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Gesundheitsreform - Hebammen und andere Soziale Einrichtungen

Gesundheitsreform Ende der Hebammen

Im Lauf der Gesundheitsreform kam es in zu vielen Veränderungen und auch drastischen Einschränkungen. Dennoch sind die Krankenkassen bemüht, die medizinische Grundversorgung zu gewährleisten, nicht selten auf Kosten von Einrichtungen und Personal.

Ist der Beruf der Hebamme bald nur noch Erinnerung?

Doch eine Berufsgruppe stand dabei nie wirklich im Fokus der Öffentlichkeit. Warum aber eigentlich? Der Beruf gehört so selbstverständlich zu unserem Leben, dass er nie sonderlich Erwähnung findet. So alt, wie die Menschheit, fast jeder Bürger hat sie mindestens einmal in Anspruch genommen, doch genau diese Berufsgruppe wird nun behandelt, wie das Stiefkind des Gesundheitswesens. Der Beruf der Hebamme. Jetzt streiken gerade sie Deutschland weit.

Zu den Forderungen und Zielen des Streiks führte der „Strassenfeger“ ein Interview mit Jitka Weber, der 2. Vorsitzenden des Verbandes der freiberuflichen Hebammen.

Strassenfeger: Streiks im Gesundheitswesen sind fast Normalität. Schwestern streiken, Ärzte und nun auch die freiberuflichen Hebammen. Welches sind Ihre hauptsächlichen Gründe dafür?

J. Weber: Die Hauptgründe für unsere Streiks sind die wirklich miserablen Arbeitsbedingungen, unter denen Hebammen in allen Bereichen ihrer Tätigkeit zu kämpfen haben. Dies betrifft sowohl angestellte als auch freiberufliche Hebammen. Im klinischen Bereich ist die Personalsituation in den meisten Kreißsälen so angespannt, dass die Hebammen nicht selten sechs Frauen pro Schicht betreuen. Der Deutsche Hebammenverband fordert hier die Kliniken auf, die Stellenschlüssel und Bezahlung der angestellten Hebammen zu verbessern, um eine würdevolle Begleitung der Frauen unter der Geburt zu ermöglichen.

Im freiberuflichen Bereich ist es noch drastischer. Hier kämpfen Hebammen tatsächlich um ihre Existenz. Inzwischen stellt sich ein Großteil die Frage, den Beruf aufzugeben, weil man davon nicht mehr leben kann. Freiberufliche Hebammen haben eigentlich keine Lobby, die sie unterstützt. Mal von den betreuten Familien abgesehen. Selbst unsere E-Petition vom Mai 2010 mit 293.000 Unterzeichnern hat bisher keine greifbaren Veränderungen von politischer Seite herbei führen können.

Wir fordern Maßnahmen zum Erhalt der Hebammenhilfe in Deutschland, eine Datenerhebung zur Einkommenssituation der Hebammen und dem Bedarf der Frauen an Hebammenhilfe. Auch wenn die aktuell gerade in die Wege geleitet wird dauert es, bis die Politik und die Krankenkassen auf uns zu kommen werden.

Strassenfeger: Wie machen sich die Gebührenerhöhungen für die freiberuflichen Hebammen bemerkbar?

J. Weber: Bis zum Jahr 2006/2007 wurden die Gebühren für freiberufliche Hebammen vom Ministerium festgelegt. Von drei Gebührenerhöhungen in zwanzig Jahren, war nur eine wirklich bemerkbar. Bevor wir in die sog. Selbstverwaltung entlassen wurden, war geplant, das Gebührenniveau in drei Schritten um ca. 30 % zu steigern. Aufgrund von Regierungswechseln und Uneinigkeit zwischen Bund und Ländern wurde damit leider nur die erste Stufe dieser Erhöhung umgesetzt und wenn wir nun mit den Krankenkassen ein erhöhtes Volumen von 1,54 % aushandeln, macht sich das für die einzelne Hebamme nicht bemerkbar. 2009 wurde dadurch der Stundenlohn um 11 Cent gesteigert.

Es ist schwer, bei den Krankenkassen mehr auszuhandeln. Diese berufen sich auf das Beitragsstabilitätsgesetz, nach die Beiträge für die Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen konstant bleiben müssen. Für uns sehr bitter war, dass 2010 der Schiedsstellenspruch mit eben dieser Begründung, ablehnend für uns ausfiel, eine Erhöhung der Ausgaben für Ärzte aber bewilligt wurde, die zur Beitragserhöhung führte. Klar, das ist eine Frage der Lobby.

