PUERTO RICO: Bevölkerung von Vieques ist Opfer des Anti-Terror-Kriegs

Abzug von US-Marine unwahrscheinlich

Seit die USA ihre Kriegsrhetorik gegen den Irak intensiviert haben, proben US-Marines auf der puertoricanischen Insel Vieques den Ernstfall. Zum letzten Mal, hoffen die Anwohner der seit 1942 als Übungsplatz genutzten Insel. Doch der Anti-Terror-Krieg von Präsident George W. Bush macht ein Ende der US-Militärpräsenz unwahrscheinlich. Die Bewohner von Vieques warten derzeit auf das Ergebnis medizinischer Untersuchungen, die das gesamte Ausmaß der Verseuchung durch die US-amerikanische Militärpräsenz offenbaren. Schon jetzt gibt es Anzeichen, dass die Krebsrate auf Vieques 27 Mal höher ist als auf der elf Kilometer östlich gelegenen Hauptinsel Puerto Rico.

Bush hatte Mitte letzten Jahres versprochen, die US-Streitkräfte spätestens im Mai 2003 von Camp García, dem US-Stützpunkt auf Vieques, abzuziehen. Doch inzwischen kann davon keine Rede mehr sein. "Vieques ist für uns ein wichtiger Standort, und wir haben vor, dort weiter zu operieren", ließ Verteidigungsminister Donald Rumsfeld am 16. September verlauten. Für die Mehrheit der Bevölkerung sind diese Pläne inakzeptabel, zu lange schon leiden die Menschen an den Folgen der US-Militärpräsenz. Seit ihrer Ankunft 1942 hat sich die US-Armee drei Viertel des 134 Quadratkilometer großen Vieques einverleibt. Auf dem Gebiet finden 200 Tage im Jahr Militärübungen statt, die die lokale Bevölkerung an den Rand des Erträglichen bringen – sowohl in gesundheitlicher als auch in ökologischer Hinsicht.

"Ich habe fünf Enkel. Ihr Blut und das ihrer Eltern ist mit Schwermetallen belastet", sagt Myrna Pagan vom Komitee zur Erholung und Entwicklung Vieques'. Für sie steht fest, dass sowohl die hohen Blutwerte als auch ihre eigene Krebserkrankung von den militärischen Übungen herrühren. Selbst wenn die US-Marines ihre Übungen unverzüglich abbrächen und der Insel den Rücken kehrten, wäre damit die Gefahr nicht gebannt. Experten zufolge müssten Jahre vergehen, bevor Blei und Quecksilber abgebaut seien.

"Auf den wenigen Grundstücken, die das US-Militär den Bewohnern von Vieques zurückgegeben hat, müssen Brunnen aus gesundheitlichen Gründe mindestens 2.500 Meter tief sein", berichtet der Rechtsberater des Gemeindebezirks, Arnoldo Báez Genoval. "Und das sind die Auflagen, die uns die Marine in ihrem Übergabeprotokoll gemacht hat." Die Gouverneurin von Puerto Rico, Sila Calderón, hat in einem Schreiben den US-Präsidenten um eine Einhaltung seines Versprechens gebeten, die US-Streitkräfte bis kommenden Mai aus Vieques abzuziehen.

Selbst in einem solchen unwahrscheinlichen Fall würde das Militärgelände nicht den Bewohnern der Insel zufallen. Es bleibt Besitz des Innenministeriums, bestätigt der Rechtsexperte Báez Genoval. "Deshalb werden wir uns gezwungen sehen, weiter zu kämpfen." Bevor Vieques in einen Kriegsübungsplatz umgewandelt wurde, hatte die Insel von der Landwirtschaft gelebt. Damals gab es hier fünf Zuckermühlen, und die Menschen bauten Tabak, Kakao, Ananas und andere Früchte an. "Mit der Ankunft der Navy verschwanden die Felder", so der Rechtsexperte im Gespräch mit IPS. "Dass die Böden verseucht sind, zwingt uns zur Hydrokultur. so Báez Genoval weiter. "Wir ziehen unseren Salat und unser Gemüse in Nährlösungen."

68 Prozent der 9.400 Bewohner von Vieques sind für einen sofortigen Abzug der US-Streitkräfte. Zu diesem Ergebnis kam ein Referendum im letzten Jahr. Diejenigen, die für den Verbleib der US-Marine votierten, profitieren von deren Anwesenheit – in Form von Jobs oder geschäftlichen Verbindungen.