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Die Utopie der Hacker und Piraten

Interview mit Slov ant Gali über Kommunismus im 21. Jahrhundert

Slov ant Gali. Foto: Patricia Heidrich - unbekannt-verzogen.netIn seinem Buch »Gemeinschaft der Glückssüchtigen« versucht Slov ant Gali, Tendenzen in unserer Gesellschaft aufzuspüren, die die kapitalistische Fixierung auf Privateigentum und Konkurrenz überwinden könnten und auf eine Zukunftsgesellschaft verweisen, in der die Menschen frei sind und zugleich ihre Gemeinschaft entwickeln. NGO Online sprach mit dem Autor über Glückssucht, Kommunismus, DDR, Freiheit, Egoismus, Piraten und dialektischen Materialismus. (Foto: Patricia Heidrich - unbekannt-verzogen.net)

NGO ONLINE: Bevor wir zu Ihrem Buch kommen … Slov ant Gali ist doch nicht Ihr richtiger Name?

SLOV ANT GALI (lacht): Immer auf dieselbe Stelle! Wenn man von seinen Eltern mit dem Namen eines typisch deutschen Helden, dem Sinnbild des getreuen Gefolgsmanns, bedacht wurde, dem Bild aber weder entspricht noch entsprechen kann, sucht man sich als Künstler einen besonders starken Kontrast. Das Peudonym sollte etwas Weltbürgerliches haben. So kam dann Slov aus dem Russischen, „die Wörter“, mit „ant“ aus dem Englischen für die Ameise zusammen. Das ergibt die „Wortameise“, eine Metapher für einen Schreibenden. Und Gali klingt doch schön afrikanisch … oder etwa nicht? Also von überall etwas und letztlich nur Mensch.

NGO ONLINE: Ihr neues Buch heißt „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“. Träumen Sie wirklich von einer kommunistischen Zukunftsgesellschaft, oder ist es anders zu verstehen?

Der Titel geht auf unseren Bundespräsidenten Joachim Gauck zurück. Der sagte vor der Führungsakademie der Bundeswehr, es sei zwar menschlich, nicht mit Leid und Terror behelligt werden zu wollen; „…und dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glücksüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen.“ Da erlaubte ich mir die Frage, ob der Wunsch nach Glück im Leben, nach Frieden und Wohlbefinden mit einer Sucht zu vergleichen ist, also mit etwas Krankhaftem. Und was denn die Bedingungen wären, unter denen die Chancen für möglichst viele Menschen am größten sind, sich glücklich zu entfalten. Wenn Sie meiner Antwort unbedingt einen Ismus-Stempel aufdrücken wollen, dann nimmt sie sicher besonders viel von den Visionen des „Kommunismus“ auf. Nur dass ich mich nicht an Träumen aufhalte. Immer frage ich: Was geht? Warum geht es?

NGO ONLINE: Ich frage dich zunächst: Worum geht es? Was ist der wichtigste Gedanke in deinem Buch?

Vielleicht, dass wir mit den Veränderungen der letzten Zeit, durch all die neuen Möglichkeiten, geistige Ergüsse weltweit aufzubereiten, alle bisherigen Gewissheiten auf den Prüfstand stellen müssen. Sowohl die alten Kommunisten ihren „Kommunismus“ als auch die Oberschlauen und Böswilligen, die der Meinung sind, das wäre eine überholte Ideologie. In der Praxis als ungeeignet erwiesen. Ich biete Geschichte, Politik, Wirtschaftstheoretisches für Jedermann, Gedichte, verrückte literarische Bilder, um zu zeigen, wie nahe wir den Zeiten sind, die die meisten für Träume halten.

NGO ONLINE: Alles in einem Buch?!

Das Buch verfolgt verschiedene Fäden. Es ist ein sehr persönliches, individualistisches Buch. An anderen Stellen ist ist es allgemeingültig wie ein Lehrbuch. Viele Fäden, die Widerspruch herausfordern, weil sie alle Widerspruch sind.

NGO ONLINE: Das klingt etwas verworren. Ist es überhaupt ein Sachbuch?

