"Die Piraten sitzen im Herzen Europas"

Fischerei

Illegale Fischerei bedroht nach Auffassung der Artenschutzorganisation WWF die Tunfisch-Bestände im Mittelmeer und im Ostatlantik. Laut WWF fangen die Flotten der Europäischen Union, insbesondere Frankreichs, weit größere Mengen, als die offiziellen Quoten erlauben. Auch Libyen und die Türkei ignorierten die Höchstgrenzen. Der begehrte Rote Tunfisch (Thunnus thynnus) werde vor allem für die Trendspeise Sushi verarbeitet. Die Preise lägen bei über 150 Euro pro Kilo. "Tunfisch ist damit ähnlich lukrativ wie Kaviar." Der wichtigste Markt sei Japan, aber auch Deutschland zähle zu den Abnehmern. "Piraterie kommt leider nicht nur in Geschichtsbüchern vor. Die Kriminellen sitzen im Herzen Europas. Sie plündern mit dem Tunfisch einen der wertvollsten Schätze der Ozeane", meint Heike Vesper vom WWF. Die Organisation fordert einen sofortigen Fangstopp, "bis ein Plan zur Wiederherstellung der Bestände ausgearbeitet ist".

Die Fangquoten für den Roten Tunfisch werden laut WWF in jüngster Zeit um über 40 Prozent überschritten. Statt der erlaubten 32.000 Tonnen habe die Fischindustrie 2004 etwa 44.949 Tonnen, 2005 sogar 45.547 Tonnen aus dem Mittelmeer und dem Ostatlantik entnommen. Die tatsächliche Menge habe in beiden Jahren sogar weit über 50.000 Tonnen gelegen. "Diese Zahl bestätigen auch die Wissenschaftler des Internationalen Fischereiabkommens für den Atlantischen Tunfisch (ICCAT), das die Fanquoten festlegt", schreibt der WWF. "Die Piratenfischer melden ihre Fänge häufig nicht, um so Kontrollen zu entgehen und Steuern zu sparen. Zudem wird der Tunfisch oftmals bereits an Bord verarbeitet und direkt an die Importländer geliefert."

Die wichtigste Triebfeder für das illegale Geschäft sei "die ungezügelte Ausweitung der Fischzuchten im Mittelmeer". In den Aquakulturen würden im Meer gefangene Tunfische gemästet und dann weiter verarbeitet. Die Zucht gefährde auch andere Arten, denn für jedes Kilo Tunfisch würden über 20 Kilo Fisch verfüttert. Die Europäische Union subventioniere Zuchten und Fangflotten. "Der Raubbau wird aus Steuergeldern finanziert", kritisiert Vesper. Der WWF fordert die EU auf, die Subventionen zu streichen und ihre tragende Rolle in der ICCAT zu nutzen, um die Plünderung zu stoppen. "Die EU-Kommission darf nicht länger zusehen, wie eine jahrhundertealte Fischerei zugrunde gerichtet wird."

Die Bestände des Roten Tunfischs sind nach Einschätzung des WWF "massiv überfischt". "So fangen traditionelle Fischer in der Straße von Gibraltar heute 80 Prozent weniger Tunfisch als noch zu Beginn der 1990er Jahre." Die großen Flotten weiteten ihre Fangzonen bis in die Brutgebiete des Tunfischs aus. "Es ist ein unheilvoller Wettlauf mit der Zeit, bei dem alle nur verlieren können. Die Tunfisch-Bestände kollabieren. Die Fischer verlieren ihr Einkommen. Und die Verbraucher müssen dauerhaft auf den schmackhaften Fisch verzichten", so Vesper.

Ein Roter Tunfisch wird den Angaben zufolge bis zu zwei Meter lang, 700 Kilo schwer und erzielt Geschwindigkeiten von bis zu 70 Kilometer pro Stunde. Er kann den Atlantik in nur 40 Tagen durchqueren.