Greenpeace warnt mit Großbilddia am Verladekran

Castortransporte

Greenpeace hat am Mittwoch früh auf die stark bewachte Halle des Castor-Verladekrans im wendländischen Dannenberg ein Großbilddia projiziert. Zusammen mit den Firmenlogos der vier großen Stromkonzerne Eon, RWE, EnBW und HEW stand in großen leuchtenden Buchstaben: "Wir ignorieren die Sicherheit. Wir gefährden Menschen. Wir lassen die Polizei die Drecksarbeit machen – Stop Castor!" Greenpeace demonstriert mit der Aktion gegen den Castor-Transport aus der französischen Atomanlage La Hague ins niedersächsische Zwischenlager Gorleben, den die vier Stromkonzerne für nächste Woche planen.

Vor dem nächsten Atommüll-Transport nach Gorleben zeichnen sich heftige Proteste der Castor-Gegner ab. Sie kündigten am Mittwoch in Hannover massive Demonstrationen und Blockaden an. Die Polizei sieht sich ausreichend vorbereitet. Die Anti-Atom-Bewegung rechnet für kommenden Dienstag mit der Ankunft des Transportes in Lüneburg. Dort beginnen bereits am Samstag die Proteste mit einer Demonstration, zu der die Organisatoren 10.000 Menschen erwarten.

Wie der Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Wolfgang Ehmke, sagte, sollen die Aktionen im Wendland "so etwas wie die S peerspitze der Anti-Atom-Bewegung in Deutschland werden". Ziel sei nicht die Verhinderung des Transportes. Es gehe vielmehr darum, "den Fahrplan der Betreiber durcheinander zu bringen". Zugleich solle "mit der Atompolitik der rot-grünen Bundesregierung abgerechnet werden". Der Sprecher der Anti-Atom-Bewegung X-tausenmalquer, Jochen Stay, kündigte Sitzblockaden auf dem Transportweg der Castor-Behälter an. Diese verbotenen Demonstrationen seien ein "notwendiger Rechtsbruch".

Nach Angaben des Polizei-Gesamteinsatzleiters Hans Reime sind die Beamten auf etwaige Straßenblockaden vorbereitet. Die Polizei rechne bei den Aktionen "mit weniger Masse, dafür aber mit mehr Militanz" der Atomgegner. Der Transport soll mit 15.000 Beamten abgesichert werden. Der Bundesgrenzschutz (BGS) entdeckte bereits eine Ankett-Vorrichtung auf der Zugstrecke. Es habe sich dabei um eine ähnliche Konstruktion gehandelt wie jene, mit der vier Aktivisten der Umweltorganisation Robin Wood im März den Zug bei Süschendorf 16 Stunden lang aufgehalten hatten, sagte BGS-Einsatzleiter Joachim Franklin in Hannover. Die Vorrichtung mit Plastikrohren und einem Betonklotz habe sich fünf Kilometer entfernt von der ersten Blockadestelle befunden und sei für zwei Menschen ausgerichtet gewesen.

Die auf der Transportstrecke bei einem Anschlag beschädigte Bahn-Brücke bei Seerau soll bis zum Wochenende wieder befahrbar sein. Bis dahin werde auch die Überprüfung ihrer Sicherheit abgeschlossen sein, sagte Bahn-Sprecher Hans-Jürgen Frohns. Er bezifferte die Kosten für die Reparatur auf knapp eine Million Mark.

"Es ist unerträglich, wie arrogant die Stromkonzerne Vorschriften missachten und Sicherheitsbedenken vom Tisch fegen", sagt Veit Bürger, Greenpeace-Energieexperte. "Seit Jahren verstoßen sie in ihren Atomkraftwerken gegen Sicherheitsvorschriften. Gleichzeitig schicken sie Atommüll quer durch Europa, weil sie für dessen Lagerung überhaupt keine Lösung haben. Dass sie damit die Menschen auf vielfache Weise gefährden, ist ihnen offensichtlich egal. Die Chefs der Stromkonzerne müssen endlich einsehen, dass die Öffentlichkeit ihre fahrlässigen Machenschaften schon lange nicht mehr akzeptiert. Die Castor-Transporte müssen gestoppt werden."

Castorbehälter werden nur völlig unzureichend gegen die Auswirkungen von Unfällen und Terroranschlägen getestet. Sie können nicht garantieren, dass sie im Falle eines schweren Unfalls dicht bleiben. So muss ein Atombehälter beim sogenannten Feuertest lediglich 30 Minuten lang ein 800 Grad heißes Feuer unversehrt überstehen. Bei möglichen Unfällen mit Zügen, die leicht entzündbare Stoffe wie Benzin oder Propangas transportieren, entstehen Brandtemperaturen von bis zu 2000 Grad. Die Deckeldichtungen könnten versagen und Radioaktivität in die Umwelt gelangen. Die sechs Behälter des nächsten Gorleben-Transportes enthalten ungefähr genauso viel Radioaktivität, wie bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl freigesetzt wurde.

Die sechs Castorbehälter, die voraussichtlich Anfang nächster Woche nach Gorleben transportiert werden, enthalten Abfälle, die bei der sogenannten Wiederaufarbeitung in der Atomfabrik in La Hague entstehen. Die sogenannten Glaskokillen bestehen aus verglasten hochradioaktiven Spaltprodukten, die bei der chemischen Wiederaufarbeitung von Atommüll anfallen. Mit den Glaskokillen kommen rund 98 Prozent der radioaktiven Substanzen, die aus den deutschen Atomkraftwerken vorher in Form abgebrannter Brennelemente nach Frankreich gebracht wurden, nach Deutschland zurück.