"Verzögerungstaktik"

Krümmel und Brunsbüttel weiter auf unbestimmte Zeit vom Netz

Auch ein Jahr nach der Schnellabschaltung der schleswig-holsteinischen Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel werden beide Atommeiler auf unbestimmte Zeit weiterhin keinen Strom liefern. Ein Termin für das Wiederanfahren sei derzeit völlig offen, sagte der Geschäftsführer des Betreibers Vattenfall Europe Nuclear Energy, Ernst Michael Züfle, am Montag (16. Juni) in Krümmel. Beim Kieler Sozialministerium als Atomaufsichtsbehörde sei auch noch kein Antrag gestellt.

Grund für die weitere Verzögerung seien umfangreiche Arbeiten an zahlreichen Schwerlastdübeln sowie Risse in Armaturen im Reaktorgebäude, die erst während der laufenden Arbeiten bei der Revision entdeckt worden seien. Züfle musste auf Nachfrage einräumen, dass die ersten schadhaften Armaturen bereits im vorigen August erstmals entdeckt worden seien. Dennoch hatte eine von Vattenfall nach den Abschaltungen vom 28. Juni eigens eingesetzte Expertenkommission nach eigener Einschätzung im Herbst grünes Licht für ein Wiederanfahren gegeben.

Wegen des unsachgemäßen Einbaus der Schwerlastdübel wurden den Angaben zufolge in Krümmel bereits 230 Dübel ausgetauscht, 40 weitere sind nach derzeitigem Erkenntnisstand bis zum Wiederanfahren noch erforderlich. In Brunsbüttel wurden bislang 50 Dübel ausgetauscht, hier sollen noch 300 ersetzt werden.

Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital kritisierte, dass Vattenfall die Kraftwerke im vergangenen Jahr wieder habe anfahren wollen, obwohl die Risse in den Armaturen bereits bekannt gewesen seien. Der Betreiber sei nicht in der Lage, die Risiken seiner eigenen Anlagen und ihrer technischen Probleme einzuschätzen. Die Risse seien keine Einzelfälle, sondern entstünden durch den normalen laufenden Betrieb. Diese Problematik weite sich offenbar zu einer "größeren Geschichte" aus, die möglicherweise alle Kernkraftwerke betreffe.

Der Meiler Krümmel war am 28. Juni 2007 nach dem Brand eines Trafos vom Netz gegangen. Brunsbüttel wurde am selben Tag wegen eines Kurzschlusses in einer Schaltanlage abgeschaltet. Der Stillstand beider Kraftwerke kostet den Betreiber laut Vattenfall-Vorstand Reinhardt Hassa pro Tag zusammen mehr als eine Million Euro Produktionsausfall.

RWE: Wir können den Reaktor in Biblis so fahren ...

Lange Anlagenstillstände können auch den Grund haben, den Abschalttermin von Atomkraftwerken laut Atomgesetz zu verschieben. So sparen die Atomkraftwerksbetreiber "Strommengen", die sie noch erzeugen dürfen. RWE-Chef Jürgen Großmann hatte in einem Interview mit dem Spiegel im Dezember 2007 zugegeben, dass es sich um Anlagenstillstand des Atomkraftwerks Biblis um eine bewusste Verzögerungstaktik gehandelt hat. Großmann hatte eingeräumt, die Restlaufzeit für Biblis A tatsächlich steuern zu können – auch bis über die nächste Bundestagswahl hinaus. Großmann wörtlich zum "Spiegel": "Wir können den Reaktor in Biblis so fahren, dass wir mit den Restlaufzeiten über die nächste Bundestagswahl kommen. Und dann gibt es vielleicht ein anderes Denken in Bevölkerung und Regierung." Damit ist die Hoffnung des Konzerns verknüpft, die endgültige Abschaltung von Deutschlands ältestem Atom-Meiler verhindern zu können. Auch das Atomkraftwerk Neckarwestheim-1 soll angeblich mit gedrosselter Leistung betrieben werden, um den Abschalttermin zu verzögern.

Zeige Deinen Kontakten bei Google und Facebook, dass Dir dieser Beitrag gefällt!