Atom-Kritiker vermuten Atomunfall 1986 in Deutschland

Elbmarschleukämien

Die Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch und die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) vermuten, dass es am 12. September 1986 in der Nähe von Hamburg einen Atomunfall gab. Seit Ende der 1980er Jahre erkrankten in der Elbmarsch bei Hamburg "statistisch gesehen mehr Kinder an Leukämie als irgendwo sonst auf der Welt". Von offizieller Seite gebe es dazu keine Erklärung. Am Nordufer der Elbe stünden in Sichtweite das Atomkraftwerk Krümmel und das Kernforschungszentrum GKSS. Eine "Kette von Indizien" weise auf ein radioaktives Ereignis am 12. September 1986 hin.

"An diesem Tag wurde nachweislich eine erhöhte Radioaktivität auf dem Gelände des Kernkraftwerks Krümmel registriert", so die Atomkritiker. Die Aufsichtsbehörde habe damals behauptet, es habe sich dabei um das natürlich vorkommende Edelgas Radon gehandelt, das sich aufgrund einer besonderen Wetterlage aufgestaut habe. Es sei dann vom Kraftwerk angesogen worden und habe dort die erhöhten Messwerte verursacht. Diese Erklärung ist aber nach Auffassung der Atomkritiker "aus physikalischen und meteorologischen Gründen nicht möglich". Es handele sich vielmehr um "eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit".

"Das ist kein Streit unter Wissenschaftlern, sondern ein Kriminalfall", meint Uwe Harden, Sprecher der Bürgerinitiative. "Wir wissen schon sehr viel, aber meist nur aus dritter oder vierter Hand", so Harden. Die Bürgerinitiative sucht nun Augenzeugen für den möglichen Atomunfall am 12. September 1986. "Wir hoffen auf einen Aufklärungsschub", so Professorin Inge Schmitz-Feuerhake, Mitglied der ehemaligen Leukämiekommission der schleswig-holsteinischen Landesregierung.

Im Jahr 2004 trat die Mehrheit der schleswig-holsteinischen Leukämiekommission unter Protest zurück. Auf der Pressekonferenz stellte der damalige Vorsitzende der Kommission Professor Otmar Wassermann fest: "Es wurde alles getan, um unsere Arbeit zu behindern. Dabei reißt die Serie der Erkrankungen nicht ab."

In diesem Jahr sind den Angaben zufolge in den Gemeinden Bardowick und Scharnebeck, 5 bis 10 Kilometer von den Atomanlagen in Geesthacht entfernt, zwei weitere Kinder an Leukämie erkrankt. Auch in der Stadt Winsen erkrankten offenbar zwei 15-jährige Kinder an Leukämie. Winsen liege etwas mehr als 10 Kilometer von den Atomanlagen entfernt.

Für viele Menschen in der Region stelle sich die Frage, in welchem Ausmaß ihre Kinder und Jugendlichen immer noch bedroht sind. "Diese Frage können wir nicht abschließend beantworten. Es bleibt eine Unsicherheit", so IPPNW-Mitglied Hayo Dieckmann, der Leiter des Gesundheitsamts im Landkreis Lüneburg ist. Man könnte sehr viel besser einschätzen, mit welchen Schäden noch zu rechnen sei und welche Schutzmaßnahmen ergriffen werden müssten, "wenn die verantwortlichen Stellen endlich ihr Schweigen brechen und erzählen würden, was im September 1986 wenige Monate nach der Tschernobylkatastrophe passiert ist". Offenbar setzen sich inzwischen auch einige Landesabgeordnete in Schleswig-Holstein und Niedersachsen für eine umfassende und transparente Aufklärung der Leukämiefälle ein.

Die Atomkritiker haben die Strahlenbelastung der Bevölkerung abgeschätzt. Schon das radioaktive Thorium allein, das in der Elbmarsch mehrfach nachgewiesen worden sei, reicht ihrer Auffassung nach aus, die Leukämieerkrankungen in der Elbmarsch zu erklären. Thorium sei als Kontrastmittel (Thorotrast) in der Röngendiagnostik lange eingesetzt worden, "bis man auf die Nebenwirkung aufmerksam wurde: Leukämie".