Ich halte mich an keine feste, fesselnde Form. Mein Buch ist sicher auch ein Sachbuch, aber ich hoffe, dass man es mit dem Vergnügen eines Romans lesen kann. Anstelle von Abbildungen oder Grafiken findest du Gedichte. Alle vom selben Autor, was man ihnen kaum anmerkt. Der Kernwiderspruch ist die Feststellung, dass wir heute glücklich werden könnten durch eine Art des Zusammenlebens, die wir früher Kommunismus genannt hätten – aber dieses Ziel erscheint furchtbar belastet. Wir haben uns praktisch so weit davon entfernt, weil die Ansätze im realen Sozialismus des vergangenen Jahrhunderts gescheitert sind und scheitern mussten. Nun bilden sich die meisten Menschen ein, sie wüssten schon, was dabei herauskommt. Können sie aber nicht wissen. Wir hatten ja nie Sozialismus oder gar Kommunismus und konnten ihn nicht haben, da die Zeit nicht reif dafür war. Das ginge ja erst jetzt. Anders als damals, und diesmal richtig.

NGO ONLINE: Du beziehst dich aber ausdrücklich in einem autobiografischen Kapitel auf den DDR-Kommunismus. Es heißt: „Warum ich trotz und wegen der DDR zu meinem ganz individuellen Kommunismus fand.“

Die individuelle Entfaltung als Mensch und die Bedingungen für gelebte Freiheit ziehen sich durch das ganze Buch, als roter Faden. Für die autobiografischen Kapitel suchte ich eine griffige Überschrift. Ich wollte da nicht das Wesen der Gesellschaft erklären, sondern das Absurde, das ganz Ungewöhnliche, aber eben in der DDR bereits Mögliche, das mich geprägt hat. So, wie ich es in Erinnerung habe. Bei allen Fehlern gab es bereits das klar erkennbares Ziel, menschlich-solidarisch miteinander umzugehen. Na gut, das wurde dann überwiegend unterlaufen.

NGO ONLINE: Leidest du an Ostalgie?

Bestimmt nicht! Für eine Verklärung der DDR stehe ich nicht zur Verfügung, aber verleumderische Verteufelungen finde ich ebenfalls widerlich. Und so auf niedlich machen, wie schön es doch war, mit ATA-Scheuerpulver den Herd zu putzen … nein danke! Doch man darf nicht übersehen, dass auch erfolgreich Gemeinschaftsgeist gefördert wurde, dass in der DDR die Herabwürdigung irgendeiner „Rasse“ oder Schwäche nie offiziell gefördert worden ist, dass Soldaten der Nationalen Volksarmee nirgendwo Krieg geführt haben – mit welcher Rechtfertigung auch immer.

NGO ONLINE: Doch, 1968 in Prag, wenn auch nur ganz kurz. Geht es also um Für und Wider der DDR? Irgendwo muss sich das Buch doch zuordnen lassen.

Die DDR-Passagen sind nur ein Mittel zum Zweck. Es geht um die Frage, ob mit den heutigen Verhältnissen alles entschieden ist. Die halte ich nämlich für ein Albtraum, den Vorhof zum Untergang für alles Menschliche. Oder ob die Zukunftsgesellschaft, die Gemeinschaft der „Glückssüchtigen“, vielmehr eine Frage der Reife ist. Hat man einen Apfel vor der Reife gegessen und ausgespuckt, könnte man folgern, Äpfel sind sauer und verursachen Durchfall. Nie wieder einen Apfel! So verhalten sich doch die meisten Leute, wenn es um die kommunistische Gesellschaft geht. Dabei sind Äpfel doch was Wunderbares! Wenn sie nicht schon verfault sind. Das zu erklären ist nicht leicht. Man muss es dosiert in die Diskussionen einbringen. Ich habe einmal ein Krimi gesehen, da quälte ein aus Afrika heimgekehrter Mittelständler jeden, der sich auf ein Gespräch mit ihm einließ, mit seinem Sendungsbewusstsein, dass man doch etwas gegen den Hunger dort tun müsse. Er merkte nicht, wie deplaziert sein Gerede war, weil es eben niemand hören wollte. Ich empfand Mitleid mit ihm – er hatte sich zum Außenseiter verurteilt.Trotzdem hatte er doch Recht: Was ist ein bescheidener Wohlstand bei uns wert, wenn er durch das Verhungern von Menschen in anderen Weltteilen erkauft ist? Was bilden wir uns auf billige T-Shirts ein, die „jeder“ kaufen kann, wenn dafür Menschen in Bangladesh schuften müssen, bis sie verschüttet werden?

NGO ONLINE: Wie also lösen wir dieses Problem?

