Gedenken an Todesopfer des Castor-Transports

Proteste gegen Atomkraft

Auch nach dem Tod eines französischen Atomkraftgegners gingen die Proteste gegen den Castor-Transport nach Gorleben am Montag weiter. Der 21-Jährige war am Sonntag von dem Atommüll-Zug überrollt worden. Der Zug fuhr ungeachtet des Unfalls und falscher Begleitpapiere weiter und erreichte am Montag Dannenberg, wo die Castor-Behälter umgeladen werden sollen. 5.000 Menschen protestierten am Wochenende gegen den Atomtransport. Am Sonntagabend, nachdem die Meldung über den Tod des Franzosen bekannt geworden war, gab es an vielen Orten Trauerkundgebungen, darunter auch im wendländischen Hitzacker, wo sich 1.000 Personen versammelten. Am Montagabend erinnerten in Splietau 2.000 Menschen an den Franzosen. Anti-Atom-Initiativen kündigten an, auf bunten und fröhlichen Protest verzichten zu wollen und dem Protest dieses Mal einen anderen Charakter zu verleihen.

Wegen falscher Begleitpapiere des Castor-Transports erstattete ein kritischer Bürger Anzeige. Statt der tatsächlich enthaltenen Glaskokillen sind auf den Frachtpapieren "abgebrannte Brennelemente" angegeben. "Derartige Schlampereien bei solch hochgefährlichem Transportgut sind durch nichts zu entschuldigen", kommentierte eine Sprecherin der südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen. Die Behörden hielten diese Abweichung aber für nicht relevant.

Bei Nancy in Frankreich blockierten Atomkraftgegner den Atommüllzug etwa zwei Stunden. Auf der weiteren Fahrt durch das Elsass kam bei Avricourt ein junger Mann ums Leben, der an einer Blockadeaktion teilgenommen und sich an die Gleise gekettet hatte. Der Zug überrollte ihn und trennte ihm die Beine ab. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fuhr der Zug mit 100 Stundenkilometern und kam aus einer Kurve, als er den Demonstranten verletzte. "Obwohl die Betreiber damit rechnen musten, dass Proteste an der Strecke stattfinden werden, raste der Zug mit überhöhter Geschwindigkeit und völlig unzureichender Streckensicherung in Richtung Gorleben", kritisierten Atomkraftgegner. "Wie lange wird es dauern, bis es einen "richtigen" Unfall gibt, wo nicht "nur" ein Demonstrant getötet wird, sondern ein Transportbehälter beschädigt wird und Radioaktivität austritt?", fragte das Aktionsbündnis Castor-Stopp Dresden.

Besonders zynisch sei der Kommentar von Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne), der politisch gesehen der Hauptverantwortliche für die derzeitige Situation bei der "Atommüllverschiebung" sei. Er sagte laut Presseberichten, kein Ziel rechtfertige, das eigene Leben oder die Gesundheit anderer zu gefährden. "Wenn dies so ist, dann fordern wir von Bundesumweltminister Trittin den sofortigen Abbruch des Castor-Transportes nach Gorleben, denn dieser gefährdet eindeutig das Leben und die Gesundheit anderer", erklärte die Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus". "Es macht uns wütend, dass Herr Trittin versucht, den Demonstranten die Schuld an dem tragischen Unfall in die Schuhe zu schieben, ohne dass der Vorfall bisher aufgeklärt wurde."

Trotz des Unfalls rufen Umweltschützer weiterhin zu Protesten gegen Atomtransporte auf, auch gegen den aktuellen Transport nach Gorleben. "Es wäre sicherlich nicht im Sinne des Getöteten, jetzt die Proteste abzubrechen", sagte Udo Buchholz, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU). Aussagen, der junge Mann sei selber schuld an seinem Tod, kritisierte der BBU. Der getötete Atomkraftgegner habe ein Zeichen gegen hochgefährliche Atomtransporte und den ungebremsten Weiterbetrieb strahlender Atomanlagen setzen wollen. Er sei nicht dafür verantwortlich, dass die Bevölkerung in Frankreich, in der Bundesrepublik und anderswo systematisch radioaktiv bestrahlt werde. "Sein Tod hätte nicht sein müssen - sein Tod verdeutlicht vielmehr, dass die Sicherheitsvorkehrungen bei Atomtransporten lückenhaft und unzureichend sind", so der BBU. "Ein Grund mehr, auch zukünftig gegen Atomtransporte zu demonstrieren."

Die Polizei hat nach Angaben der Umweltschutzorganisation Robin Wood am Montag zwischenzeitlich die Pressearbeit der Organisation behindert. Ein Polizist habe der Sprecherin von Robin Wood, Bettina Dannheim, gegen 13 Uhr einen Platzverweis erteilt. Dannheim sei gerade bei einem Journalistengespräch in der Nähe des Verladebahnhofs in Dannenberg gewesen. Robin Wood habe umgehend Widerspruch gegen den rechtswidrigen Platzverweis eingelegt und damit erreicht, dass er wieder zurück genommen wurde.

Der Polizist, der den Platzverweis bis Mitternacht erteilt hatte, begründete ihn damit, laut Allgemeinverfügung seien Versammlungen in der Verbotszone nicht erlaubt. Zwar sei Dannheim in Begleitung von drei weiteren Personen gewesen, eine Versammlung habe es aber nicht gegeben. Die Polizei habe verlangt, weitere Medienkontakte nur noch über das Medienzentrum im "weißen Haus" und nur noch mit Polizei-Eskorte wahrzunehmen.