Lew Kopelew Preis an russische Menschenrechtsorganisation "MEMORIAL" verliehen

Rau: Sorge um russische Medien und Menschenrechte

Die russische Menschenrechtsorganisation MEMORIAL wurde am Sonntag in Köln mit dem Lew Kopelew Preis für Frieden und Menschenrechte 2002 ausgezeichnet. Nach den Worten von Bundespräsident Johannes Rau ist die Organisation "einer der wichtigsten Pioniere der demokratischen Entwicklung Russlands". Dank MEMORIAL würden die Verbrechen der Sowjet-Herrschaft dokumentiert und öffentlich gemacht. Diese Arbeit unter politisch und gesellschaftlich schwierigen Umständen könne gar nicht hoch genug geschätzt werden. Rau äußerte bei der Verleihung des Preises Sorge über die Situation der russischen Medien und die Menschenrechtslage in Tschetschenien.

Rau hob hervor, die Medien in Russland seien "häufig starkem politischen Druck ausgesetzt. Kritische Stimmen im landesweiten Fernsehen werden leiser oder verstummen ganz". Selbst beim Kampf gegen Terrorismus und gegen gewaltsamen Separatismus, so Rau mit Blick auf Tschetschenien, müssten die Menschenrechte geachtet werden, es dürfe kein Krieg gegen die Zivilbevölkerung geführt werden.

Nach den Worten von WDR-Intendant Fritz Pleitgen, dem 1. Vorsitzenden des Lew Kopelew Forums, kann MEMORIAL als das "Gewissen Russlands bezeichnet werden". Durch die Aufdeckung von vergangenen und aktuellen Menschenrechtsverletzungen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, so Pleitgen in seiner Laudatio, sei MEMORIALS Stimme den Mächtigen meist lästig, aber nicht mehr zu überhören. Die Menschenrechtsorganisation gehöre zum "Wertvollsten und Anständigsten, was das neue Russland hervorgebracht hat".

Hans-Peter Krämer, 2. Vorsitzender des Lew Kopelew Forums, hob hervor, dass selbst drohende Verhaftung und Verbannung die MEMORIAL-Mitglieder nicht davon abgehalten hätten, "das System zu kritisieren und für den Frieden und die Wahrung der Menschenwürde einzutreten". Mit ihrem Engagement gehörten sie zu den Menschen, die Lew Kopelew "wahre Friedenskämpfer" nannte.

Der Vorsitzende von MEMORIAL, Arsenij Roginskij betonte in seiner Danksagung, MEMORIAL kämpfe "für Wahrheit und Recht und für die demokratische Zukunft Russlands". Damit setze die Organisation den Kampf fort - unter weniger gefährlichen, aber immer noch komplizierten Bedingungen - den jahrzehntelang Lew Kopelew geführt habe. MEMORIAL nehme den Lew Kopelew Preis deshalb ohne falsche Scham und mit Dankbarkeit an.

Die Menschenrechtsorganisation "MEMORIAL" erhält den Lew Kopelew Preis für ihr "vorbildliches Engagement bei der Aufarbeitung der stalinistischen Diktatur und für die Wahrung der Menschenrechte" auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR. Die Organisation dokumentiert unter dem Titel "Opfer zweier Diktaturen" die Schicksale sowjetischer Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen im Zweiten Weltkrieg, die nach ihrer Leidenszeit in Nazi-Deutschland als angebliche Kollaborateure erneut Opfer von Repressionen wurden - so entstand mit über 400.000 Einträgen das größte Archiv ehemaliger sowjetischer NS-Zwangsarbeiter.

Der Preis wird in Erinnerung an den russischen Schriftsteller und Menschenrechtler Lew Kopelew vergeben, der seit seiner Ausbürgerung aus der UdSSR bis zu seinem Tod 1997 in Köln gelebt hatte.