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Wie Moral und Gesundheit das Wirtschaftswachstum fördern könnten

Leo und Simone Nefiodow

Die Faktenlage in puncto Moral ist traurig: Jeder vierte Deutsche betrügt seine Versiche­rung, im Ein­zel­handel wird acht Millionen Mal im Jahr geklaut, jeder vierte Millio­nen­brand geht auf Sabotage zu­rück, jedes vierte Unternehmen ist inzwischen Opfer von Com­puter­kriminalität, die Schwarzarbeit beträgt 15 Prozent des Bruttoinlands­produktes, 40 Prozent der neu geschlossenen Ehen gehen in die Brüche. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Oder das Beispiel USA. Jeder dritte US-Wis­sen­­­schaftler schummelt in seinen Publika­tionen. Statistisch gesehen ist jeder fünfte männ­liche Ame­ri­ka­ner im erwerbsfähigen Alter kriminell. Fast jeder zehnte Jugendliche raucht Haschisch, viele von ihnen greifen regelmäßig zu einem Joint. 50 Prozent der Ehen gehen in die Brüche. Die soziale Ungleichheit hat einen Rekord erreicht: 0,1 Prozent der Bestverdiener verdienen mehr Geld als die 120 Millionen ganz unten.

Die Unordnung in der Welt hat surreale Dimensionen angenommen. Patent­schutz und Urheber­rechte werden systema­tisch ignoriert oder unterlaufen. Die Gefängnisse in der Welt waren noch nie so voll. In Sao Paulo, Rio de Janeiro, Moskau, Caracas, Kalkutta, Johannesburg, Dacca, Mexico City ist Kriminalität in den brutalsten Formen keine Seltenheit. Auch der Sport ist von der wachsenden Unordnung nicht verschont. Enthüllungen von Dopingfällen, Schiedsrichter­bestechungen, Manipulationen von Sportereignissen, Korruption von Sportfunktionären sind an der Tagesordnung. Bis zu 70 Prozent aller Frauen weltweit werden im Laufe ihres Lebens Opfer von physischer, psychischer oder sexueller Gewalt. Die Internet-Kriminalität wächst zweistellig, Virusangriffe und Gegen­angriffe nehmen zu und haben zu einer neuen Kriegsform zwischen Staaten und Institutio­nen geführt, dem Cyberkrieg. Jeder Betrieb und jede Regierung kann heute durch Cyber­angriffe schwer gestört oder sogar lahm gelegt werden (wie das Beispiel Estland 2007 gezeigt hat).

Weltweit ist Unordnung zu einem Megaproblem und zu einem Megamarkt gewor­den. Millio­nen Menschen stehen im Dienste illegaler und krimineller Organisationen (die Zahl der russischen Mafiosi wird auf 300.000 geschätzt). Die Geldwäsche ist seit 1990 um mehr als das Zwanzigfache gestiegen und dürfte inzwischen mehr als 2.000 Milliarden US-Dollar p.a. erreichen. Aus Profitinteressen manipu­lieren Großbanken die Zinsen (z.B. Libor, Euribor) auf Kosten der Allgemeinheit. Die Schattenwirtschaft hat weltweit groteske Züge angenommen: In Russland erreichte sie 2011 fast die Hälfte des Brutto­inlands­­produktes (44 Prozent).

Die Unordnung ist inzwischen für Wirtschaft und Kultur die Wachstumsbarriere Nummer eins. Addiert man die Schäden, Verluste und Kosten, die durch Unordnung jährlich anfallen, dann erhält man für 2013 einen Betrag von mindestens 18.000 Mrd. US-Dollar. Das war mehr als das Sozialprodukt der USA. Diese Daten sind ein Abbild des moralischen Zustandes der Welt.

Wirtschaft und Kultur sind Systeme, die zwar keine bestimmte Moral vorschreiben, aber ohne Moral nicht funktionieren. Beide brauchen sie den ehrlichen Kaufmann, den nicht korrupten Politiker und Beamten. Sie brauchen Wissenschaftler und Journalisten, die sich der Wahrheit und Künstler, die sich dem Wahren, Guten und Schönen verpflichtet fühlen.

Obwohl die Wirtschaft auf Moral angewiesen ist, betrachten die Ökonomen es nicht als ihre Aufgaben, Moral zu vermitteln. Dabei könnten sie sehr wohl zur Stärkung der Moral effektiv beitragen (z.B. durch die Einführung von Ethikbilanzen). Der Staat ist für Ordnung zuständig. Durch Gesetze, Polizisten und Strafen sorgt er dafür, dass die Menschen sich möglichst straffrei verhalten. Aber auch er erzeugt keine Moral und betrachtet es nicht als seine Aufga­ben, eine solche zu schaffen. Ebenso schafft die Wissenschaft keine Moral, sie versteht sich selbst als ethisch neutral. Wer soll bzw. kann dann für eine bessere Moral sorgen?

