Vor 110 Jahren starb das erste Opfer des Autoverkehrs

"Verkehrsrevolution"

Am 17. August 1896 war die Fußgängerin Bridget Driscoll mit ihrer Tochter in London unterwegs zu einer Tanzveranstaltung im Crystal Palace, als sie von einem Automobil, das der Autohändler Arthur James Edsal steuerte, zu Boden geschleudert wurde und sich tödliche Kopfverletzungen zuzog. Frau Driscoll ist das erste offiziell registrierte Todesopfer durch ein Kraftfahrzeug. Der Richter soll nach Abschluss der Untersuchung gesagt haben: "Dies darf nie wieder passieren!" Stattdessen soll es knapp 40 Millionen weitere Todesopfer gegeben haben und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rechnet mit einem weiteren krassen Anstieg der Opferzahlen, vor allem in Asien. Die beiden Frankfurter Verkehrswissenschaftler Klaus Gietinger und Markus Schmidt fordern eine Verkehrswende.

Ihren Forschungen zufolge teilten in den vergangenen 110 Jahren weltweit beinahe 40 Millionen Straßenbenutzer Bridget Driscolls Schicksal. Die Zahl der Verletzten liege mit etwa 1,2 Milliarden noch weitaus höher.

Doch damit nicht genug: "Nach Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltbank wird sich diese Opferzahl in den nächsten 25 Jahren verdoppeln", so die Wissenschaftler. "Das ungeheure Wirtschaftswachstum vor allem in Asien führt zu einer explosionsartigen Zunahme des Leichenbergs der Motorisierung."

Nach konservativen Prognosen würden im Jahr 2030 über 2 Millionen Menschen jährlich auf den Straßen der Welt sterben, rund 70 Millionen würden verletzt. 90 Prozent der zu erwartenden Opfer seien Fußgänger und Zweiradfahrer. Der Straßenverkehrsunfall steige nach diesen Prognosen zur globalen Todesursache Nr. 2 auf. Dann würde kein Krieg so viele Opfer gefordert haben wie der motorisierte Straßenverkehr.

"Von den Toten durch verkehrsbedingten Feinstaub, Kohlendioxid und sonstigen Dreck ganz zu schweigen", so Gietinger. Die beiden Wissenschaftler klagen eine sofortige Verkehrswende ein. "Schärfste Tempolimits auf allen Straßen, die totale Verkehrsberuhigung, Aufhebung der Vorfahrt für Autos, Kostenwahrheit im Straßenverkehr und die Befreiung der Städte vom Kraftfahrzeug könnten hier allein Abhilfe schaffen", meint Schmidt. Nur etwa 3 Prozent des Kraftfahrzeug-Verkehrs sei notwendig.

"Eine Verkehrsrevolution in der das Kraftfahrzeug bekämpft und Fuß-, Rad und Öffentlicher Verkehr massiv gefördert wird", sei das Gebot der Stunde. Die Hochmotorisierten Länder und vor allem die EU hätten deutliche Vorbildfunktion. "Es muss auch die Frage nach der Verantwortlichkeit gestellt werden", meinen die Wissenschaftler. "Alle Dealer dieser Motorisierungs-Sucht sollten vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt, die Seuche des motorisierten Individualverkehrs selbst wie AIDS oder die Vogelgrippe bekämpft werden. Das Auto sei ohne Zweifel eine Massenvernichtungswaffe und müsse von der Staatengemeinschaft wie eine solche geächtet werden. Mit allen Konsequenzen."