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Kinderkrebs um Atomkraftwerke

Ärzte kritisieren Dosisargument der Bundesregierung als nicht haltbar


11. Februar 2008

[ngo] Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW widerspricht der aktuellen Einschätzung der Bundesregierung zur Kinderkrebs-Studie um deutsche Atomkraftwerke ("KiKK-Studie"). Die Studie von einem wissenschaftlichen Expertengremium begleitete Studie des Mainzer Kinderkrebsregisters hatte ergeben, dass die Kinderkrebsrate mit zunehmender Nähe zu Atomkraftwerken ansteigt. Laut Bundesregierung soll dennoch kein ursächlicher Zusammenhang zwischen einem Anstieg von Krankheiten in der Nähe von Atomkraftwerken und der Strahlenbelastung durch ein Atomkraftwerk bestehen. Die Strahlenbelastung der Bevölkerung durch den Betrieb der Kraftwerke müsse um mindestens das 1000-fache höher sein, um den beobachteten Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können, behauptet die Bundesregierung. Die IPPNW-Vorsitzende Angelika Claußen kritisiert diese "stereotyp vorgetragene Argumentation" der Bundesregierung als wissenschaftlich nicht haltbar.

Die Strahlenbelastung der Bevölkerung in der Umgebung der Atomkraftwerke werde anhand von Modellrechnungen aus den Emissionsmessungen der Atomkraftwerksbetreiber simuliert, so Claußen. "In die Berechnung fließen unter anderem Annahmen über die Windrichtung genauso mit ein wie Modellvorstellungen zur Verstoffwechselung radioaktiver Partikel im Körper. Die Unsicherheiten der Dosisbestimmung können damit mehrere Zehnerpotenzen betragen."

Jüngste Forschungen deuten zudem daraufhin, dass die Wirkung inkorporierter Radionuklide bei ungeborenen Kindern gegenüber Erwachsenen viel ausgeprägter sei, als bisher angenommen. "In jedem Fall lassen sich Annahmen über die Strahlenempfindlichkeit von Erwachsenen nicht einfach auf Schwangere und Kleinkinder übertragen", so die Ärztin.

Nach Darstellung der IPPNW gibt es darüber hinaus auch keine lückenlose Kontrolle der Betreiberangaben zu den Emissionen der Atomkraftwerke durch die Behörden. Beispielsweise werde in einem von der Landesregierung Schleswig-Holstein in Auftrag gegebenem strahlenbiologischen Gutachten von 2001 festgestellt, dass sich Kontaminationen im Umkreis des Atomkraftwerks Krümmel durch die angegebenen Emissionsmessungen der Betreiber nicht erklären ließen. Auch bei anderen deutschen Atomkraftwerken habe es in früheren Jahren "offensichtlich immer wieder unkontrollierte Freisetzungen gegeben", behauptet die IPPNW. Die bisher praktizierte Mess- und Kontrollpraxis der Betreiber und der Behörden gehört nach Auffassung der Ärzteorganisation "auf den Prüfstand".

"Auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Bundesregierung mit Annahmen zum Strahlenrisiko argumentiert, ist unseriös", kritisiert Claußen. Besonders vor dem Hintergrund, dass die Geschichte der Strahlenschutzgrenzwerte eine Geschichte von Nachbesserungen sei. In der Vergangenheit hätten Behörden das tatsächliche Strahlenrisiko immer wieder unterschätzt. Jetzt versuche die Bundesregierung, den inzwischen signifikant nachgewiesenen Zusammenhang von Krebserkrankungsrisiko zur Atomkraftwerks-Nähe he herunter zu spielen und zu verschleiern.

Man müsse auch berücksichtigen, dass die Ergebnisse der neuen deutschen Kinderkrebs/Atomkraftwerks-Studie durch eine amerikanischen Studie gestützt werde. In der ebenfalls 2007 veröffentlichten Baker-Studie werteten amerikanische Biostatistiker in Form einer Meta-Analyse insgesamt 17 internationale Studien zum Thema Krebsrisiko rund um Atomkraftwerke aus. Auch hier wurde laut IPPNW ein Zusammenhang zwischen dem Erkrankungsrisiko und der Nähe zu den Atomanlagen festgestellt.

Die IPPNW fordert deshalb angesichts der zunehmenden Indizien für einen Zusammenhang zwischen Atomkraft, Strahlung und Krebsentstehung "endlich eine ergebnisoffene und öffentliche Fachdiskussion unter Einbeziehung aller vorliegender Befunde und mit Beteiligung auch der kritischen Wissenschaftler".

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