Brennelement in Atomkraftwerk Biblis abgestürzt

Einmaliger Unfall

Im hessischen Atomkraftwerk Biblis gab es einen Vorgang, der in der Bundesrepublik einmalig ist. Ein Sprecher des Kraftwerksbetreibers RWE sprach von einem "Pilot-Ereignis". Beim Versuch, Brennstäbe im Block B des Kraftwerks für den Transport in die Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague umzuladen, brach der Kopf eines Brennelementes ab, der Stab fiel etwa 50 Zentimeter nach unten und blieb auf der Oberkante des Lagergestells hängen. Der Vorfall wird nach den deutschen Meldekategorien als "Eilt" eingestuft. Es handelt sich also um keine Kleinigkeit.

Guter Rat ist in solchem Fall nicht auf die Schnelle zu haben. Experten des Atommeilers und externe Fachleute sowie Gutachter des TÜV Süddeutschland überlegen zurzeit, wie man den schräg an den Transportbehälter gelehnten Brennstab sicher bergen kann. Ein Konzept werde erarbeitet, heißt es aus dem hessischen Umweltministerium. Dieses muss vom Ministerium genehmigt werden, dann erst kann esweitergehen.

Wie der Kopf abbrechen konnte, ist noch unklar. Der gesamte Vorgang ereignete sich am späten Montagnachmittag unter Wasser im Abkling-Becken. Der RWE-Sprecher versichert, Radioaktivität sei nicht ausgetreten, die sei im Kopf gar nicht vorhanden, weil der zum Greifen für den Transport gedacht sei. Das Brennelement selbst sei nicht beschädigt worden. Im mittleren Teil des Brennstabes ist die Radiaktivität enthalten, der Fuß des Elementes dient zur Arretierung im Lagergestell. 300 Brennelemente sind in einem Gestell untergebracht. Für den Transport werden sie einzeln von Spezialgeräten herausgehoben und in den Transportbehälter gehievt.

Das Atomkraftwerk wurde von Siemens/KWU errichtet. Framatome ANP, die neue gemeinsame Atomtochtergesellschaft von Siemens und Framatome, ist der weltweit führende Hersteller von Brennelementen. Es ist bislang nicht bekannt geworden, ob das betroffene Brennelement von Siemens stammt.

Nicht nur die Grünen im hessischen Landtag wollen genaue Auskunft über den ungewöhnlichen Vorfall, auch die CDU-Landtagsfraktion fordert einen Bericht ihres Parteifreunds, des hessischen Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU). Die CDU will bemerkenswerterweise wissen, "ob sich dieser einmalige Störfall wiederholen kann" und ob eine Überprüfung anderer Brennelemente nötig sein könne. Die Grünen stellten fest, dass das Umweltministerium und RWE "dem Störfall ziemlich hilflos gegenüberstehen".

Dieser Unfallablauf ist sicherlich einmalig. Dennoch kam es in den deutschen, von Siemens/KWU errichteten Atomkraftwerken in den letzten Jahren immer wieder zu erstaunlichen Unfällen beim Brennelementwechsel. Im August 1988 wurden im Atomkraftwerk Brokdorf 18 Brennelemente beschädigt. Im Juli 1989 brach im bayerischen Atomkraftwerk Isar-1 der Teleskoparm einer Lademaschine ab. Ursache war der Zusammenstoß mit einer Plattform. Dabei fielen 54 Kugeln aus einem Kugellager in den offenen Reaktordruckbehälter. Ebenfalls 1989 stürzte im Atomkraftwerk Krümmel ein gebrauchtes Brennelement aus fünf Metern Höhe in das Lagerbecken. In Gundremmingen-C kam es 1990 zu einem ähnlichen Unfall, nachdem ein Kran irrtümlich ein Brennelement ergriff.

Im inzwischen stillegelegten Atomkraftwerk Würgassen war es 1991 eine Vorrichtung zum Beschneiden von Brennelementen, die ins Lagerbecken fiel. Im Januar 1997 schlug im Atomkraftwerk Philippsburg ein Kran nach dem Versagen der Bremsen auf einem Lagergestell des Lagerbeckens auf - glücklicherweise lagerten dort gerade keine Brennelemente.