Windkraft knackt die 10 000 Megawatt-Grenze

Mehr Wind im Energiemix

Deutschland ist schon seit Jahren bei der Kapazität der installierten Windkraftanlagen Weltspitze. Der Rekord überspringt nun am Dienstag die Schwelle von 10 000 Megawatt. Nach Angaben des Bundesverbandes WindEnergie (BWE) wird mit der offiziellen Inbetriebnahme von einer der insgesamt 14 Windturbinen bei Bimolten in der Nähe von Nordhorn (Niedersachsen) dieser neue Meilenstein gesetzt. In knapp 20 Jahren, die seit dem Start des ersten privaten und ins Netz einspeisenden Windrades vergangen sind, hat die Windenergie den Schritt aus der Nische vollzogen. Die Debatte um das künftige Wachstumspotenzial berührt die Grundsatzfrage, welche Rolle die Windenergie im deutschen Energiemix mittel- und langfristig einnehmen könnte.

Windkraft liefert heute rund drei Prozent unseres Stroms, die erneuerbaren Energien insgesamt gut 7,5 Prozent. Ende vergangenen Jahres waren bundesweit etwa 11 500 Windkraftanlagen mit zusammen 8750 Megawatt am Netz. Allein 2001 wurden 2079 Windräder mit einer Gesamtleistung von 2659 Megawatt neu errichtet. Nach Ansicht von BWE-Präsident Peter Ahmels erscheint ein weiterer Zubau von Windrädern auf dem Festland von etwa 5000 Megawatt bis Ende 2004 realistisch. Bislang zählt die Boombranche 35 000 Mitarbeiter. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin veranschlagt den Jahresumsatz auf rund 3,5 Milliarden Euro.

Die günstigen Rahmenbedingungen, vor allem die gesetzliche Mindestvergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, schufen Sicherheiten für Investoren. Die rot-grüne Bundesregierung will den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung bis 2010 verdoppeln, vor allem um die international eingegangenen Verpflichtungen bei der Reduzierung des Ausstoßes von Kohlendioxid zu erfüllen.

Die Deutsche Energie-Agentur (Dena), im Jahr 2000 von der Bundesregierung und der Kreditanstalt für Wiederaufbau als ein Kompetenzzentrum für Energieeffizienz gegründet, verweist auf die noch vorhandenen Überkapazitäten am deutschen Strommarkt. Die installierte Leistung liege derzeit bei rund 110 000 Megawatt, die an kalten Tagen abgeforderte Höchstleistung bei 70 000 bis 73 000 Megawatt. Jedoch müssten in 20 Jahren etwa 30 000 Megawatt erneuert werden, weil ältere Anlagen, einschließlich der Atomkraft, vom Netz gehen. Etwa ab 2010 müsse konkret über Kraftwerks-Investitionen nachgedacht werden, prognostiziert Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler. Selbst wenn eine unionsgeführte Bundesregierung nach den Wahlen den Atomausstieg stoppte, müssten im genannten Zeitraum 20 000 bis 25 000 Megawatt an Kapazitäten neu errichtet werden.

Derzeit wird noch gut drei Viertel des Stroms in Großkraftwerken erzeugt. Kohler plädiert nachdrücklich dafür, bis 2020 diesen Anteil auf etwa 54 Prozent zu drücken und dezentralisierten Anlagen einen wachsenden Stellenwert einzuräumen. Damit entstünde auch die historische Chance, die erneuerbaren Energien und damit die Windkraft voll in den Energiemix zu integrieren. Windkraft könne freilich den Ausfall der Grundlast-Versorgung nie kompensieren, weil Windstrom nicht ständig und in gleichbleibender Menge anliegt. Kohler rät zur verstärkten Errichtung von dezentralen, erdgasbetriebenen Anlagen, die bei Bedarf kurzfristig Lücken in der Grundlast schließen können. Windkraft könnte in der Zukunft auch verstärkt zur Herstellung des Energiespeichers Wasserstoff eingesetzt werden, der zum Betrieb von Brennstoffzellen zur Stromproduktion gebraucht wird. Aus heutiger Sicht dürfte dessen Einsatz, so Kohler, etwa ab 2015 sinnvoll sein.

Gegen den ungezügelten Ausbau von Windkraftanlagen an Land regt sich aber auch Widerstand. Die "Verspargelung" der Landschaft wird nicht nur aus touristischen Gründen in Frage gestellt. Auch die vom "Windaufkommen" her geeigneten Standorte werden knapp. Das Zauberwort für viele sind Offshore-Anlagen, also Windparks auf dem Meer außerhalb der Schifffahrtstrecken. Für Kohler ist klar, dass die großen Windkraft-Potenziale auf dem Meer zu suchen sind. Mit Hilfe von Dena wurden drei mögliche Standorte in der Nordsee und einer in der Ostsee ausgemacht. Bis 2030 könnte der Offshore-Windstrom bereits einen Anteil von etwa 15 Prozent des Stromverbrauchs haben, gemessen am Basisjahr 1998. Zusammen mit den Windrädern an Land könnte so bereits ein Viertel des derzeitigen Strombedarfs aus Windkraft kommen.

Kohler räumt ein, dass dazu noch manches Problem gelöst werden muss. Die Errichtung von Offshore-Windparks ist teurer als auf dem Lande. Die Kosten für Netzanbindung und Fundamente steigen mit wachsender Entfernung von der Küste. Das Material wird von Wind und salziger Luft erheblich beansprucht. Die großen Netzbetreiber müssen ihre Überlandleitungen ausbauen, weil deutlich mehr Strom als bisher in Nord-Süd-Richtung fließen würde.

Die Debatte um den Energiemix betreibt auch die Wahlkampfmühlen. Von Seiten der Union wird die Förderung der Erneuerbaren als zu teuer und ineffizient in Frage gestellt. Nach den Wahlen dürfte sich das wieder anders anhören. Denn inzwischen haben auch die großen Stromversorger, zugleich Besitzer der Übertragungsnetze, die Erneuerbaren als eine mögliche Option für sich entdeckt.