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Utz Claassen: Atomblut <<ein Wirtschaftskrimi von einem Insider>>

Energie - die Macht der Industrie

Oliver Rückemann über das neue Buch von Utz Clanen. Atomblut In Atomblut schreibt Utz Claassen zweifellos aus dem Nähkästchen. Durch seine Insider-Sicht bekommen besonders aktuelle Entwicklungen, wie die Kürzung der Solarförderung und des Einspeisevorrangs für Solarstrom, ein neues Gesicht: Detailreicher und schmutziger. Sein Roman, der gerne als Abrechnung mit seiner ehemaligen Branche gewertet wird, brilliert mit Intelligenz und einem sehr hohen Niveau - aufgelockert durch gezielt eingesetzte Kraftausdrücke, die aber immer gut platziert wirken. Claassen beschreibt die Geschichte der RuhrSTROM, die sich recht bald als RWE herausstellt, wenn ein paar Daten dieses "fiktiven" Konzerns deutlich werden. Auch wenn der Name nie genannt wird. Letztlich ist aber der eigentliche Name des Konzerns völlig unerheblich, da die Art und Weise, wie vorgegangen wird, für jeden der führenden Energiekonzerne gleichermaßen gilt. In diesem Umfeld beschränken sich die Wahlmöglichkeiten allenfalls auf Pest oder Cholera.

Mit viel Intelligenz und Bildung führt Claassen in eine Welt ein, die jenseits gezielter oder unbeabsichtigter Falschmeldungen der Presse zeigt, was in der Energie- und Großindustrie sowie der Politik vor sich geht.

Mit diesem Buch unterstreicht er fett und unübersehbar, was Hermann Scheer in "Der energethische Imperativ" bereits trefflich beschrieben hat. Eine Energiewende wird es, wenn es nach Politik und Energiewirtschaft geht, nur zu deren Bedingungen oder gar nicht geben. Bedingungen, die sich ausschließlich am Shareholder Value und an den persönlichen Befindlichkeiten einiger Weniger orientieren. Sachliche Argumentationen und Lösungen werden bestenfalls geduldet.

Aber das wohl wichtigste an dem Buch ist die Beschreibung, dass auch die, die ganz oben zu sein scheinen, im Zweifel nur Spielfiguren sind. Monopoly. Viele müssen verlieren, damit ein paar Wenige gewinnen können. Casino-Kapitalismus. Hier werden keine Gefangenen gemacht. Auf Leichen läuft es sich einfach zu bequem.

Wobei sich die Zahl der Toten in einem sehr überschaubaren Rahmen hält. Auch wenn es sehr wohl Ereignisse gibt, die Opfer fordern und sehr realistisch zeigen, wie bedeutungslos das Empfinden oder Wohlergehen der Menschen ist, die Interessen im Wege stehen.

Und auch die, die in diesem Spiel zu gewinnen glauben, verlieren im Grunde haushoch. Denn das einzige, was sie gewinnen, ist Geld. Geld, das keinen wirklichen Sinn mehr macht, außer der Macht, die es verschafft. Aber der Preis ist hoch. Denn diese Macht verlangt, sich die gesamte Welt zum Feind zu machen. Vor allem macht dieses Geld nicht unsterblich. Das muss der Drahtzieher im Hintergrund dann auch am eigenen Leib feststellen.

Wirkliche Feinde braucht es in diesem Spiel, das alles und jeden instrumentalisiert, hingegen nicht. Die "Freunde" erledigen diesen Job mit Bravour – vor allem die nächsten.

Das tragische aber ist, dass im Grunde alle Opfer sind, sich jedoch durch das Ausleben ihrer unreflektierten Fehlentwicklung zu Tätern machen. Traurig und sehr wahr.

Claassen beschreibt sich zweifellos selbst in der Figur der Protagonistin. Eine interessante Persönlichkeit, die an den unlauteren Strukturen sowie Interessen aneckt und dabei versucht, die eigene Rechtschaffenheit und das Gefühl für Wahrheit zu behalten. Etwas, das Claassen selbst wohl nicht geschafft hat.

Vor allem aber bestätigt er noch einmal deutlich, dass die Menschen auf diesen Ebenen sehr einsam sind. Sie sehnen sich nach dem Gefühl in irgendeiner Weise bedeutsam zu sein und spüren das leere Gefühl nur umso übermächtiger, wenn sie einen schmutzigen Deal abgeschlossen haben und wieder bei sich selbst aufschlagen. Kein bisschen besser, kein bisschen befreiter und in keiner Weise bedeutsamer.

Der Autor zeigt, wie gefangen diese Menschen sind. In sich selbst, in den Strukturen, die sie jeden Tag mit gestalten und in der kognitiven Dissonanz, die sie wie eine Überlebensdroge brauchen, um sich selbst ertragen zu können. Das Gefühl der Unangreifbarkeit hilft ihnen hierbei. Eine Unangreifbarkeit, die auf sehr dünnem Eis steht.

Er hat mit jedem Wort seines Romans erneut unterstrichen, was ich in meinem Buch beschrieben habe. In dieser von sehr kranken Egomanen dominierten Welt geht es nicht um Energie. Es geht um Macht. Um etablierte Strukturen. Um die Industrialisierung der Welt unter Nutzung der Globalisierung. Ausbeuten um jeden Preis. Aber Claassen zeigt auch, dass wir andere Entscheidungen treffen können und müssen. Courage mag nicht immer zum erwünschten Ziel führen. Aber sie sorgt dafür, dass wir zumindest nicht unser Spiegelbild hassen müssen und aus zweifelhaften Situationen aufrecht heraus gehen können, wenn wir unseren Prinzipien treu bleiben. Ganz sicher eine Seltenheit – im Roman, wie im richtigen Leben.

Auch wenn die Abfolge in diesem Buch nicht immer rund ist und sehr darauf abzuzielen scheint, verfilmt werden zu wollen, so ist es dennoch ein Treffer. Sehr empfehlenswert.

Oliver Rückemann

Seit mehr als 11 Jahren freier Berater - Autor des Buches "Ökolution 4.0 - Wirtschaftliche und gesellschaftliche Imperative in Zeiten ökologischer und ökonomischer Krisen"

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