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„Ernährung ist wie ein gut sitzendes Kleid“

Interview mit Ernährungsexpertin Sonja Mannhardt

ErnährungDie Ernährungswissenschaftlerin Sonja Mannhardt verrät wie man auch im Jahr 2012 im Gleichgewicht bleibt. Seit 22 Jahren ist Sonja Mannhardt als qualifizierte Ernährungstherapeutin tätig. In dieser Zeit beriet sie Tausende von Menschen und brachte sie in Sachen Ernährung wieder auf den richtigen Weg – für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden. Erst kürzlich feierte sie ihr 10-jähriges Praxisjubiläum. Verena Wehrle sprach mit ihr über gesunde Ernährung, wie man auf seinen Körper hört und was Diäten tatsächlich bringen.

Verena Wehrle: Seit zehn Jahren sind Sie bereits als Ernährungsexpertin in Schliengen bei Freiburg im Breisgau tätig. Um welche Probleme in der Ernährung haben Sie sich in dieser Zeit gekümmert?

Sonja Mannhardt: Als ich mich vor zehn Jahren in Schliengen niedergelassen habe, spezialisierte ich mich auf Adipositas (Übergewicht), Essstörungen, Allergien und Unverträglichkeiten. Meine Hauptklientel sind Kinder, Jugendliche, Frauen und Manager.

Verena Wehrle: Und wie läuft eine solche Ernährungsberatung ab?

Sonja Mannhardt: Eine qualifizierte Ernährungsberatung geht von einer genauen Analyse aus, diese dauert etwa eine Stunde. Erst dann wissen mein Klient und ich, wo das Problem sitzt. Danach ist Beratung „Hilfe zur Selbsthilfe“. Hier steht nicht das Wissen im Vordergrund, sondern das Erkennen und Verstehen der eigenen Verhaltensweisen, der eigenen Widerstände. Es geht dabei nicht nur um das banale „Was soll gegessen werden“, sondern auch um das Wie viel, das Wo, Wann, mit Wem, Wie oft und natürlich das Wozu gegessen wird, also die ganzheitliche Betrachtung von Essen als körperlich, emotionales und soziales Phänomen.

Verena Wehrle: „5 -Mal am Tag Gemüse essen“, „Auf Süßes verzichten“ usw. Es gibt unzählige Regeln für eine gesunde Ernährung. Sie sind jedoch keine Expertin, die mit erhobenem Zeigefinger strenge Regeln aufstellt. Wie gelingt es Ihnen dennoch immer wieder Menschen zu einer gesunderen Ernährung zu verhelfen?

Sonja Mannhardt: Die EINE gesunde Ernährung gibt es nicht. Essen sie langsam, Essen ist mehr als die Auswahl von Lebensmitteln. Der Mensch muss zu einer Ernährung finden, die ihm gut tut, die er dauerhaft beibehalten kann, die zu ihm passt, so wie ein gut sitzendes Kleid. Und ich gehe mit meinem Klienten auf die Suche nach einer solchen Ernährung.

Verena Wehrle: Und wie werden sie bei der Suche erfolgreich?

Sonja Mannhardt: Über die Beachtung der eigenen Körpersignale.

Verena Wehrle: Wie funktioniert das?

Sonja Mannhardt: Wahrnehmen was ist. Isst der Mensch, weil er Hunger hat, oder aus Heißhunger oder gar Lust? Hört der Mensch auf, wenn er satt ist, oder erst, wenn er vollgefuttert ist? Erst wer weiß, was er genau tut, kann auch etwas ändern. Essen, wenn man Hunger hat und damit aufhören, wenn man satt ist, ist das Ziel. Heißhunger und Völlerei vermeiden durch geregelte Mahlzeiten sind nur einige Themen, die wir aufgreifen.

Verena Wehrle: Aha. Dann sollte man sich also vom eigenen Hunger leiten lassen und dabei auf seinen Körper hören. Klingt einfach. Kann das jeder?

Sonja Mannhardt: Richtig, es klingt einfach, ist aber gar nicht so leicht. Je älter Menschen werden, desto stärker sind sie abhängig von Außenreizen. Die Körperwahrnehmung gerät bei vielen Menschen in den Hintergrund. Sie essen nicht, wenn sie Hunger haben, sondern wenn Zeit dazu ist. Sie hören erst auf zu essen, wenn der Bauch drückt. Viele Menschen nutzen Essen auch als Ersatzhandlung für unangenehme Gefühle, oder orientieren sich zu sehr an dem, was Experten ihnen sagen, was für sie gut ist. In meiner Beratung lernen die Menschen sich selbst besser kennen und sich vertrauen, egal, ob sie Diät halten müssen, weil sie krank sind, oder weil sie Gewicht verlieren oder gar zunehmen wollen.

