Klimaerwärmung schadet Zugvögeln

Kurzes Leben für Langstreckenzieher

Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben festgestellt, dass Anzahl und Anteil der Langstreckenzieher bereits dramatisch zurückgegangen sind. Eine weitere Abnahme sei zu erwarten, befürchten die Forscher. Besonders die Langstreckenzieher unter den Zugvögeln, die Europa im Herbst verlassen und südlich der Sahara im tropischen Afrika überwintern, seien durch die globale Klimaveränderung stark bedroht. Infolge der wärmeren Winter in der Bodenseeregion hätten sowohl Anzahl als auch Anteil der Langstreckenzieher wie Rauchschwalbe, Wendehals oder Gartenrotschwanz dramatisch abgenommen.

Gleichzeitig seien Zahl und Anteil von Kurzstreckenziehern, die im Mittelmeerraum überwintern, und Standvögeln gesteigen. "Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass die zunehmend wärmeren Winter für die Langstreckenzieher eine größere Bedrohung darstellen als für andere Vogelgruppen", schreiben Nicole Lemoine und Katrin Böhning-Gaese in der neuen Ausgabe von "Conservation Biology".

Ihre Ergebnisse, die die Wissenschaftlerinnen auch bei dem Workshop "Bird migration in relation to climate change" vom 13. bis 16. März in Konstanz vorstellen, zeigten einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Klimaveränderungen und Veränderungen bei den Vogelgemeinschaften. Der erwartete weitere Temperaturanstieg werde voraussichtlich noch einen weiteren Rückgang bei den Langstreckenziehern verursachen.

Warum diese Vogelgruppe besonders unter der Klimaerwärmung leidet, lasse sich vermutlich mit dem Futterangebot erklären. "Standvögel müssen mit den hiesigen Bedingungen im Winter auskommen", erläutert Böhning-Gaese. Die Hälfte bis drei Viertel der Population sterbe über den Winter. Im Frühjahr könnten die überlebenden Tiere das dann reichliche Futterangebot

nicht nutzen, so dass Zugvögel, die aus ihrem Winterquartier zurückkommen, ein ausreichendes Nahrungsangebot vorfinden würden. Durch höhere Wintertemperaturen hätten Standvögel eine größere Überlebenschance, dadurch verringert sich das Futterangebot im Frühjahr und für die

zurückkehrenden Zugvögel steht weniger zur Verfügung. Dies erkläre auch, weshalb Südosteuropa mit seinen kalten Wintern viele Langstreckenzieher beherbergt, während im Nordwesten unseres Kontinents, etwa in Irland, nur wenige zu finden seien.

Bei ihren Untersuchungen hätten Lemoine und Böhning-Gaese auf die Klimadaten für die Zeiträume 1979-1981 und 1989-1992 im Bodenseeraum zurückgegriffen, so die Wissenschaftler. Dabei zeige sich für den jeweils kältesten Wintermonat ein Temperaturanstieg um 2,4 Grad, während Temperatur und Niederschläge im Frühjahr nahezu unverändert blieben. Berechnungen, wie sich die Vogelpopulationen aufgrund des Temperaturanstiegs verändert haben könnten, stimmten mit den tatsächlich vorliegenden Daten zu den Bestandsveränderungen überein.

Dass die Langstreckenzieher, die bis zu ihrem Winterquartier 3.000 oder 4.000 Kilometer zurücklegen, auch durch andere Ereignisse in ihrer Zahl dezimiert werden, schließen die Forscherinnen nicht aus. In Afrika werde der Lebensraum durch die höhere Bevölkerungsdichte und Überweidung eingeschränkt, die Bekämpfung von Heuschreckenplagen verringere das Nahrungsangebot zusätzlich. Um so wichtiger sei es, dass die Vögel bei ihrer Rückkehr nach Europa eine intakte Kulturlandschaft vorfänden, die ihnen eine größere Überlebensrate sichere. "Streuobstwiesen wären für diese Vögel sicherlich sehr viel besser als eine intensive landwirtschaftliche Nutzung der Flächen mit Düngemittel- und Pestizideinsatz", so

Böhning-Gaese.