Das Elend der Opfer im Irak-Krieg wird ignoriert

Kriegsvorbereitungen

"Unsere Aufgabe als Ärzte ist es, jede Bedrohung für Leben und Gesundheit abzuwenden", betont die Ärzte-Vereinigung IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges und in sozialer Verantwortung), die 1985 den Friedensnobelpreis erhalten hat. Die IPPNW-Vorsitzende Dr. Angelika Claußen berichtet über das Elend der Opfer des geplanten Krieges im Irak: "Ich bin im Januar dieses Jahres als Ärztin in den Irak gefahren, weil ich meine eigene Hilflosigkeit angesichts der laufenden Kriegsvorbereitungen nicht mehr ertragen konnte. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie es den Menschen in diesem Land geht", schreibt Dr. Claußen.

Tatsache sei, dass der Irak zu den fünf armsten Ländern der Welt gehört, durchschnittlich jeden Tag 250 Menschen an den Folgen der Sanktionen sterben, jedes achte Kind im Irak stirbt, bevor es sein fünftes Lebensjahr erreicht. Die Ursachen sind Durchfallerkrankungen, Atemwegserkrankungen und fehlende Medikamente. 32 Prozent aller Kinder seien unterernährt, zwei Drittel der irakischen Bevölkerung bettelarm, und das seit 12 Jahren. Zudem habe der Irak eine der höchsten Kinderleukämieraten der Welt.

"Irakische Ärzte machen dafür die 300 Tonnen Urangeschosse verantwortlich, die im Golfkrieg 1991 eingesetzt worden sind. Die Kinderleukämierate ist um 250 Prozent gegenüber 1991 angestiegen. In der Stadt Basra im Süden Landes, wo besonders viel Urangeschosse abgeworfen wurden, kommen drei Prozent der Kinder schwerst missgebildet auf die Welt. Es sind bizarre Missbildungen, die wir Mediziner normalerweise in unseren Lehrbüchern nicht finden. Sie erinnern an die Missbildungen, die wir nach Tschernobyl sahen", so Claußen.

Das Elend der Menschen, ihre Hoffnungslosigkeit zu sehen und mitzuerleben, ist für einen mitfühlenden Menschen kaum zu ertragen. Immer wieder müssen die Ärzte in den Krankenhäusern ihren Patienten sagen: wir können nicht helfen, denn das Antibiotikum oder das Mittel gegen den Krebs ist nicht vorhanden. Eine Kollegin aus Österreich, die seit zehn Monaten versucht, die Geräte für eine Blutbank nach Basra zu bringen, bekomme bisher nur abschlägige Antworten von dem Sanktionskomitee. Der US-Vertreter im Sanktionskomitee antwortete auf ihre Bitten, dem Transport der notwendigen Geräte nun endlich zuzustimmen: "Ich rede mit Ihnen nicht über leukämiekranke Kinder, ich rede mit Ihnen nur über das Regime von Saddam Hussein".

"Ich denke, dieser Satz macht die ganze Menschenverachtung der Kriegsplaner in den USA deutlich: Es geht hier nicht um Massenvernichtungswaffen, und es geht nicht um die schrecklichen Menschenrechtsverletzungen, die der irakische Herrscher Saddam Hussein zu verantworten hat. Das zeigen auch die Verlautbarungen über die Kriegsstrategie der Militärplaner. "Schock und Furcht" - nennen sie ihr Programm. Der US-Militärstratege Harlan Ullmann spricht von 400 Cruise-Missile-Bomben, die täglich über dem Irak abgeworfen werden sollen. Er schwärmt davon, dass es so sein wird wie in Hiroshima, nur dass es nicht Wochen und Monate, sondern nur wenige Minuten dauere." Die Hundertausende von Menschen, die sterben werden, die Millionen von Flüchtlingen erwähne er nicht.

"Ich denke, dass wir, die Friedensbewegung, zuallererst einen langen Atem, Geduld und Zuversicht in unsere eigene Stärke benötigen", so Claußen. "Aus der Erfahrung der letzten zwei Weltkriege und vieler anderer wissen wir: Krieg ist keine Lösung für die anstehenden Probleme. Der Krieg ist wie eine Wunde in der Seele des Menschen, und der Schmerz in ihr ruft nach immer grausameren Taten."