Hilfsorganisationen warnen vor humanitärer Katastrophe im Irak

Die Opfer der Angriffe

Hilfsorganisationen befürchten eine humanitäre Katastrophe durch die Angriffe auf den Irak. Der Krieg drohe zu einem Inferno für die Zivilbevölkerung zu werden, so die Menschenrechtsorganisation Care. Besonders ein Zusammenbruch der ohnehin unzureichenden Trinkwasser-, Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung durch Bombardements der Infrastruktur bedrohe das Leben der Bevölkerung. Schon durch frühere Kriege und zwölf Jahre Wirtschaftsembargo seien die Bewohner extrem geschwächt und schutzlos. Da Millionen irakischer Kinder bereits jetzt krank und unterernährt seien, bestünde ein sehr hohes Risiko für den Ausbruch von Epidemien wie Cholera, Ruhr oder Typhus. Die Deutsche Welthungerhilfe hat an der jordanisch-irakischen Grenze bereits damit begonnen, die ersten Flüchtlinge mit Essens-Tagesrationen zu versorgen. Morgen würden zusätzlich zu den dort bereits 1.000 vorhandenen Tagesrationen weitere 4.000 Rationen an die Grenze gebracht, so die Organisation. Außerdem würde sie spezielle Nahrung für Kleinkinder verteilen, da es viele Kleinkinder unter den bisher eingetroffenen Flüchtlingen gebe. Auch nach Ansicht des Chefs der Kinderklinik an der Medizinischen Hochschule Hannover, Jochen Ehrich, werde der Krieg verheerende Folgen - nicht nur physischer Art - für die irakischen Kinder haben. Der Waffengang werde noch mehr Todesopfer fordern als der Irak-Krieg vor zwölf Jahren, sagte Ehrich.

Die „noch viel größere Katastrophe“ käme daher, dass die Ausgangslage für die Betroffenen schlechter sei als 1991, sagte der Experte für kriegstraumatisierte Kinder. Der Irak habe sich seit dem letzten Krieg nicht wieder erholt. Im ersten Jahr nach dem Irak-Krieg seien mehr als 170.000 Kinder an Mangelernährung und Infektionskrankheiten in dem Land gestorben. „Das Elend für die Kinder begann erst richtig nach dem Krieg.“, so Ehrich.

Zugleich warnte der Professor vor den Langzeitfolgen des Militärkonflikts. „Wir bekommen da eine Generation von psychosozial schwer gestörten Menschen.“, so seine Befürchtung. Daraus würden wiederum gewaltbereite Erwachsene.

Die EU-Kommission kündigte derweil erste Mittel in der Höhe von 21 Millionen Euro an. "Noch ist natürlich nicht klar, in welchem Umfang in den nächsten Tagen und Wochen humanitäre Hilfe benötigt werden wird und wie diese Hilfe genau aussehen wird", erklärt EU-Kommissar Poul Nielson .

Die Hilfe werde wie folgt finanziert: 15 Millionen Euro, die bereits im Haushalt 2003 für den Irak vorgesehen waren, werden neu zugewiesen. Hinzu kämen sechs Millionen Euro, die durch zwei beschleunigte Beschlussfassungsverfahren bereitgestellt würden. Mit drei Millionen dieser Finanzierungsbeschlüsse würden Soforthilfemaßnahmen im Irak unterstützt. Die drei weiteren drei Millionen Euro seien für Maßnahmen zur Bewältigung möglicher Flüchtlingsströme in die Nachbarländer und die Unterstützung grenzübergreifender Maßnahmen geplant.

Die Kommission arbeite diesbezüglich eng mit den UN-Hilfsorganisationen, sowie dem Roten Kreuz und einer Reihe erfahrener europäischer NGOs zusammen. "Wichtig ist es, dass der Handlungsspielraum der humanitären Maßnahmen nicht beeinträchtigt wird, indem die Aufgaben beispielsweise von Soldaten und Helfern vermischt werden.“, betont der EU-Kommissar. Rolle und Mandat der internationalen Organisationen müssten in der Krise unbedingt respektiert werden, damit sie ihre Aufgaben in vollem Umfang wahrnehmen könnten.

Drei Millionen Frauen und Kinder werden nach UN-Schätzungen schon in den nächsten Tagen auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen sein. Die Verarmung breiter Bevölkerungsteile sei dabei der Hauptgrund: Über 85 Prozent der Menschen im Irak seien arbeitslos und verfügten im Durchschnitt über weniger als sechs Dollar im Monat. Daher seien sie abhängig von Nahrungshilfen des Lebensmittel-für-Öl-Programmes der Vereinten Nationen. Eine kriegsbedingte Unterbrechung dieses Programmes bedeute für viele den abrupten Verlust ihrer einzigen Nahrungsquelle.

Besonders betroffen von der Nahrungsmittelknappheit wären die Kinder, so die Hilfsorganisation Care. Ein durchschnittliches irakisches Kind unter fünf Jahren leide 14 mal pro Jahr an akutem Durchfall - eine Erkrankung, die in Verbindung mit Unterernährung 70 Prozent der Kindersterblichkeit im Irak verursache. "Die irakischen Kinder sind unschuldige Opfer dieses Krieges. Sie brauchen unser Mitgefühl und unseren Beistand - oder der humanitäre Preis dieses Krieges wird immens sein", warnt Edith Wallmeier, Nothilfe-Koordinatorin von Care Deutschland.

"Die Sicherheit unserer einheimischen und internationalen Mitarbeiter bleibt natürlich eine Hauptsorge", betont Manuela Roßbach, Geschäftsführerin von Care Deutschland, "doch so lange es sicher genug für sie ist, werden die Helfer lebenswichtige humanitäre Unterstützung für Kinder und andere gefährdete Gruppen aufrecht erhalten.“ Die Hilfe konzentriere sich dabei auf die besonders kritischen Bereiche Wasser, Gesundheit und Nahrung.