Hinzu kommt, dass freiberufliche Hebammen immer auf Abruf leben, ihr Privatleben dem Beruf unterordnen müssen, die meisten Kolleginnen haben im Durchschnitt eine 60-Stunden-Woche. Und das zu einem Hungerlohn. Wertvoll, aber nicht wertgeschätzt. So könnte man unsere Situation auf den Punkt bringen.

Strassenfeger: Ist es unter den Bedingungen, die Gebührenerhöhungen und der `Anstieg der Versicherungen <http://www.ngo-online.de/2008/03/25/bevolkerung-darauf-vorbereiten/>`_ mit sich bringen, überhaupt möglich dieses System der Geburtshäuser, Hausgeburten und häuslichen Nachversorgung wie bisher aufrechtzuerhalten?

J. Weber: Nein. Nicht mehr lange. Durch die stagnierenden Gebührenverhandlungen auf der einen Seite und den Anstieg an berufsbedingten Ausgaben wie Miete, Benzin, Haftpflicht und ähnliches auf der anderen, lohnt sich die Arbeit nicht mehr. Im Durchschnitt verdienen wir 7,50 EUR Brutto. Seit dem 1.7.2010, an dem die letzte massive Erhöhung der Berufshaftpflicht griff, haben viele Geburtshäuser und kleine Belegkrankenhäuser geschlossen. Internen Daten zufolge haben etwa 15% der Hebammen mit Geburtshilfe ihre Kernaufgabe aufgegeben. Wir rechnen damit, dass dies sich weiter steigern wird.

Aktuell hat zum Beispiel in Nürnberg das letzte von 3 Geburtshäusern geschlossen. Außerklinische Geburten gibt es dort nun nicht mehr. Also unsere Forderung zum Erhalt der Wahlfreiheit des Geburtsortes für jede Frau ist dort leider ausgestorben. Doch darum geht es, die wohnortnahe Versorgung mit Hebammenhilfe in der Schwangerschaft, zur Geburt und im Wochenbett zu erhalten und auszubauen. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland noch gut ab, in Ländern wie z.B. Portugal, England oder USA gibt es so gut wie keine freien Hebammen, die eine häusliche Betreuung anbieten. Entsprechend hoch sind die Raten an medizinischen Interventionen wie z.B. Geburtseinleitungen und Kaiserschnitt, entsprechend niedrig die Stillhäufigkeit und Stilldauer der Mütter.

Strassenfeger: Welches wären Ihrer Meinung nach die rosigsten und welches die düstersten Aussichten für die Zukunft Ihres Berufsstandes?

J. Weber: Düster. Hebammen werden aus ihrem Kerngebiet – der Geburtshilfe- verdrängt. Frauen werden nicht mehr die Wahl haben, wo und mit welcher Hebamme, sie ihr Kind zur Welt bringen. Durch die Zentralisierung werden immer mehr Frauen bis zu 100 km fahren müssen, um in einem großen Krankenhaus zu entbinden. Kleinere Häuser können es sich nicht mehr leisten, eine geburtshilfliche Station zu betreiben. Geburtshäuser und Hausgeburtshebammen fehlen. Dies ist in vielen Regionen Deutschlands bereits Realität. Wir befürchten, dass diese Entwicklung weiter gehen wird.

Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft:

Unsere Arbeit wird von der Gesellschaft und von der Politik wertgeschätzt, ihr präventiver Nutzen wird anerkannt und die Hebamme betreut als Primärversorgerin gesunde Schwangere. Das senkt die Kosten für unnötige Arztbesuche und die Rate an medizinischen Interventionen. Jede Frau hat die Möglichkeit, ihrem Bedarf entsprechende angemessene Hebammenhilfe in Anspruch zu nehmen. Die Hebamme, die sie betreut, kann sich ohne Existenznöte genug Zeit nehmen. So ist ein würdevoller Start in die neue, aufregende Zeit der Elternschaft für die Familien möglich.

Unsere fünf Forderungen, die wir auch auf der Demonstration am 5.Mai bekannt gaben und weitere Protestaktionen werden folgen, lauten:

  1. Das Recht auf einen würdevollen Start ins Leben
  2. Ein bedingungsloses „JA“ zur normalen Geburt
  3. Hebammenhilfe für alle Frauen
  4. Wahlfreiheit des Geburtsortes
  5. Bessere Arbeitsbedingungen für alle Hebammen

Strassenfeger: Dankeschön für dieses Interview

Dinah Persch

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