Verena Wehrle: Wenn ich also frei von Ernährungsregeln esse, bin ich der gesunde Mensch schlechthin?

Sonja Mannhardt: Das frei VON heißt nicht zügellos, maßlos. Eine grenzenlose Freiheit gibt es auch in der Ernährung nicht ohne einen Preis zu zahlen. Die Freiheit liegt darin, sich selbst Grenzen zu setzen, sich dort zu disziplinieren, wo es für das eigene Wohlbefinden nützlich ist. Genuss liegt bekanntlich in der Mitte und diese Mitte zu finden, darum geht es.

Verena Wehrle: Also spielt hier Selbstkontrolle eine große Rolle. Doch Gesundheit hängt doch nicht nur von der Ernährung ab. Was brauche ich noch, um ein gesunder Mensch zu sein?

Sonja Mannhardt: Faktoren wie ausreichend Bewegung, ausreichend Schlaf, genügend Muße, Freude an der Arbeit, im Leben, intakte soziale Beziehungen, das Gefühl einen Beitrag zu leisten, wertvoll zu sein, geliebt zu werden, so wie man ist, Anerkennung zu bekommen für das, was man tut, ein Lächeln, frische Luft, der Sinn für das Schöne, eine spirituelle Basis, sich so viel Zeit alleine zu gönnen, wie wir brauchen und so viel Zeit mit anderenzu verbringen, wie uns gut tut. All dies sind Aspekte, die das ausmachen, was wir Gesundheit nennen.

Verena Wehrle: Um sich wohl und gesund zu fühlen machen viele Menschen eine Diät nach der anderen. Was halten Sie als Ernährungsexpertin von Diäten?

Sonja Mannhardt: Von Diäten halte ich überhaupt nichts, weil sie die Lebensweise in keiner Weise zu beeinflussen mögen, sondern sich ausschließlich auf die Lebensmittelauswahl beschränken – je nach Diät. Mit jeder Diät kann man Gewicht verlieren, aber mit keiner dieses verlorene Gewicht auf Dauer halten, denn weicht diese Lebensmittelauswahl allzu sehr von der Tradition und der Kultur ab, so ist sie nicht ein Leben lang durchzuhalten. Die Kunst besteht also nicht darin, abzunehmen, sondern eine Ernährungsweise zu praktizieren, die ein Leben lang durchzuhalten ist und uns im Gleichgewicht hält. Patentlösungen für Jedermann gibt es da nicht, denn Menschen sind Gottlob verschieden.

Verena Wehrle: Kann eine Diät also auch schaden?

Sonja Mannhardt: Bei Menschen, die ihre Gesundheit mit allzu vielen Diäten oder Pülverchen erhalten wollen, ja. In meiner Praxis beispielsweise boomen seit Jahren die Diät-induzierten Essstörungen und die sogenannten Orthorexien (Das ist die krankhafte Sucht, sich gesund ernähren zu wollen).

Verena Wehrle: Diese und andere Menschen bringen Sie ja wieder auf den richtigen Weg in Sachen Ernährung und das nach dem Motto „Jedem das Seine“. Weiterhin viel Erfolg dabei und danke für das Gespräch.

Zur Person:

Ernährungswissenschaftlerin, Führungskräftecoach, Autorin Sonja Mannhardt studierte in Bonn Ernährungswissenschaften, sammelte Berufserfahrungen in der Schweiz (Nestle Headquarter, Universitätsklinik Basel) bevor sie sich 2002 selbstständig machte. Sie ist qualifizierte Ernährungstherapeutin VDOE, ist Allergieberaterin des daab (Dt. Allergie und Asthmabundes), systemische Familienberaterin und ihr Institut anerkanntes Adipositastherapiezentrum (AGA, DAG). Als individualpsychologische Lehrberaterin & Supervisorin berät sie auch über gängige Tellerränder hinweg, coacht Führungskräfte, auch im Bereich Burnout, schreibt Bücher und ist Dozentin an der Akademie für Beratung und Philosophie.

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