Ermittlungen und Reaktionen auf die Terroranschläge in den USA

Der zweite Tag danach

Auf der Suche nach den Drahtziehern der Anschläge in den USA führt eine Spur nach Hamburg. Die Polizei nahm in der Nacht zu Donnerstag eine Frau aus einer Wohnung im Stadtteil Harburg mit, um sie als Zeugin zu vernehmen. Zudem durchsuchten Beamte des Landeskriminalamtes in demselben Stadtteil eine leer stehende Wohnung. Dort lebten möglicherweise bis zum Frühjahr dieses Jahres mehrere Männer arabischer Herkunft, die in Verbindung mit den Anschlägen stehen könnten. Generalbundesanwalt Kay Nehm zog inzwischen die Ermittlungen an sich, wie ein Hamburger Polizeisprecher bestätigte. Als hauptverantwortlich für die Anschläge gilt nach wie vor der aus Saudi-Arabien stammende Terrorist Osama Bin Laden.

Angesichts der Terrorwelle in den USA stellen sich Deutschland und die übrigen NATO-Partner hinter mögliche Militäraktionen der Vereinigten Staaten. Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte am Mittwochabend in Berlin, Deutschland trage die NATO-Entscheidung über den kollektiven Verteidigungsfall im Bündnis mit. Der NATO-Rat hatte sich zuvor nach Angaben von NATO-Generalsekretär George Robertson in Brüssel auf ein In-Kraft-Treten von Artikel 5 des NATO-Gründungsvertrages geeinigt. Danach sind die Mitglieder im Falle eines Angriffs auf einen Staat zur gemeinsamen Verteidigung verpflichtet.

Schröder unterstrich, "es geht hier um die Verteidigung all dessen, was unsere freiheitliche und offene Gesellschaft im Kern begründet". Da die Urheber der Terrorakte bisher nicht feststünden, habe die NATO noch keine konkreten Aktionen beschlossen. Schröder betonte, dass Parlament werde in jedem Fall mit Entscheidungen über eine deutsche Beteiligung an NATO-Maßnahmen befasst.

In den USA wurden mehrere Verdächtige festgenommen. Unterdessen bestätigte US-Justizminister John Ashcroft, dass sich die Anschläge vom Dienstag auch gezielt gegen Präsident George W. Bush richteten. Ziele der Angriffe waren nach seinen Angaben unter anderem das Weiße Haus und die Präsidentenmaschine "Air Force One". Einige der Flugzeugentführer seien als Piloten in den USA ausgebildet worden. An Bord des Flugzeuges, das in der Nähe von Pittsburgh abstürzte, stellten sich Passagiere nach einem Bericht der "Washington Post" den Entführern in den Weg.

Der stark beschädigte Komplex des World Trade Centers stürzte in der Nacht zu Donnerstag immer weiter zusammen. Nach Fernsehberichten brachen der Rest des Südturms des New Yorker Wahrzeichens und ein benachbartes 226 Meter hohes Gebäude vollständig ein. Bisher sind aus den Trümmern neun Überlebende geborgen worden. Die Zahl der Todesopfer geht nach Schätzungen der Behörden in die Tausende. Darunter befinden sich mindestens vier Deutsche. Ein weiterer deutscher Geschäftsmann wird seit seinem Termin am Dienstag im World Trade Center vermisst. Die Bioinformatik-Firma Lion Bioscience hat zu ihrem Finanzvorstand Klaus J. Sprockamp keinen Kontakt mehr, bestätigte der Vorstandsvorsitzende Friedrich von Bohlen.

Unter den Trümmern des Pentagon werden bis zu 800 Tote vermutet. Das Empire State Building war am Donnerstagmorgen (MEZ) offenbar Ziel einer Bombendrohung. Das Gebäude und die Pennsylvania Station wurden kurzzeitig evakuiert, meldete der Nachrichtensender n-tv. Inzwischen gebe es Entwarnung. Das Flugverbot über den Vereinigten Staaten bleibt bis auf weiteres bestehen. Die am Dienstag nach den Anschlägen umgeleiteten Flüge dürfen aber jetzt in den USA landen.

Für Rettungsarbeiten, Reparaturen und Schutzmaßnahmen gegen terroristische Angriffe will der US-Kongress Soforthilfen in Höhe von 20 Milliarden Dollar bewilligen. Der Vorsitzende des Bewilligungsausschusses, Bill Young, will einen entsprechenden Antrag in den Kongress einbringen.

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt und der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger rechnen unterdessen mit heftigen Gegenschlägen der USA. Wenn die Hintermänner der Anschläge von einem Staat unterstützt wurden, "kann dies den Kriegsfall bedeuten", sagte Schmidt. Kissinger sagte: "Ich bin sicher, dass Amerika sehr energisch zurückschlagen wird."

Als Konsequenz aus den Terroranschlägen in den USA fordert EU-Kommissar Günter Verheugen eine Überprüfung des Sicherheitskonzeptes in Europa. Neben Verbesserungen der polizeilichen Zusammenarbeit müsse die Europäische Union die Prävention schwelender Konflikte "viel ernsthafter betreiben". Der EU-Erweiterungskommissar warnte davor, die Anschläge in den USA als Indiz für bevorstehende Konflikte zwischen dem Islam und dem Westen zu werten. Die islamische Welt dürfe nicht mit einer radikalen Minderheit gleichgesetzt werden.

Die deutsche Sektion der Hilfsorganisation Shelter Now sorgt sich wegen möglicher Luftschläge der USA gegen Afghanistan um die acht in Kabul inhaftierten westlichen Mitarbeiter. Es bestehe die Gefahr, dass diese als "menschliche Schutzschilde" missbraucht werden, sagte der Vorsitzende von Shelter Now Germany, Udo Stolte.