Kritik an Fixierung auf Wirtschaftswachstum bei allen Parteien

Diskussionspapier

Mit einer scharfen Wachstumskritik an allen Parteien hat sich der Regionalverband Südlicher Oberrhein des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) mit einem "Thesen- und Diskussionspapier" zu Wort gemeldet. "Unbegrenztes Wachstum ist dauerhaft möglich und die einzige Lösung aller Probleme" sei die nicht hinterfragte Botschaft praktisch aller Parteien. Doch hinter solchen Aussagen, Wahlkampfparolen, Wirtschaftsinteressen, Wünschen und Problemlösungsansätzen stünden "unhinterfragte Mythen und der alte, zerstörerische Irrglaube, unbegrenztes Wachstum sei dauerhaft möglich". Kopfrechnen sei in Wahlkampfzeiten nicht angebracht. "Doch bei einem anhaltenden Wachstum von 3 Prozent verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre, bei 5 Prozent sogar bereits alle 14 Jahre", schreiben die Umweltschützer aus Südbaden. "Und eine Menge, die exponentiell wächst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit. Dauerhaftes exponentielles Wachstum einer Wirtschaft ist nicht möglich und führt zwangsläufig zur Selbstzerstörung." Als Problemlösungsansatz könne es langfristig und global nicht dienen. Durch die periodischen Kriege im Laufe der Menschheitsgeschichte sei das bisherige Wachstum immer wieder unterbrochen worden. "Es wäre anzustreben, die aktuellen Probleme ohne großen Krieg in den Griff zu bekommen."

In Sachen Ökologie, Energiepolitik und soziale Gerechtigkeit gebe es "erfreuliche Unterschiede in den Parteiprogrammen", jedoch nicht beim Thema Wirtschaftswachstum.

Die aktuellen politischen Debatten - nicht nur in Wahlkampfzeiten - würden "innerhalb eines zutiefst zerstörerischen Logikkreises" geführt, schreibt der Regionalverband des BUND. "Die Politik gibt nicht etwa nur die falschen Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen, viele der wichtigsten Fragen werden überhaupt nicht mehr gestellt."

"Vorbild Japan - ein Medienflopp"

Immer wieder würden in der öffentlichen Debatte andere Länder benannt, die ein stärkeres, "vorbildhaftes" Wachstum hätten. Vor dem Jahr 1990 sei Japan als das "große Vorbild" dargestellt worden. "Die boomende japanische Wirtschaft wurde idealisiert und den deutschen Arbeitnehmern sagten Medien und Politik, sie sollten sich die Japaner endlich als Vorbild nehmen." Dann sei 1990 in Japan als Folge exponentiellen Wachstums die Immobilienblase geplatzt, die Börse sei in den Keller gegangen und von einem Tag auf den anderen sei in Deutschland das "Vorbild Japan" kein Thema mehr gewesen. "Aufgearbeitet wurde dieser Medienflopp nie. Und die Staatsverschuldung mancher Länder, die uns heute als Vorbild dienen sollen, ist für die Medien wieder kein Thema", heißt es in dem Diskussionspapier.

Unser Wirtschaftswachstum sei "immer noch nicht ganz" abgekoppelt von einem erhöhten Energie- und Rohstoffverbrauch, heißt es weiter. "Das Ende des Öl- und Uranzeitalters ist absehbar und wird durch den Export unseres Verschwendungssystems nach China und Indien noch verstärkt."

Deutlich werde dies unter anderem durch die erkennbare Verknappung der fossilen Rohstoffe, aktuell beim Benzinpreis. "Das weltweit knapper werdende Öl löst beim abhängigen Patienten Mensch klassische Suchtsymptome aus", meinen die Umweltschützer. "Statt Energie zu sparen und Alternativen zu fördern, rufen wachstumsgläubige Politiker nach einer intensiveren Ölförderung und nach der noch härteren Energiedroge Atomenergie."