Man kann das moralische Problem aber auch von einer anderen Seite her betrachten. Moralische Defizite können ebenso als Gesundheitsdefizite interpretiert werden. Das wird deutlich, wenn man das Verhalten gesunder Menschen zum Vergleich heranzieht. Ein psychisch gesunder Mensch nimmt keine Drogen. Ein geistig gesunder Mensch geht verantwortungs­voll mit der Natur und den natürlichen Ressourcen um und löst Probleme nicht mit Gewalt. Ein seelisch gesunder Mensch liebt die Wahrheit, betrügt nicht, ist nicht korrupt. Ein sozial gesunder Mensch bricht nicht in fremde Wohnungen ein, ist nicht nur am eigenen, sondern am Wohlergehen aller Menschen interessiert. Ein spirituell gesunder Mensch hat eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott, tritt für Frieden und Versöhnung ein und verbreitet weder Hass noch Gewalt. Die Unordnung in der Welt kommt nicht von gesunden Menschen.

Es sind nicht die politischen Strukturen, nicht der Mangel an wissenschaftlicher und künstlerischer Kreativität, nicht das fehlende Geld, nicht die fehlende Technologie, an denen es primär mangelt. Es ist die schlechte Moral, die das Funktionieren von Wirtschaft und Kultur beeinträchtigt. Moralische Defizite entziehen der Gesellschaft die Kraft, die sie für eine gesunde Entwicklung braucht.

Im Gesundheitswesen wurden in den letzten beiden Jahrhunderten große Fortschritte er­zielt. Viele Krankheiten, die früher als unheilbar galten oder tödlich verliefen, können inzwischen wirksam behandelt werden. Zahllose Medikamente stehen zur Verfügung, um Beschwerden und Krankheiten zu mildern oder zu heilen. Akutmedizin und Chirurgie bieten heute auch in Extremfällen lebensrettende Hilfen an, die früher kaum jemand für möglich gehalten hätte. Die Geschichte der Medizin der letzten beiden Jahr­hun­derte war eine echte Erfolgsstory.

Aber diese Erfolgsstory droht zu Ende zu gehen. Seit dem späten 20. Jahrhundert reichen die erzielten medizinischen Fort­schritte nicht mehr aus. Als Konsequenz nehmen die Zahl der Erkran­kungen und die Kosten im Gesund­heits­­wesen in allen Ländern stetig zu. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden sich die Krebs­erkran­kungen insge­samt im Zeitraum 2000-2030 mehr als ver­doppeln. Nach Hoch­rechnungen der Welt­gesund­heitsor­ganisation (WHO) werden im Jahr 2020 Depressionen weltweit die zweithäufigste Ursache für Erwerbs­un­fähigkeit und vor­zeitige Sterblichkeit sein.

Die wachsende Zahl der Erkrankungen spiegelt sich in den Ausgaben wider. So lag der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt in den USA im Jahre 1965 bei 5,9 Prozent, im Jahr 2014 war er auf 18 Prozent angestiegen. In 2020 soll der Anteil die 20 Prozent erreichen. Nimmt man noch die Ausgaben der erwei­terten Gesundheitswirtschaft hinzu, dann fließt inzwischen jeder fünfte Dollar in den USA in die Gesundheit. Die amerikanischen Gesundheitsausgaben liegen inzwischen höher als das Bruttoinlands­produkt Deutschlands – der viertgrößten Industrienation der Erde.

Weltweit verursacht das von der akademischen Schulmedizin geprägte Gesundheitswesen Ausgaben von rund 12.000 Milliarden US-Dollar (2013). Die Kosten steigen seit Jahrzehnten stärker als das Wirtschafts­wachstum und ein Ende dieses Trends ist nicht erkennbar. Das derzeitige Gesundheitswesen bekommt den Kostenanstieg nicht in den Griff, weil es durch zu viele Strukturprobleme belastet ist. So wurden 2010 z. B. in den staatlichen US-Gesundheits­pro­grammen Medicare und Medicaid für die Behand­lung von Demenz rund 140 Milliarden US-Dollar ausgegeben, für die Erforschung ihrer Ursachen aber nur 0,5 Milliarden. Ein Verhältnis von 280 zu 1. Wenn man die Ursachen einer Krankheit nicht erforscht, dann kann man sie auch nicht heilen.

Die Ausrichtung auf Krankheiten ist grundsätzlich nicht falsch, sie wird aber zum Problem wenn immer mehr Krankheiten nur behandelt, aber nicht geheilt werden. Dann werden sie chronisch und kosten ein Leben lang Geld. Es fehlen die Anreize, welche die Leistungs­erbringer motivieren, einen Patienten zu heilen statt nur zu behandeln. Und das gilt immerhin für Bluthochdruck, Diabetes, Rheuma, Neuro­dermitis, Psoriasis, Aids, Parkinson, Alzheimer, Demenz, Multiple Sklerose, Krebs, Depres­sio­nen, Burnout, Psychosen usw.

