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Deutschland könnte USA überholen

Fast jeder Vierte arbeitet laut Studie für Billiglöhne


18. April 2008

Bild: ngo-online[ngo/ddp] Immer mehr Menschen in Deutschland arbeiten für ein sehr niedriges Einkommen. Innerhalb eines Jahrzehnts stieg der Anteil der Geringverdiener von 15 auf 22,2 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, die seit Januar vorliegt und nun in Amsterdam vorgestellt wurde. Demnach arbeiten heute 6,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland für wenig Geld. "Die Befunde für die Bundesrepublik sind besorgniserregend", sagte der Direktor des IAQ, Gerhard Bosch, der "Frankfurter Rundschau". In Deutschland könnte Der Niedriglohnsektor in Deutschland könnte nach Einschätzung des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) bald größer sein als in den USA. 2005 habe Deutschland knapp über dem britischen Niveau - und nur noch knapp unter dem der USA gelegen. In Frankreich ist die Quote gerade mal halb so hoch, in Dänemark ist sie noch niedriger.

Wissenschaftler haben in fünf europäischen Staaten den Niedriglohn-Sektor erkundet. "Die Befunde für die Bundesrepublik sind Besorgnis erregend", sagte Bosch.

Als Niedriglohn gelten Bruttostundenlöhne, die bei weniger als zwei Dritteln der durchschnittlichen Stundenlöhne liegen. Aufgrund der immer noch sehr großen Lohnunterschiede innerhalb Deutschlands liegt diese Grenze im Osten bei 6,81 Euro pro Stunde, im Westen bei 9,61 Euro. Der deutsche Durschnittswert liegt bei 9,13 Euro. Unterhalb dieses Werts liegen 41,1 Prozent der Beschäftigten im Osten und 19,1 Prozent im Westen.

Die Autoren der Studie, Claudia Weinkopf und Thorsten Kalina, kritisieren eine weitere Entwicklung: "Die Politik hat mit umfassenden Deregulierungen die Schleusen geöffnet für die weitere Ausdehnung der Niedriglohnbeschäftigung." Dabei steige nicht nur die Zahl der betroffenen Beschäftigten, sondern gleichzeitig sinke auch seit 2004 deren durchschnittlicher Stundenlohn - im Westen innerhalb eines Jahres von 7,16 Euro (2005) auf 6,89 Euro (2006), im Osten im gleichen Zeitraum von 5,38 Euro auf 4,86 Euro. 2006 arbeiteten insgesamt 1,9 Millionen Menschen für eine Stundenlohn unter fünf Euro.

Betroffen sind dabei keineswegs nur gering Qualifizierte. Rund drei Viertel der Niedriglohnbeschäftigten haben laut Studie entweder eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen akademischen Abschluss. Das zeige, so die Autoren, dass die Niedriglöhne den Kern der Beschäftigung erreicht haben.

Dreibus: Bald ist Deutschland nicht nur Exportweltmeister sondern auch Meister im Lohndumping

"Bald ist Deutschland nicht nur Exportweltmeister sondern auch Meister im Lohndumping", befürchtet der Links-Abgeordnete Werner Dreibus. Mit sozialer Marktwirtschaft habe das nichts mehr zu tun. 22 Prozent Niedriglöhner seien eine beschämende Bilanz.

"Die Studie belegt, was die LINKE schon lange anprangert: Die sogenannten Arbeitsmarktreformen und insbesondere Hartz IV sowie die Deregulierung der Leiharbeit sind schuld am Billiglohn-Desaster", so Dreibus. "Durch die Angst vor dem Abrutschen in Hartz IV wurde der Einfluss der Gewerkschaften geschwächt und Lohndumping ermöglicht."

Jetzt sei ein Gegensteuern nötig. Gute Arbeit heiße gesetzlicher Mindestlohn, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und "starke Gewerkschaften, die auch für die mittleren Einkommen flächendeckende Tarife erkämpfen".

Buntenbach: Billiglöhne von heute erzeugen die Altersarmut von morgen

Auch DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach verlangte, die Bundesregierung dürfe dieser fatalen Entwicklung nicht tatenlos zusehen, "denn hier braut sich sozialer Sprengstoff zusammen, der längst auch die Mitte der Gesellschaft erreicht hat". Dies gelte auch für Alterssicherung, denn "Billiglöhne von heute erzeugen die Altersarmut von morgen". Es sei "deshalb höchste Zeit für ein Umsteuern, und das heißt Mindestlöhne auf breiter Front", fordert Buntenbach.

Die zentralen Ursachen für die Ausweitung des Niedriglohnsektors sieht der DGB in der "Geiz ist geil"-Mentalität der Wirtschaft und den Hartz-Gesetzen, die insbesondere durch die verschärften Zumutbarkeitsregeln den Druck auf die Löhne zusätzlich erhöht hätten. "Dadurch, dass Arbeitslose jeden noch so miesen Job auch unter Tarif und außerhalb der Sozialversicherung annehmen müssen, wurde dem Lohn- und Sozialdumping Tür und Tor geöffnet", kritisierte Buntenbach.

Es müsse auch unterbunden werden, dass der Staat die Niedriglöhne der Wirtschaft über Hartz IV auch noch subventioniere. Es sei "entwürdigend für die 1,3 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, von denen die meisten eine gute Ausbildung mitbringen, dass sie trotz Arbeit so arm sind, dass sie ALGII beantragen müssen".

Buntenbach kritisierte in diesem Zusammenhang auch die Flucht der Arbeitgeber aus ihren Verbänden. In vielen Regionen und Branchen gebe es "tariflose Zustände", weil sich immer mehr Unternehmen Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften entzögen und "so die Sozialpartnerschaft in Frage stellen, die über Jahrzehnte funktioniert hat".

Arbeitgeber und Politiker müssten endlich die Gefahr für den sozialen Frieden erkennen, die sich durch den wuchernden Niedriglohnsektor auf der einen und den explodierenden Managergehältern und hohen Unternehmensgewinnen auf der anderen Seite ergebe. "Die Menschen brauchen gute Arbeit zu guten Löhnen", so Buntenbach. "Deshalb fordern wir von den Arbeitgebern Tarifverträge mit Existenz sichernden Löhnen, die Klarstellung auf europäischer Ebene für den Erhalt von Tariftreuegesetzen und den flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 7,50 Euro pro Stunde dort, wo tarifliche Regelungen nicht möglich sind." Man wolle keine amerikanischen Arbeitsmarktverhältnisse in Deutschland.

Foto: ngo-online

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