Umwelterfolge: "Zerstörungsprozesse laufen ein wenig langsamer"

Die Umweltbewegung in Deutschland habe viel erreicht. Luft und Wasser seien tatsächlich sauberer geworden und auch sonst habe es viele Erfolge gegeben. "Das bedeutet aber nicht mehr und nicht weniger, als dass die weltweiten Zerstörungsprozesse hier ein wenig langsamer ablaufen als anderswo", so die harte Analyse der Südbadener. "Immer noch gehören auch wir in Deutschland zum zumeist unzufrieden gehaltenen, kleinen 'reichen' Teil der Menschheit, der aber den Großteil der Energie und Rohstoffe verschwendet und damit hauptsächlich für die weltweite Umweltverschmutzung verantwortlich ist."

"Autoboom in China wird in Medien immer noch unkritisch bejubelt"

Ein Teil des bisher "unterentwickelten" Rests der Welt, insbesondere China und Indien, sei gerade gerade dabei, "unser zerstörerisches Modell einer Raubbauwirtschaft nachzuahmen und zu einer ernstzunehmenden industriellen Konkurrenz zu werden."

Der beginnende Autoboom in diesen Ländern werde in unseren Medien immer noch unkritisch bejubelt. Die Folgen dieses Booms für Ökologie und Weltklima seien kein Thema. "Und ist es den Menschen in Asien zu verdenken, dass sie unserem schlechten Beispiel nacheifern?"

Hundertfünfzig Jahre Industriealisierung haben nach Auffassung des BUND-Regionalverbandes dazu geführt, dass die in vielen Millionen Jahren geschaffenen Energievorräte und die Rohstoffreserven der Welt zur Neige gingen und wir gleichzeitig unter anderem mit Atommüll Gifte produziert hätten, die über eine Million Jahre sicher gelagert werden müssten.

"Gewerkschaften und Umweltbewegung mildern die schlimmsten Folgen des krebsartigen Wachstums ab"

"Während sich bei uns in diesen 150 Jahren zumindest einige regulierende Gegenkräfte entwickelt haben (Gewerkschaften, Umweltbewegung, etc.) um die schlimmsten Folgen des krebsartigen Wachstums für die Menschen abzumildern, wuchern die Metastasen des Industriesystems in China, Indien und den so genannten Tigerstaaten ungehemmt, mit enormen Folgen für die Umwelt, die Sozialsysteme und die Menschen."

Die Prognosen des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums aus dem Jahr 1972 hätten sich bisher nur zum Teil erfüllt. Doch zum damaligen Zeitpunkt seien die Wachstumsgesellschaften Indiens, Chinas und Südostasiens auch noch im Embrionalzustand gewesen. "Jetzt, wo diese großen Märkte für ihr Wachstum immer mehr Energie und Rohstoffe verbrauchen, zeigt sich wie richtig die Thesen des Club of Rome waren", meinen die Umweltschützer.

Die Folgen unseres Handelns seien weltweit nicht zu übersehen. Der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre nehme zu und das Weltklima verändere sich. Die so genannte friedliche Nutzung der Kernenergie gefährde durch Unfälle, Terrorismusbedrohung und die Weiterverbreitung von Atomwaffen unsere Zukunft. "Alles Wissen um Umweltfragen verhindert nicht den massiven Raubbau an den letzten Urwäldern der Erde und am beschleunigten Artensterben."

"Ungleichheit verstärkt die Kriminalität"

Die größer werdende Ungleichheit zwischen den Nationen und den Menschen verstärke die Kriminalität und ergebe einen fruchtbaren Nährboden für Fundamentalismus und Terrorismus. Zur weltweiten Umweltzerstörung käme im Zeitalter der Globalisierung "ein zunehmend ungehemmter Konsumismus, eine Gefährdung der Demokratie unter anderem "durch die zunehmende politische Macht der Konzerne, soziale Ungerechtigkeit, Sozialabbau und eine verstärkte Innenweltverschmutzung." Habgier und Egoismus als gefördertes und gewünschtes Lebensmodell zerstöre die Gesellschaft.

Das Denken des größten Teils der politischen Klasse, der Medien und auch der Menschen beruht nach Auffassung der Umweltschützer auf Mythen und Illusionen. Unter anderem auf dem Mythos, dass unbegrenztes Wachstum dauerhaft möglich sei.

"Wer soll all die Produkte kaufen, wenn unsere Produktivität sich weltweit verbreitet?"