Viele Krankheiten sind Systemerkrankungen. Ihre Ursachen liegen nicht in rein physischen oder biologischen Fehlfunktionen, sondern in Psyche und Geist. Auch das soziale Umfeld ist ursächlich mit beteiligt. Werden diese Faktoren mitbehandelt, verbessern sich die Effektivität der Therapie und die Chancen auf Heilung. Wissenschaftliche Studien in den USA haben auch einen engen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Religion nachgewiesen.

Gläubigen Christen fällt es leichter, auf Alkohol, Nikotin und Drogen zu ver­zich­ten. Sie weisen ei­ne geringere Anfälligkeit für Aggressionen, Feindschaft und Angst auf. Gläu­bige Christen haben ein um 40 Prozent ge­rin­geres Blut­hoch­druck­risiko und weisen mit doppelt so hoher Wahr­schein­lich­keit ein starkes Im­mun­system auf. Wenn sie erkranken, kön­nen sie mit ihren Be­schwerden besser um­gehen. Athe­isten sind wesentlich stärker gefähr­det durch Dro­­gen, De­pressio­nen, Neu­ro­sen und Selbst­mord.

Ein weiteres Strukturproblem ist die Art und Weise, wie der medizinische Fortschritt genutzt wird. Der medizinische Fortschritt gilt als der Hauptverursacher der Kosten. Die Ausgaben zu seiner Erzielung sind aber höher als die Einsparungen, die er mit sich bringt. Deswegen steigen die Ausgaben permanent an. Auch hier besteht ein folgenschweres Struktur­problem, da es nicht genügende Anreize für die Leistungserbringer gibt, einen medizini­schen Fortschritt anzustreben, der den Patienten Vorteile bringt, die Kosten erheblich senkt und für die Leistungserbringer dennoch mit keinen Einkommens­verlusten verbunden ist.

Was wäre zu tun?

Jede Krise hat ihre besonderen Anforderungen. Die Gesundung des ganzen Menschen ist u.E. derzeit die wirksamste Strategie, um die soziale Unordnung und ihre destruktiven Folgen in den Griff zu bekommen. Um dieses Ziel zu erreichen, stehen vor allem vier Institutionen zur Verfügung: die Familie, das Bildungswesen (einschließlich innerbetriebliche Weiterbildung), das Gesund­heits­system und die Hoch­religionen. Aufgabe der Politik sollte sein, die Rahmen­bedingungen so zu gestalten, dass die vier genannten Akteure ihre Aufgaben möglichst gut erfüllen können. Das heißt: Die vier Hauptakteure mehr als bisher in der Aufgabe zu unterstützen, ganzheitlich gesunde Menschen heranzu­bilden. Sollte es gelingen, die soziale Unordnung um zehn Prozent zu reduzieren und die Produk­tivität im herkömmlichen Gesundheitswesen um zehn Prozent zu steigern, dann stünden jedes Jahr genügend Ressourcen für den lang ersehnten Aufschwung zur Verfügung.

Das Erfreuliche ist, dass die Ressourcen, die für einen nachhaltigen Aufschwung benötigt werden, weitgehend vorhanden sind. Geld ist reichlich vorhanden. Arbeitskräfte sind ebenfalls reichlich vorhanden. Modernste Informations- und Kommunika­tions­technologien stehen zur Verfügung, modernste Technologien für Produk­tion, Transport, Verwal­tung und weltweiten Vertrieb sind ebenfalls vorhanden. Darüber hin­aus standen den Verantwortlichen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik noch nie so viele Universitäten, Forschungs­organisationen, Think-Tanks und Beratungsinstitute zur Seite, um sie mit neu­estem Wissen zu versorgen. Und es dürfte noch nie so viele große internationale Institutionen und Organisa­tionen sowie so viele internationale Konferenzen, Symposien, bilaterale und multilaterale Vereinbarungen gegeben haben und weiter zur Verfügung stehen, um die globalen Probleme zu lösen. Jetzt kommt es darauf an, diese Ressourcen auf das rich­tige Ziel auszurichten: Den Menschen mit seinen unerschlossenen moralischen Potentialen in den Mittel­punkt zu stellen.

Der Mathematiker Leo Nefiodow ist Mitglied des Club of Rome und einer der bekanntesten Vertreter der Theorie der langen Wellen. Er ist seit 1965 in der Forschung, Entwicklung und Anwendung der Informationstechnologie tätig, daneben war er Berater des Bundesministeriums für Forschung und Technologie, mehrerer Landesregierungen, internationaler Organisationen und privater Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten zählt die Zukunftsforschung. Der vorliegende Aufsatz fasst einige Gedanken aus dem Buch von Leo Nefiodow und seiner Tochter Simone zusammen: Der sechste Kondratieff. Die neue, lange Welle der Weltwirt­schaft. Sankt Augustin, 2014.

Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.

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