Wird Mannheim Opfer der Globalisierung?

Kraftwerksbauer gegen Atomstrom

Schätzungsweise 1500 Mitarbeiter des Mannheimer Kraftwerksherstellers Alstom Power demonstrierten am Donnerstag gegen die Pläne des Konzerns, 900 der knapp 2000 Arbeitsplätze abzubauen. Betriebsrat und IG Metall fürchten, dass damit das Ende des Mannheimer Werks besiegelt werden würde. Dem Vorstand werfen sie vor, dass dieser konkrete Auskünfte über die Pläne verweigert. Aufgrund von Presseberichten befürchten die Beschäftigten, dass die Konzerne Siemens, Areva und Alstom einen europäischen Superkonzern bilden könnten, der sich das atomare und konventionelle Kraftwerksgeschäft sowie das Verkehrsgeschäft aufteilt. Die Mannheimer Beschäftigten sind gegen die Bildung eines neuen großen Atomkonzerns. "Wir wollen keine strahlende Zukunft. Wir wollen eine sichere und umweltfreundliche Energieversorgung für unsere Kinder", schallte es neben Forderungen gegen den Stellenabbau immer wieder aus dem Lautsprecherwagen an der Spitze der Demonstration.

Die Alstom-Belegschaft befürchtet, dass sich die Giganten Siemens, Areva und Alstom den globalen Energie- und Verkehrsmarkt aufteilen. Es könnte eine Unternehmenskonstruktion mit kreuzweiser Beteiligung entstehen, in der die französische Areva den Atomkraftwerksbau federführend übernimmt, Siemens den Bau fossiler Kraftwerke und Alstom die Verkehrstechnik mit den Hochgeschwindigkeitszügen TGV und ICE, erläuterte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Ralf Eschmann.

Siemens ist schon jetzt mit Areva verbandelt. Beiden Konzernen gehört der weltweit führende Atomkraftwerkshersteller Framatome ANP. Das Unternehmen baut in Finnland ein neues Atomkraftwerk vom Typ "Europäischer Druckwasser-Reaktor" (EPR). Sollten in Frankreich mehrere neue Atomkraftwerke in Auftrag gegeben werden, dann wäre das ein Milliardengeschäft, meint der Alstom-Betriebsrat.

Bei Alstom im Mannheim werden schon lange keine Atomkraftwerke mehr gebaut, sondern vielmehr fossile Kraftwerke und Wasserkraftwerke. Die konventionelle Kraftwerkssparte von Siemens ist der direkte Konkurrent. Wenn nun Siemens einen Deal mit dem französischen Mutterkonzern Alstom macht, dann könnte die Produktion in Mannheim unter die Räder kommen. "Siemens braucht das Mannheimer Werk nicht", so der Betriebsrat.

Nach Informationen des Europäischen Betriebsrates sollen in Mannheim zunächst vier Abteilungen geschlossen werden. Dies betrifft den Bau und die Konstruktion von Generatoren, die Beschichtung von Gasturbinen und den Bau von Wasserkraftwerken. Die "Wertschöpfung" solle aus Europa nach China, Indien und Mexiko verlegt werden - Globalisierung pur. Mit der Schließung dieser Abteilungen würde das Werk nach Auffassung des Betriebsrats die Fähigkeit verlieren, komplette Kraftwerke anbieten zu können. Das wäre der Anfang vom Ende.

Die Vertretung der Beschäftigten hat eigenen Angaben zufolge dem Vorstand mehrere Alternativen zum jetzt geplanten Stellenabbau und der Schließung ganzer Abteilungen unterbreitet. In Polen sei beispielsweise eine Generatorenfabrik von Alstom völlig überlastet. Man könnte also einen Teil der Aufträge nach Mannheim verlegen, meint der Betriebsrat. Und mit der vereinbarten, unbezahlten Kurzarbeit könnte man die Flaute auf dem Kraftwerksmarkt überwintern, bis wieder neue Kraftwerke in Auftrag gegeben werden würden. Zu weiteren Zugeständnissen sind die Beschäftigten aber nicht bereit.

Betriebsratsmitglied Elisabeth Möller betont, man wolle keine billige Propaganda machen. Der Betriebsrat würde "mit Fakten und Argumenten seine Sache vertreten." Aber der Vorstand würde jegliche Gespräche vermeiden. Der Vorstand hätte am Donnerstag einfach schon um 11 Uhr die Betriebsversammlung verlassen und würde konkrete Fragen nicht beantworten.

Auf den Betriebsversammlungen hätten die Mitarbeiter dem Vorstand eindrucksvoll dargelegt, wie gut sie arbeiten würden und dass die meisten Bereiche keine roten Zahlen schreiben würden. "Die Menschen haben Sorgen und Ängste von sich gegeben", so Möller. "Ein Vater mit drei Kindern hatte Tränen in den Augen." Die Leute seien verunsichert und wüßten nicht mehr, wie sie die laufenden Geschäfte abwickeln sollen. Sie würden sich fragen, ob es den Betrieb morgen noch gäbe.