Norddeutsche Leukämiestudie widerlegt nicht den Verdacht des Atomunfalls

Atomanlagen Geesthacht

Am Dienstag diskutierte ein Experten-Workshop in Kiel die Ergebnisse einer epidemiologischen Studie, die Anfang der neunziger Jahre von den Landesregierungen Niedersachsen und Schleswig-Holstein in Auftrag gegeben wurde. Mit dieser Untersuchung sollten auslösende Faktoren der extremen Leukämiehäufung im Nahbereich der Geesthachter Atomanlagen (Kernkraftwerk Krümmel und nukleare Forschungseinrichtung GKSS) untersucht werden. IPPNW fordert die Landesregierungen auf, endlich konsequent die Ursachen aufzuklären und die Bevölkerung wahrheitsgetreu zu informieren. Durch Umweltmessungen ist zu klären, wo Maßnahmen zur Dekontamination erforderlich sind, um die Gesundheit der Anwohner wirksam zu schützen. Die jetzt von den Landesregierungen vorgelegte epidemiologische Studie sei jedenfalls nicht geeignet, die Leukämieauslösung durch einen Atomunfall im September 1986 zu widerlegen.

Zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe stand die Hypothese im Vordergrund, dass störfallbedingte Freisetzungen des Kernkraftwerkes Krümmel die Leukämie verursachten. Durch neue Erkenntnisse hat sich seit Ende der neunziger Jahre ein völlig neuer Sachstand ergeben, der in die epidemiologische Untersuchung nicht einbezogen wurde. Nach heutiger Kenntnis kommt als Hauptverursacher für die extreme Kinderleukämiehäufung nicht mehr das Kernkraftwerk Krümmel in Betracht, sondern ein Atomunfall durch Experimente mit PAC-Kernbrennstoff im September 1986.

Gezielte, von IPPNW und Bürgerinitiative in Auftrag gegebene Umweltmessungen zeigen eine Kontamination der Nahumgebung der Geesthachter Atomanlagen mit den besonders toxischen Plutoniumnukliden, die routinemäßig in der Umwelt nicht überwacht werden. Es sei hochwahrscheinlich, dass sich im September 1986 auf einem zwischen den beiden Nuklearanlagen gelegenen Areal ein Unfall mit Kernbrennstoff ereignet hat, der zu einer kleinräumigen Verteilung von Kernbrennstoffkügelchen geführt hat. Für September 1986 ist in den Dokumenten ein Brand bei GKSS belegt. Im Folgezeitraum zeigen sich in den Routinemessungen starke Erhöhungen künstlicher Umweltradioaktivität.

Laut Aufsichtsbehörde und Betreiber soll im September 1986 eine Inversionswetterlage zu einer Anreicherung von natürlich vorkommenden Radon geführt haben. Dies erkläre erhöhte Strahlenwerte in und um das Kernkraftwerk Krümmel zu diesem Zeitpunkt. Diese Behauptung ist erkennbar falsch: In norddeutschen Böden vorkommendes Radon kann sich unter freiem Himmel auch bei austauscharmer Witterung niemals derart konzentrieren, dass das Kernkraftwerk innen eine messbare Radioaktivitätserhöhung zeigt. Die Luftansaugung findet nämlich ausschließlich in 44 m Höhe statt. Dieses Radon-Märchen von Betreibern und Aufsichtsbehörden ist naturwissenschaftlich erkennbar grober Unsinn.

Der Radioaktivitätsanstieg im Kernkraftwerk und in der Kaminabluft des Kernkraftwerkes ist, wenn man eine Kontamination von außen zugrunde legt, somit nur über eine radioaktive Wolke von beträchtlicher Aktivität erklärbar. Diese radioaktive Wolke wurde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch einen Atomunfall ausgelöst. Die in den Körper durch Atmung und Aufnahme von lokal erzeugten Lebensmitteln aufgenommene Radioaktivität löste die Leukämie aus.