IPPNW: "Harrisburg" in deutschen Atomkraftwerken könnte schlimmere Folgen haben

25 Jahre Atomunfall in Harrisburg

Nach Einschätzung der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW könnte ein Unfall ähnlich dem in Harrisburg in einem deutschen Atomkraftwerk zur Katastrophe führen. Vor 25 Jahren ereignete sich in Block 2 des Atomkraftwerks Harrisburg (Three Miles Island) im US-Bundesstaat Pennsylvania der schwerste Atomunfall des Westens. Aufgrund des Kühlwasserverlustes schmolz am 28. März 1979 die Hälfte des Reaktorkerns. Zudem wurde die Atomindustrie von einem sehr gefährlichen, zuvor unbekannten Phänomen unvorbereitet überrascht: es kam zu einer schweren Wasserstoffexplosion. Ein defektes Ventil, eine unzureichende Leittechnik und grob fehlerhafte "Handmaßnahmen" des Bedienungspersonals führten zu der Kernschmelze und der Wasserstoffexplosion.

Die Gründe für das erhöhte Risiko in deutschen Atomkraftwerken: Im Falle einer Kernschmelze wird sehr viel mehr hochexplosiver Wasserstoff gebildet als in den meisten Anlagen im Ausland. Ein weiterer Unterschied besteht in der Ausführung des Sicherheitsbehälters: Die deutschen Atomkraftwerke haben Stahlbehälter, die bei einer Explosion nur wesentlich geringere Drücke aushalten, als die im Ausland verbreiteten Betonbehälter. Auch beim geplanten Europäischen Druckwasser-Reaktor von Siemens in Finnland ist daher jetzt ein Betonbehälter vorgesehen.

Ein dritter Grund, weshalb ein Störfall ähnlich dem in Harrisburg in Deutschland jederzeit zum Super-GAU führen kann ist, dass hierzulande durch die Gestaltung der Inneneinbauten im Sicherheitsbehälter bei Wasserstoffexplosionen so genannte Verdämmungseffekte eine größere Rolle spielen und insofern höhere lokale Überdrücke entstehen und den Sicherheitsbehälter zum Bersten bringen können.

In Harrisburg wurde die Kernschmelze per "Handmaßnahme" gezielt herbeigeführt: die automatisch gestartete Notkühlung wurde aufgrund einer Fehlbewertung des Anlagenzustands von Hand wieder abgeschaltet. Derartig fahrlässige Eingriffe in die Automatik sind auch aus Deutschland bekannt. Beispielsweise hat die Bedienungsmannschaft des Atomkraftwerks Stade am 18. September 1988 versucht, eine angezeigte Turbinenschnellabschaltung zu verhindern, ohne die Ursache für die Schnellabschaltung zu kennen. Und nach dem gefährlichen Notstromfall im Atomkraftwerk Biblis am 9. Februar 2004 stellte der hessische Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU) fest, dass die Betreibergesellschaft RWE zu wenig Personal zur Bewertung des Störfalls im Kraftwerk bereithielt. Wenn aber ein Störfall nicht richtig bewertet werden kann, sind sinnvolle Handmaßnahmen ein Lotteriespiel, kritisiert die IPPNW. Menschliches Versagen, konkret ein vergessener Schutzhelm in einer Pumpe, war auch die Ursache für den Beinahe-Ausfall des Not- und Nachkühlsystems in Biblis B am 18. August 1997.

"Das Paradoxe", so die IPPNW, "ist, dass - trotz der negativen Erfahrungen von Harrisburg - einerseits Handmaßnahmen wesentlicher Bestandteil des deutschen Sicherheitskonzepts sind und andererseits der Kostendruck aufgrund der Liberalisierung der Strommärkte zu einer Reduzierung von Personal und Know-how in den deutschen Atomkraftwerken führt". Revisionszeiten, in denen die Atomkraftwerke überprüft und repariert werden, wurden drastisch reduziert, neuartige "Instandhaltungskonzepte" sehen die Reduzierung bzw. Verzögerung von Prüfungen und Reparaturen vor, Hilfskräfte und Leiharbeiter reparieren in 10-Stunden-Schichten zentrale Sicherheitseinrichtungen. Hinzu kommt der von der Atomindustrie selbst seit Jahren beklagte Know-how-Verlust aufgrund von Nachwuchsproblemen.