Qualifizierte Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren ausbauen

Erziehung

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnt die von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement, Familienministerin Renate Schmidt und der Bundesagentur für Arbeit (BA) vorbereiteten Pläne zum Einsatz von Langzeitarbeitslosen in Kindergärten, Schulen und Heimen entschieden ab. Über das Vorhaben soll während der Kabinettsklausur in Neuhardenberg entschieden werden. Danach ist vorgesehen, den Personalbedarf vor allem in Kinderkrippen und Ganztagsschulen mit Minijobs zu decken. Die GEW spricht sich dabei nicht gegen einen kommunalen zweiten Arbeitsmarkt als Brücke, insbesondere für Langzeitzeitarbeitslose, in den ersten aus.

Die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange warnte am Donnerstag jedoch eindringlich davor, diese Pläne zu beschließen und umzusetzen: "Wir brauchen keine Billiglösungen oder Verwahranstalten mit unqualifiziertem Personal. Eine solche Mogelpackung ist nicht im Interesse der Kinder und einer modernen Familienpolitik." Die in den Ländern erarbeiteten Bildungspläne für Kitas könnten nur mit qualifizierten Beschäftigten des ersten Arbeitsmarktes umgesetzt werden. "Niemand käme auf die Idee, fehlende Ärzte durch arbeitslose Ingenieure zu ersetzen. Eltern mutet man Übergangslösungen zu", betonte die GEW-Chefin. Sie warnte vor einem Verdrängungseffekt auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die Kommunen bekämen "billigere" Erzieherinnen über die BA bezahlt, ohne dass diese eine echte Chance auf eine feste Stelle haben.

Nach Recherchen in mehreren Arbeitsamtsbezirken bezweifelt die GEW-Vorsitzende, dass sich die Pläne umsetzen ließen. Vor allem in den östlichen Bundesländern mit einer hohen Arbeitslosigkeit von Erzieherinnen gebe es keinen Bedarf an Mini-Betreuerinnen. "Es sei denn, die Kommunen und Träger entlassen ihr Stammpersonal und beschäftigen es dann zu Minikonditionen wieder. Diesen Effekt kennen wir aus den 90er Jahren", sagte Stange. Bürgermeister hatten in den neuen Ländern Erzieherinnen erst auf die Straße gesetzt und sie dann als billige ABM-Kräfte zurück geholt. Die rot-grüne Bundesregierung sei gut beraten, aus diesen Erfahrungen zu lernen und nicht die gleichen Fehler zu machen.

"Kinder brauchen keine Mini-Mütter, sondern ein qualifiziertes Bildungs- und Erziehungsangebot", sagte die Gewerkschafterin. Viele Kinder könnten aus Mangel an verlässlichen Bezugspersonen keine stabilen Vertrauensverhältnisse aufbauen und litten an Stresssymptomen und psychosomatischen Krankheiten. Deshalb seien Einrichtungen notwendig, die mehr bieten, als stundenweise Betreuung auf billigstem Niveau.

Die GEW fordert, jetzt den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für alle Kinder unter drei Jahren festzuschreiben. Dabei sollen Länder und Kommunen eine "faire Chance" bekommen, den Rechtsanspruch umzusetzen. Die GEW schlägt deshalb eine Frist bis 2010 vor, bis zu der die Vorgabe umgesetzt sein müsse. Die Kommunen sollten dazu die durch rückläufige Kinderzahlen freiwerdenden Finanz- und Personalmittel nutzen.

"Deutschland ist bei der Kinderbetreuung Schlusslicht der hochindustrialisierten Staaten. Dabei melden immer mehr Familien dringenden Bedarf nach qualifizierter Betreuung auch ihrer jüngsten Kinder an", betonte Stange. Ohne den Ausbau der Angebote hätten Frauen auf dem Arbeitsmarkt keine Chance oder entschieden sich gegen Kinder. "Eine zeitgemäße Familienpolitik sieht anders aus: Sie setzt auf das Potenzial gut ausgebildeter junger Frauen und steuert der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft bewusst entgegen", unterstrich die GEW-Chefin.

In diesem Zusammenhang warft die GEW den Kommunen "familienfeindliches Taktieren" vor. Sie reagierte damit auf Ankündigungen des Landkreistages sowie des Städte- und Gemeindebundes, die durch Hartz IV eingesparten Gelder nicht für den Ausbau von Krippenplätzen zu verwenden. "Bei den Kommunen ist offenbar noch nicht angekommen, dass der Ausbau der Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren eine Investition in ihre Zukunft und keine ,neuerliche Belastung' der Haushaltskasse ist. Mit ihrer von den Kämmerern diktierten Politik betreiben sie schlechte Standortpolitik. Gerade für hochqualifizierte Arbeitnehmer spielen ein gutes Kita- und Ganztagsschulangebot bei der Wohnortentscheidung eine zunehmend wichtigere Rolle", sagte die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange. "Das durch die Bundesregierung jetzt zusätzlich zur Verfügung stehende Geld muss in qualitativ hochwertige Bildungs- und Betreuungsangebote investiert werden."