Verbraucherschützer beklagen Macht der Anzeigenkunden

Der Fall Lidl

Berichten mehrerer Zeitungen zufolge schrieb eine Redakteurin der Badischen Neuesten Nachrichten Ende August einen Beitrag über die Arbeitsbedingungen beim Einzelhandelsriesen Lidl. Der Bericht basierte unter anderem auf einem von Lidl selbst initiierten Journalistenbesuch im Zentrallager Bietigheim. Er erschien in der Rastatter Lokalausgabe der Badischen Neuesten Nachrichten (BNN). Wie der Tagesspiegel, die Frankfurter Rundschau und die Tageszeitung übereinstimmend berichten, sei es kurz darauf zu einem Gespräch zwischen der Geschäftsführung der BNN und Lidl-Vertretern gekommen. Kurz darauf wurde der Redakteurin die Kündigung ausgesprochen. Die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) warnt angesichts dieses Falls vor "der Macht der Anzeigenkunden". Verbraucher müssten überlegen, wo sie einkaufen.

Den Berichten zufolge schaltet Lidl regelmäßig großflächige Anzeigen bei den BNN und gehört damit zu den größten Anzeigenkunden des Blatts. Medienberichten zufolge, soll die Geschäftsführung der BNN die Kündigung inzwischen wieder zurückgenommen haben.

Trotz der positiven Wendung in diesem Fall warnt die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) vor ähnlichen Fällen: "Wer kritische Berichterstattung durch wirtschaftlichen Druck auf Zeitungen verhindern will, untergräbt die Pressefreiheit," so Verbraucherschützerin Edda Müller. "Die Verbraucher müssen sich überlegen, ob sie ihr Geld in solchen Geschäften lassen." Die Verbraucherzentrale-Chefin rief Lidl auf, die Beachtung von Arbeits- und Sozialstandards einer unabhängigen Überprüfung zu unterziehen.

"Die Verbraucher haben einen Anspruch zu erfahren, ob die Schnäppchen-Preise beim Discounter durch die Missachtung von Umwelt- und Sozialstandards erkauft werden," sagte Müller. "Die Konsumenten sind deshalb darauf angewiesen, dass Medien kritisch über Lidl und Co. berichten." Es dürfe nicht dazu kommen, dass eine derartige normale journalistische Praxis journalistisches und verlegerisches Heldentum verlange.

Lidl sei in den vergangenen Jahren immer wieder auch durch Verstöße gegen Regeln zum Verbraucherschutz aufgefallen, heißt es bei den Verbraucherschützern. So sei der Verband allein seit 2000 in etwa 20 Fällen wegen irreführender beziehungsweise unlauterer Werbung gegen den Discount-Riesen vorgegangen.