Der GAU auf der Schiene fand bei Schönebeck statt

Chemie-Unfall

1. Juni 1996: Ein herrlicher warmer Frühlingstag neigt sich seinem Ende. Hunderte Schönebecker verbringen den Samstag im Freien, sonnen sich oder grillen in den Gärten. Plötzlich durchbricht Sirenengeheul die idyllische Ruhe. Für Dutzende freiwillige Helfer beginnt damit einer der größten Einsätze in ihrer Laufbahn. Auf der zweigleisigen Bahnstrecke Magdeburg-Halle war nur einen Kilometer vom Bahnhof entfernt ein mit der gefährlichen Chemikalie Vinylchlorid beladener Kesselwagen entgleist und explodiert, weitere Waggons gerieten in Brand. Zu diesem Zeitpunkt ahnt von den Einsatzkräften niemand, welche brisante Ladung der Zug in sich birgt. Eine riesige, weithin sichtbare schwarze Rauchwolke steht an diesem Abend über dem Süden der Kreisstadt.

14 Tage kämpfen Feuerwehrleute bei Sonne und Regen - anfangs fast ohne jeglichen Schutz vor den giftigen Dämpfen - gegen die Flammen, schützen mit so genannten Wasserschilden die Waggons vor Überhitzung und lassen beschädigte Kesselwagen kontrolliert abfackeln. Die Bahn kann erst nach 23 Tagen den Verkehr auf der viel befahrenen Nord-Süd-Verbindung wieder aufnehmen. Reisende müssen in dieser Zeit zwischen Magdeburg und Halle endlose Umleitungen in Kauf nehmen. Experten gehen davon aus, dass die 37.000 Einwohner zählende Stadt nur knapp einer Katastrophe entgangen ist.

Heute, fünf Jahre danach, gibt es kaum noch Hinweise auf das schwere Eisenbahnunglück. Der Zugverkehr rollt, lediglich zwei an der Bahnstrecke angrenzende Gärten einer Kleingartenanlage liegen brach, wurden nach dem Brand dem Erdboden gleich gemacht. Das Grundwasser in diesem Gebiet wird weiter gereinigt. Damit sollen jene Einträge beseitigt werden, die damals durch Lösch- und Regenwasser bei dem Brand in den Erdboden gelangten, wie der Schönebecker Landrat Klaus-Jürgen Jeziorsky (CDU) sagt. Auf Kosten der Deutschen Bahn erhielten die Gärten auch Wasseranschlüsse, um nicht mehr das Brunnenwasser für ihre Pflanzen und Blumen nutzen zu müssen.

Geblieben sind jedoch die Erinnerungen der Anwohner und das Erleben der Einsatzkräfte, von denen einige mit akuten Nachwirkungen zu kämpfen hatten. Die am Unfallort eingesetzten Feuerwehrmänner waren zur Kur und wurden außerdem einer Langzeitstudie unterzogen. Trotz erhöhter Werte bei zellgenetischen Tests zwei Jahre nach dem Unglück sahen Experten keine akute Gesundheitsgefahr. Auch für die Anwohner kam Entwarnung. Eine Untersuchung kam im vergangenen Frühjahr zu dem Schluss, dass der Chemieunfall keine gesundheitlichen Schäden in der Bevölkerung nach sich gezogen hat.

Weniger gute Noten gab es seinerzeit für das Krisenmanagement der Bahn. Über Stunden wussten die Feuerwehrleute vor Ort nicht, was der Zug überhaupt geladen hatte. Das Innenministerium sprach von einer schwierigen Zusammenarbeit mit dem Krisen-Management der Bahn. Ein Notfallmanager sei zunächst nicht ansprechbar gewesen

Auch wenn heute das Chemiewerk im Süden Sachsen-Anhalts, in das der Zug ursprünglich rollen sollte, nicht mehr auf die Bahntransporte angewiesen ist, werden auch heute auf Straße und Schiene Güter transportiert, die ein "gewisses Gefahrenpotenzial" in sich bergen, ist sich Jeziorsky sicher. Der Landkreis müsse als zuständige Behörde auf solche Fälle vorbereitet sein, auch wenn nicht alles geplant werden könne. Feuerwehren, Technisches Hilfswerk, Rotes Kreuz seien auf solche Gefahrensituationen durch Ausbildung und Technikübungen vorbereitet, versichert der Landrat. Wie alle Schönebecker hofft Jeziorsky, dass sich der Ernstfall vom 1. Juni nicht wiederholt.

ddp-Text vom 27.05.2001