Juden haben wieder Angst in Deutschland

57 Jahre nach der Befreiung

57 Jahre nach der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus sind viele Juden besorgt über wachsende antisemitische Stimmungen. Der Präsident des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, sagte am Donnerstag, es gebe kaum noch eine Hemmschwelle für antisemitische Äußerungen. Der Schauspieler Michael Degen erwägt angesichts dieser Entwicklung, Deutschland den Rücken zu kehren. Spiegel kritisierte auch die Diskussion von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mit dem Schriftsteller Martin Walser. Die Proteste dagegen seien berechtigt gewesen.

Spiegel sagte, in den Jüdischen Gemeinden herrsche Verunsicherung und Angst. In ganz Europa gebe es eine antijüdische Stimmung. Der Antijudaismus sei so stark wie seit 1945 nicht mehr. Es gebe einen Gleichklang zwischen Rechtsradikalen und Islamisten, eine gemeinsame Stoßrichtung gegen Juden und gegen Israel. Auch Degen betonte, der Antisemitismus habe sich "unter der Tarnkappe des Anti-Israelismus über ganz Europa ausgebreitet". Der jüdische Schauspieler, der die Nazi-Zeit in einem Versteck in Berlin überlebt hatte, fühlt sich in Deutschland nach eigenem Bekunden jetzt wieder als Verfolgter. Auf die Frage, wohin er gehen würde, sagte Degen: "Es klingt paradox, aber am sichersten würde ich mich in Israel fühlen."

Spiegel kritisierte auch die Diskussionsrunde mit Schröder und Walser am Mittwochabend in der SPD-Parteizentrale in Berlin. Schröder rief die Deutschen dabei zu Selbstbewusstsein auf. Die Deutschen könnten bei aller Verantwortung für die Geschichte stolz auf Geleistetes sein. Er persönlich sei stolz auf ein Deutschland, "das auf die Werte Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Teilhabe" aufgebaut sei. Er sehe die Deutschen als selbstbewusste und aufgeklärte Nation im Herzen Europas, die "sich nicht überlegen fühlt", sich aber auch nicht unterlegen fühlen müsse, sagte der Kanzler.

Die Diskussionsrunde Schröders mit Walser über Nation und Patriotismus in Deutschland am Mittwochabend in Berlin war von Protesten begleitet. Rund 100 Menschen demonstrierten vor dem Willy-Brandt-Haus gegen die Podiumsdiskussion. Spiegel sagte, Walser habe "neue unsägliche Theorien" verbreitet. Die Demonstranten vor dem Willy-Brandt-Haus hätten guten Grund für ihre Proteste gehabt.

Walser hatte in dem Gespräch mit Schröder seine umstrittenen Äußerungen anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 verteidigt. Der Autor sagte, er habe zwar in der Zwischenzeit festgestellt, dass "seine Sprache nicht für die Paulskirche geeignet" gewesen sei. Er verurteilte jedoch die "Verdächtigungsbereitschaft", die bei diesem "Themenkomplex so unendlich wach sei".

Der Schriftsteller hatte damals eine Kontroverse ausgelöst, als er in der Frankfurter Paulskirche von Auschwitz als "Moralkeule" und der "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" sprach. In der Diskussion mit Schröder betonte Walser, Auschwitz sei ein "singuläres Verbrechen" gewesen und konnte nur aus bestimmten historischen Bedingungen entstehen. Man könne die deutsche Schuld daher nicht "abstrakt behandeln", sondern müsse die Begleitumstände sehen.