Ich frage nach den Alternativen. Dass in dieser Welt, dass in unserem Land einiges arg schief läuft, haben ja schon einige bemerkt. Blockupy, Occupy, Überflüssige, Empörte, Bürgerbewegungen verschiedener Art, Antifas, bis hin zur Partei Die Linke. Manche ahnen, dass die Welt auf eine gewaltige Katastrophe zusteuert. Nennen wir es ruhig den Untergang der Menschheit. Doch die meisten halten die Augen zu – wahrscheinlich trifft sie es noch nicht, vielleicht auch noch nicht ihre Kinder… Diese Haltung hat viele Ursachen. Die geschrumpfte Hoffnung, dass sich wirklich was ändert. Schlimmer noch: Die reale Vorstellung scheint verloren gegangen zu sein, wie unser Zusammenleben anders funktionieren kann als heute bekannt.

NGO ONLINE: „Eine andere Welt ist möglich“, sagt Attac.

Der klingt in meinen Ohren wie Pfeifen im Dunklen. Die ihn benutzen, haben meist nur eine Ahnung: Es darf nicht weitergehen wie bisher. Nicht zu Unrecht meldet sich in den Köpfen zugleich die große Warnleuchte: Aber auch nicht wie im Ostblock! Und auch keine Mao-Kulturrevolution und kein Castro! Ja, aber wie dann? Diese Frage mit ein paar Ideen und Antwort-Anregungen griffiger zu machen, darauf kam es mir an. Die Raubkopierer, Hacker und Piraten als intuitive Kommunisten zu zeigen. Die haben etwas entdeckt, das die dogmatischen „Kommunisten“ ihnen auch nicht erklären können.

NGO ONLINE: Und das wäre?

Da musste ich in die Schatzkiste des „dialektischen und historischen Materialismus“ greifen. Da gibt es die Erklärung: Wenn die „Produktivkräfte“, also in erster Linie das geistige Niveau der Menschen und ihrer Arbeitsmittel, ein bestimmtes höheres Niveau erreicht haben, dann verlangen sie neue Verkehrsformen der Menschen im Umgang miteinander. Eine Fabrik, die ganz Europa mit einem Produkt versorgen kann, braucht andere Arbeitende als Bauern auf ihrer Scholle. Sklaven können nicht kreativ am Computer arbeiten. Und die Geistes-Piraten haben Folgendes entdeckt: Früher waren hergestellte Produkte die Ware, mit der gehandelt wurde, die gegen Geld getauscht wurde. Sie waren der Träger des produktiven Wissens. Heute gibt es immer häufiger fast „reines Wissen“, Programme, Software usw. Wer ein Bedürfnis danach hat, kann sich dieses „Produkt“ aneignen. Aber der ursprüngliche Besitzer besitzt es immer noch. Der Besitzer hat nicht gewechselt. Wenn ein Apfel vom Baum gepflückt wird, ist er ab und wird höchstens einmal gegessen. Heute könnte jeder an den virtuellen Baum gehen und pflücken. Jeder würde satt. Wird nicht dadurch der Besitz absurd? Der hilft nicht mehr, die Arbeit vernünftig zu belohnen, sondern er veranlasst den Besitzer, die mögliche Mehrfach-Nutzung seines Produktes, also eine äußerst nützliche Eigenschaft seines Produktes, zu behindern. Wenn ein Programm heute verkauft wird, besteht ein wesentlicher Teil seines Wertes in dem Unwert oder Antiwert, einen „guten“ Kopierschutz zu haben.

NGO ONLINE: Ist das nicht etwas zugespitzt? Es gibt doch immer noch jede Menge hergestellte, materielle Produkte.

Kennen Sie den Dokumentarfilm „Work Hard – Play Hard“ über die moderne Arbeitswelt? Diese Arbeitswelt ist nur die Spitze eines Eisbergs - sie finden daneben durchaus noch Bauern, die nach richtigem Mist riechen. Aber es ist ein Trend, wo das Leben hingeht: Im modernen „Kapitalismus“ eben in eine psychologisch manipulierte Denkwelt, in der begeisterte Mitarbeiter „im Flow“ freiwillig bestmöglich für die Firma funktionieren, weil sie überzeugt sind, dass effizient erwirtschafteter Firmenprofit ihr persönliches Ziel ist. Das klingt wie die Pervertierung der Floskel von der „Arbeit als erstes Lebensbedürfnis“. Menschen werden zu sich selbst ausbeutenden Kreativmaschinen mit optimiertem Gefühl. Das schreit doch danach, sich auf die Entfaltung von allseitig entwickelten Persönlichkeiten in einem auf die Individuen ausgerichteten Kommunismus zu besinnen.

