenziale im Energiesektor und der Ersatz von Stein- und Braunkohle durch den effizientesten fossilen Energieträger Gas. "Das ist die Handschrift der Energiewirtschaft innerhalb des BDI", meint Greenpeace.

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