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Der Nachbar als Folterknecht

Forschung über Nazi-Lager

Wer von der Saarbrücker Innenstadt in Richtung Frankreich fährt, entdeckt kurz vor der Grenze ein braunes zweisprachiges Hinweisschild: "KZ-Gedenkstätte Neue Bremm" steht darauf. Zwischen einem Hotel, einer Gärtnerei und einer Werkhalle liegt eine Rasenfläche. In der Mitte steht ein stacheldrahtumzäuntes Becken, der ehemalige "Löschteich" des Barackenlagers. Der Ort wurde "ein Stück weit versteckt", sagt Burkhard Jellonnek, Leiter der saarländischen Landeszentrale für politische Bildung. Er bemüht sich seit einigen Jahren mit der "Initiative Neue Bremm" um eine Neugestaltung der Gedenkstätte - und die Erforschung der Lagergeschichte. Jetzt liegen neue Forschungsergebnisse vor, die das verbreitete Bild eines harmlosen Durchgangslagers erschüttern dürften.

Die Saarbrücker Historikerin Elisabeth Thalhofer wies am Beispiel des Saarbrücker Lagers nach, dass es sich nicht um ein Konzentrationslager (KZ) handelte. Diese unterstanden der SS in Berlin und funktionierten alle nach gleichen Regeln. Das Lager in Saarbrücken war Thalhofer zufolge hingegen ein "Erweitertes Polizeigefängnis" der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Dies sei ein eigener Lagertyp gewesen, der bisher der Forschung noch nicht bekannt gewesen sei, erläutert die Wissenschaftlerin. Ihren Erkenntnissen zufolge waren die "Erweiterten Polizeigefängnisse" reichsweit verbreitet. In solchen von der örtlichen Polizei kontrollierten Lagern seien zum Teil brutale Verbrechen begangen worden, sagt Thalhofer.

Thalhofer kann anhand bisher gesperrten Akten französischer Militärtribunale belegen, dass Nachbarn und Familienväter, die vom Arbeitsamt zwangsverpflichtet wurden, im Lager "Neue Bremm" grausam folterten. Um den Löschteich herum veranstalteten die Aufseher bürgerlicher Herkunft demnach täglich stundenlang "Lagersport". Die unterernährten Häftlinge mussten um das Becken herum gehen, springen und kriechen. Sie wurden geschlagen und getreten. Wer zusammenbrach, wurde ins Becken geworfen. Kamen die halbtoten Häftlinge im eiskalten Wasser wieder zur Besinnung, wurde ihr Kopf mit bereitliegenden Holzstangen unter Wasser gedrückt. 82 Häftlingsmorde in zwei Jahren sind belegt, allerdings geht die Historikerin aufgrund von Zeugenaussagen von einer weitaus höheren Zahl aus. Nach ihrem "Dienst" gingen die Männer nach Hause und kümmerten sich um ihre Kinder.

Wie aus Familienvätern, bei denen zum Teil keine Sympathien für die Nazis in den Biographien feststellbar sind, Folterknechte werden konnten, kann auch die Historikerin abschließend nicht beantworten. Zum einen habe es eine gewisse Vorbildfunktion der Lagerkommandanten gegeben, vermutet sie. Der erste Gefangenenmord im September 1943 scheine dann eine Art Signal gewesen zu sein, da er von der verantwortlichen Gestapo einfach hingenommen wurde. "Die Aufseher haben gesehen, sie können die Grenzen menschlichen Verhaltens austesten", meint Thalhofer. "Und diese Grenzen haben sie in der Folge immer weiter ausgedehnt". Dies zeige, dass das Eis der Zivilisation "sehr dünn ist", ergänzt Jellonnek.

Obwohl rund 50 Aufseher aus Saarbrücken über zwei Jahre lang im Lager ihren Dienst versahen, und obgleich Bestattungsunternehmer die Leichen abholten und Anwohner Tag und Nacht Schreie der Gefolterten hörten und den "Lagersport" beobachteten, funktionierte der Verdrängungsmechanismus nach dem Krieg. Das Lager verschwand schnell aus dem Bewusstsein. Auf dem Gelände des Frauenlagers wurde 1974 sogar ein Hotel errichtet. Erst vor wenigen Jahren rangen sich Stadt und Land auf Initiative einiger Bürger zu einer Neugestaltung der Gedenkstätte durch. Ende des Jahres soll sie eröffnet werden und damit die Taten der Nazis, aber auch die der Folterknechte aus der Nachbarschaft ins Gedächtnis zurückholen.

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