NGO ONLINE: Stellt man sich bei Kommunismus nicht eher ein Heer von Gleichschritt-Chinesen vor?

Sehen Sie: Genau das ist eines der Zerrbilder, die ich mit der „Gemeinschaft der Glücks-süchtigen“ zertrümmern möchte. Eine unbeschränkte Masse von Möglichkeiten, mit denen sich die Menschen in die Gemeinschaft einbringen können, indem sie sich selbst entfalten, ist eben etwas anderes. Die umgekehrte Grundposition zu dem „Work Hard ...“: Nicht die eigene Individualität einbringen, damit es der Firma gut geht, sondern lieber die „eigene Firma“ benutzen, damit es den eigenen Nächsten besser geht. Wobei es eben keine Eigentumsschranken gäbe, weshalb jemand auch die ganze Menschheit als die große Gruppe der eigenen Nächsten empfinden kann. Er fühlt sich in seiner Wichtigkeit bestätigt.

NGO ONLINE: Eine gängige Meinung ist doch, dass der Kommunismus mit den Menschen, wie sie eben sind, nicht zu machen sei. Sie sind, heißt es, zu sehr Egoisten von Natur. Oder positiv ausgedrückt: Sind wir nicht zu sehr Individualisten geworden, um noch längerfristig Gemeinschaften zu bilden?

Buch: Gemeinschaft der Glückssüchtigen">Gerade erschienen, Slov ant Gali: „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“, Verlag Wiljo Heinen Berlin und Böklund, ISBN 978-3955140090

Slov (lacht): Was denn nun? Sind wir nun Egoisten von Natur oder Individualisten geworden? Ich würde schon sagen, von Natur aus war der Mensch ursprünglich ein sozial handelndes Gruppentier. Er wusste ja, dass es ihm schlecht ergehen würde, wenn die Gruppe nicht gut zusammenwirkte. Sowohl das Egoistische als auch das Individualistische ist etwas über Hunderte Jahre Gewachsenes. Je mehr einer hat, was die anderen nicht haben können, umso natürlicher erscheint Neid. Aber was geworden ist, kann wieder vergehen, wenn andere Voraussetzungen vorliegen. Gerade deren Wirken versuche ich im Buch ja greifbarer zu machen. Außerdem behaupte ich überhaupt nicht, dass die kommunistischen Individualisten längerfristige Gemeinschaften bilden. Moderner individualistischer Kommunismus schafft gerade erst die Freiheiten, um die Individualitäten auszuleben, wenn sie für andere keinen Schaden bedeuten. Solche Individualisten wählen dann die für sie passenden Gemeinschaften aus – meist zeitlich beschränkt, oder auch für lange, wo ihnen das gut tut. Sie stört ja am Arbeiten sicher auch am meisten, dass Sie Arbeiten gehen müssen. Oder dass Sie nicht arbeiten dürfen, wenn Sie wollen.

NGO ONLINE: Ja. Aber alles andere erscheint utopisch.

Na, darauf einlassen müssen Sie sich schon.

NGO ONLINE: Wenn jeder macht, was er will, kann es dann nicht sein, dass insgesamt zu wenig gemacht wird, letztlich Mangel entsteht und wieder eine Zwangswirtschaft entsteht?

Um solche Fragen geht es in dem Buch recht detailliert. Es ist schwer, sich von gewohntem Denken in heute gewohnten Bahnen zu verabschieden. Heute haben wir auf der einen Seite den großen Mangel: Milliarden Menschen, die alltäglich hungern, nicht aus unmenschlichen Lebensbedingungen herauskommen. Auf der anderen Seite die Menschen, die froh sind, nicht zur ersten Gruppe zu gehören, und alles dafür tun möchten, dass das so bleibt. Funktionieren kann die alternative Gemeinschaft eben erst, wenn ein wesentlicher Teil der Weltproduktion von programmierter Technik erbracht wird. Wenn also eine geistige Leistung sofort weltweit Anwendung findet. Das ginge vielleicht schon heute. Aber jeder Eigentümer will ja in einer Welt des Eigentums allein Gewinn erwirtschaften, die anderen ausschließen. Je weniger Arbeitsaufgaben da sind, umso wahrscheinlicher findet sich jemand, der sie löst.

NGO ONLINE: Ich wünsche Ihnen viel kreaviven Widerspruch.

Danke für die mir gegönnte Zeit! Ein Spruch im Buch lautet: „Dialektik: Mache, was man dir sagt, anders. So beweise, du hast verstanden.“

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