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Teuer, öko, retro, bunt

Prenzlauer Berg - Ein Kommentar

Spricht man mit jungen Menschen im Ausland und erwähnt, man komme aus Berlin, dann reagieren sie meist begeistert. Sie schwärmen von "diese coole Friedrichs'ain" und "beautiful Prenzlauer Berg". Die Stadt ist europaweit bekannt für ihre Szenebezirke. Doch für den Berliner selbst wird es schwerer, die Frage nach den interessantesten Orten der Stadt zu beantworten. Denn die eigentlich als Aufwertung bezeichnete Wandlung hat die zentrumsnahen Stadtteile Berlins zwar optisch aufgewertet. Doch sie wurden damit auch ihrer bisherigen Spannung beraubt.

Bis vor wenigen Jahren empfand ein Großteil der Jungen den Prenzlauer Berg als Mekka für Spaß, Spannung und Abenteuer. Heute macht sich immer öfter ein Unbehagen breit, wenn es um dieses Gebiet mit der höchsten Sanierungsrate Europas geht. Irgendetwas ist anders geworden. Deutlichstes Zeichen sind die verschwundenen Punks, die mit ihren Pöbeleien vor der Sparkassenfiliale fest zum Bild der Eberswalder Straße gehörten. Nun sind sie fort, ersetzt durch einen grimmig dreinschauenden Security-Mann.

Als würde ein solches Wachmännchen an allen strategischen Orten des Viertels stehen, reinigt sich die Gegend von Elementen, die die neuen Bewohner in ihrer urbanen Idylle stören könnten. Die Eltern des kinderreichsten Bezirks Deutschlands fordern Ruhe und Ordnung für die Kleinen, aber noch viel mehr für sich. Laute Partys werden hier schneller der Polizei gemeldet als in manch ruhigeren Bezirken. Die Sehnsucht nach einem Rückzugsort aus der viel zu schnellen Stadt ist wichtiger als die Toleranz gegenüber den Lebensformen anderer.

Der Prozess der Entmischung, der in den 90er Jahren begonnen hat, ist nun beinahe abgeschlossen: Die hohen Quadratmeterpreise haben die ursprüngliche Bevölkerung, zumeist Arbeiter, aus ihrer Heimat vertrieben und entwurzelt. Welche Identitätskrise für diese Menschen entstand, hat keinen Immobilieneigentümer interessiert. Angesichts der hohen Summen, die die schnell nachziehende Akademikerschicht für die aufgewerteten Wohnungen zu zahlen bereit war, haben sie keinen Gedanken an soziale Folgen verschwendet. Diese Summen sorgen auch heute zuverlässig dafür, dass keine wirtschaftlich schwachen Migranten die Grenzen des Prenzlberg-Idylls überschreiten. Ohne den Aufschrei von Stadtplanern oder Politikern hervorzurufen, ist ein Ghetto mitten in der Stadt entstanden, das nicht durch die Zugehörigkeit zu einer Ethnie sondern zu einem "style of life" bestimmt ist. Auch für die Elemente der früheren Subkultur, die den Ort einst so attraktiv machten, ist heute nicht mehr viel Raum vorhanden.

Auch wenn die jetzigen Bewohner großen Wert darauf legen, möglichst individuell zu wirken und sich um jeden Preis von der grauen Masse abheben wollen, ist die Konformität überall zu spüren. Das Leben hier kann auf vier Maximen reduziert werden: Teuer, öko, retro, bunt. Wer sich damit nicht zufrieden gibt und keine Lust hat, die Augen vor der Welt außerhalb der Tore des Kleinstadtidylls unterm Fernsehturm zu verschließen, der passt nicht in den am stärksten aufgewerteten Stadtteil der Hauptstadt. So kann dieser weiter gedeihen zu einer Enklave der Borniertheit. Dort wachsen Kinder mit Yoga-Unterricht und Chai-Tee auf, ohne auch nur zu ahnen, dass sie Bürger einer multikulturellen und widersprüchlichen, damit aber auch sehr spannenden Stadt sind.

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