Forschungsprojekt setzt auf großangelegte Vögeltötung

Sündenbock Krähe

In Ostfriesland gibt es seit Anfang 2004 eine groß angelegte Tötungsaktion von Rabenvögeln. Das Institut für Wildtierforschung der Tierärztlichen Hochschule Hannover will damit nach eigener Aussage seltene, am Boden brütende Vogelarten vor dem Aussterben bewahren. Die Rabenvögel seien wegen ihrer Vorliebe für Eier und Jungvögel mit dafür verantwortlich, dass die Bestände an seltenen Wiesenbrütern immer mehr zurückgehen, meint das Institut. Da das Institut wissenschaftliche Gründe für die Aktion angibt, hat es von der zuständigen Jagdbehörde eine Sondererlaubnis bekommen, um Fallen zu verwenden, die eigentlich EU-weit verboten sind. Das Deutsche Tierhilfswerk(DTHW) nannte die Aktion unseriös. Der Verlust an Singvögeleiern und -jungen sei nur zu einem sehr kleinen Teil den Rabenvögeln zuzuschreiben und "falle nicht ins Gewicht". Einig sind sich Tierhilfswerk und Institut, dass zum allergrößten Teil der Mensch für die Zerstörung der Lebensräume verantwortlich ist. Bisher wurden über 5500 Rabenkrähen und Elstern gefangen und erschlagen.

"Dieses Projekt entbehrt jeder wissenschaftlichen Notwendigkeit und ist ethnisch verwerflich", empört sich Ursula Bauer, Diplom Biologin vom DTHW. "Hier werden Tiere in zwei Lager eingeteilt. Die guten dürfen leben und die vermeintlich bösen werden erbarmungslos vernichtet". Dabei träfe es nicht nur die Krähen und Elstern. In den in Ostfriesland "haufenweise eingesetzten" Fangkäfigen kämen nämlich auch diverse andere, zum Teil seltene, Greifvögel und Eulen zu Tode. Andreas Grauer vom Institut für Wildtierforschung meinte: "Diese Information ist nicht richtig, aber sie ist auch nicht falsch." Es sei bisher nur ein Bussard in einer Falle tot gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft würde ermitteln.

"Einzelne Vogelgruppen als Sündenböcke zu verfolgen bringt gar nichts", so die Biologin vom Deutschen Tierhilfswerk, "es müssen die tatsächlichen Ursachen für den Rückgang der Wiesenvogelarten behoben werden." Vor allem die Zerstörung geeigneter Lebensräume und die intensive landwirtschaftliche Flächenbewirtschaftung setzten den seltenen bodenbrütenden Wiesenvögeln zu.

Andreas Grauer stimmte zu, dass der Mensch durch Landwirtschaft und Flächennutzung, dass weitaus größte Problem für die inzwischen seltenen Tiere darstelle. Er schätzte, dass zwischen 40 und 80 Prozent des Artenrückgangs auf diesen Faktor zurückzuführen ist. Seiner Ansicht nach dürfe man sich aber nicht auf eine Ursache beschränken. Die Fressfeinde der seltenen Vögel spielten auch eine Rolle. Ausserdem müsste jeder Landwirt entschädigt werden, wenn er sein Verhalten den Singvögeln anpasse und dadurch Verluste erlitte. Grauer vermutete, "dass diese Mittel in den nächsten Jahren eher gleichbleiben oder weniger werden." Man müsse das Problem in einem "Gesamtkonzept angehen".

Ursula Bauer vom DTHW meinte, dass ungefähr zehn Prozent der Verluste durch Fressfeinde zu verzeichnen seien. Und unter denen seien bodenlebende Säuger wie der Fuchs wesentlich stärker vertreten, als die Rabenvögel. Ausserdem sei ein derartiges Forschungsprojekt in Deutschland erstmalig. Die Forschung würde normalerweise, wenn sie denn überhaupt Tiere fange, diese später wieder freilassen und nicht töten. Grauer vom Wildtierforschungsinstitut sagte, es habe in der Vergangenheit ein sehr ähnliches Projekt gegeben. Dieses sei jedoch wesentlich kleiner gewesen. Während bei der aktuellen Aktion innerhalb eines Jahres knapp 5600 Vögel getötet würden, seien es damals 424 Tiere innerhalb von fünf Jahren gewesen.

Das Deutsche Tierhilfswerk fordert den sofortigen Stopp des ostfriesischen Rabenvogel-Projekts und den Abbau der Fallen, um "den sinnlosen Tod weiterer Tiere zu verhindern."