Doch wenn unser System unbegrenzt wachse, wenn weiterhin weltweit Energie, Rohstoffe und gesellschaftliche Reichtümer verschwendet würden, dann stelle sich nicht die Frage, ob das System kollabieren könnte, sondern nur noch die Frage, wann dieser Crash komme. "Woher sollen Rohstoffe und Energie kommen, wenn sich der American Way of Life weltweit verbreitet? Wer soll all die Produkte kaufen, wenn unsere Produktivität sich weltweit verbreitet? Und sind die Menschen, die heute den so genannten 'hohen Lebensstandard' haben, tatsächlich zufrieden und glücklich, oder wachsen mit zunehmendem Wohlstand nicht sogar Habgier und Unzufriedenheit?"

"Alternativen Energien gehören zu den wenigen hoffnungsvollen Zeichen"

Das Wachstum im Bereich der Alternativen Energien, gehört nach Auffassung der Umweltschützer zu den wenigen hoffnungsvollen Zeichen der Zeit. Von 1995 bis 2005 hätten sich die Preise für atomar-fossile Energien mehr als verdoppelt, während sie sich für erneuerbare Energien halbiert hätten. Windstrom sei global die am schnellsten expandierende Energienutzung.

In der EU seien im Jahr 2005 alle zwei Monate 1000 MW neue Windenergie ans Netz gegangen. Der Leistung nach entspreche dies dem schweizerischen Atomkraftwerk Gösgen und die mit diesen Windkraftanlagen gewinnbare Energiemenge entspreche der Produktion des ebenfalls schweizerischen Atomkraftwerks Beznau. Eine solche Kapazität käme alle 60 Tage hinzu. "Und genau dieses positive Wachstum der zukunftsfähigen Energien wird von den Anhängern der atomar-fossilen Energiegewinnung massiv bekämpft."

"Wir haben Technologien und Waffen enwickelt (Atomenergie, Bereiche der Gentechnik, Atom- und Biowaffen), welche die Zukunft der Menschheit bedrohen", heißt es weiter. Gleichzeitig zeigten aber manche Fortschritte, nicht nur bei Sonnen- und Windenergie, dass der technische Fortschritt dem Menschen auch nützen könne. "Nicht alle Rationalisierungtechnologien schaffen Probleme", meinen die Umweltschützer.

"Produktion von reparaturfähigen, langlebigen Produkten und weniger bezahlte Erwerbsarbeit"

"Mit der heute verfügbaren Technik, mit der Produktion von reparaturfähigen, langlebigen Produkten könnten wir, größtenteils befreit von stupiden Tätigkeiten, ein 'gutes' Leben führen". "Gut leben statt viel haben" müsse der heutigen "Ich kaufe, also bin ich-Ideologie" entgegengesetzt werden.

Das bedeute "weniger bezahlte Erwerbsarbeit" und "die gerechtere Verteilung des durch die Rationalisierung zurückgehenden Arbeitspensums" auf mehr Menschen. Weniger Arbeit und gleichzeitig mehr Lohn und Konsum werde es dann aber nicht geben. Das aktuelle Motto auch der politischen Linken: "Leute, kauft mehr kurzlebigen Scheiß, um die Wirtschaft anzukurbeln" sei kurzsichtig und zerstörerisch.

Es könne auch nicht angehen hohe Löhne beziehen zu wollen und gleichzeitig am liebsten billige Produkte zu kaufen, "die unter Sklavenhalterbedingungen in den armen Ländern produziert wurden".

Nur wenn es gelinge, mit einem wesentlich verringerten Input von Energie und Rohstoffen ein gutes Leben zu führen, könnten auch die Länder des Südens an den Reichtümern der Welt gleichberechtigt teilhaben. "Ohne einen gleichberechtigten Zugang aller Menschen zu den Ressourcen der Welt, ohne Abrüstung, Demokratie und Menschenrechte gibt es keine nachhaltige Zukunft", sind die Umweltschützer überzeugt.

Die schwierigste Zukunftsaufgabe der Umweltbewegung werde es sein, aufzuzeigen, dass unbegrenztes Wachstum begrenzte Systeme zerstöre. Es gelte, eine tatsächlich nachhaltige Entwicklung einzuleiten. "Die größten Einschränkungen auf diesem Weg, sind die ökonomischen Widerstände und die Tatsache, dass dieser zukunftsfähige Weg Vernunft und ein massives Umdenken voraussetzt."