Ehemalige Beschäftigte erheben Vorwürfe über Missstände im Atomkraftwerk Biblis

"Organisatorisches Chaos"

Nach Darstellung von zwei ehemals in Biblis tätigen Fachleuten soll es in dem hessischen Atomkraftwerk gravierende Missstände geben. Die Rede ist von "Fehlplanungen" und von einem "organisatorischen Chaos" bei sicherheitstechnischen Nachrüstungen, von fehlerhaften Arbeiten einer Elektroinstallationsfirma, von nicht fachgerechten Arbeiten aufgrund von fehlendem Werkzeug in der Nachtschicht, von Schäden in Folge von Kurzschlüssen, weil das Personal nicht über die erforderliche Routine verfügt habe, vom Verzicht auf den Austausch schadhafter Komponenten, vom Abzug von Personal allein aus Kostengründen und von zu schwachen Antriebsmotoren für sicherheitstechnisch wichtige Komponenten. Der TÜV soll von diesen Dingen Vieles nicht mitbekommen haben.

Die beiden Fachleute sind grundsätzlich nach wie vor Atomenergie-Befürworter. Nach Angaben der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW haben sie übereinstimmend ausgesagt, dass technische Pläne von Sicherheitssystemen vielfach nicht der Realität entsprechen und dass derartige Pläne obendrein auch noch "manipuliert" worden seien. Sie sprechen von einer unzulässig geringen Personalstärke, von zum Teil unqualifiziertem Personal und davon, dass Arbeiten an sicherheitstechnisch wichtigen Komponenten wegen der hohen Strahlenbelastung teilweise unter sehr großem Zeitdruck durchgeführt werden mussten. Der in Biblis B eingesetzte Fachmann wurde bei Inspektionen des Notkühlsystems radioaktiv verstrahlt, was RWE einräumen musste.

Der in Biblis A eingesetzte Fachmann war am Aufbau einer Notsteuerstelle für sicherheitstechnisch wichtige Armaturen, Schieber und "Gebäudeabschlussklappen" beteiligt. Seine Kritik, dass die Planungs-, Montage- und Inbetriebsetzungsarbeiten fehlerhaft durchgeführt wurden, sieht er dadurch bestätigt, dass in Folge dieser Arbeiten am 5. Juni 2002 eine Gebäudeabschlussklappe in Biblis A nicht funktionierte, was offiziell gemeldet wurde. Er befürchtet darüber hinaus, dass es viele weitere Fehler gibt, die bislang unentdeckt blieben, im Notfall aber zum Versagen von sicherheitstechnisch wichtigen Komponenten führen könnten.

Im Rahmen eines arbeitsgerichtlichen Verfahrens erhob der in Biblis A eingesetzte Fachmann schwerwiegende Vorwürfe: "Man kann in Biblis A nicht von einer Fehlorganisation sprechen, sondern man kann das nur als Chaos bezeichnen. Einem organisatorischen Chaos und einem Chaos was die Planung und Durchführung der Änderungen betrifft. Die Atmosphäre war vergiftet durch Streit, Schuldzuweisungen, gegenseitigen Vorwürfen, Intrigen, Lügen und Bedrohung bis hin zur Nötigung zwischen dem gesamten Personal von Planung, Montage und Inbetriebsetzung."

Ein Kollege habe kritisiert, dass man in der Nacht mit einer Inbetriebsetzungstruppe Montagearbeiten wie z.B. Verdrahtungsänderungen am Unterverteiler sowie fehlerhafte Steckeranschlüsse und nicht angeschlossene Kabelverbindungen hätte durchführen müssen, was unzumutbar gewesen sei. "Unter anderem war es notwendig, spezielle Absteuerungsvarianten des Antriebs durch Einlöten von Dioden am Baugruppenträger der Steuerschränke vorzunehmen. Da wir für diese spezielle Arbeit keine entsprechende Routine hatten, kam es zu Kurzschlüssen bei denen dann ganze Anschlussstifte und Leitungsverbindungen schmolzen und erheblich beschädigt wurden. Wir haben diese schadhaften Stellen notdürftig wieder hergestellt. Wenn wir den TÜV informiert hätten, hätte der ganze Baugruppenträger ausgetauscht werden müssen, wodurch es zu erheblichen Kosten und Verzögerungen gekommen wäre. Manchmal wurde es auch notwendig, Ansteuerungssignale im Antrieb zu ändern. Das ist aber normalerweis e verboten, weil die Antriebe eine Normverdrahtung besitzen. Die Signalzuführung war öfters so verdreht, dass dies nur noch durch Umverlegen der Drähte im Antrieb möglich war. Wir haben dann die Drähte nur verdrillt und haben keine Klemmen verwendet, da in der Nacht das Werkzeug fehlte, weil die Montagetruppe ja nicht mehr arbeitete. Die Strahlungsbelastung war auch oft sehr hoch, was uns gezwungen hat die Arbeiten noch schneller auszuführen."

Der Fachmann berichtet laut IPPNW weiterhin, dass sich ein Kollege enorm daran gestört hätte, dass nur eine Elektroinstallationsfirma Arbeiten im sicherheitstechnisch wichtigen Bereich hätte durchführen dürfen, "die aber fehlerhaft und unzureichend ausgeführt wurden". Der Kollege habe weiterhin kritisiert, dass man einen "erfahrenen Antriebsspezialisten nach Finnland abgezogen hatte und dafür keinen qualitativ entsprechenden Ersatz zur Verfügung stellen konnte, der in der Nachtschicht dann fehlte". Offenbar wurde der Antriebsspezialist in Biblis abgezogen und auf die Baustelle des Europäischischen Druckwasser-Reaktors (EPR) im finnischen Olkiluoto geschickt.

Die IPPNW hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel am 1. Oktober eine Liste mit insgesamt 24 Vorwürfen der beiden Fachleute geschickt. Die meisten dieser Vorwürfe seien dem Bundesumweltministerium jetzt erstmalig mitgeteilt worden, betont die Organisation.

Ein Teil der Vorwürfe habe man aber bereits mit mehreren Schreiben seit März 2005 bei der Atomaufsicht des Bundes vorgetragen. Bei den bislang vorgetragenen Punkten handelt es sich den Angaben zufolge um Informationen des in Biblis B eingesetzten Fachmanns. In Folge der von der IPPNW "wiederholt angemahnten Aufklärung" seien inzwischen zentrale Vorwürfe offiziell bestätigt worden.

"So bestätigte beispielsweise der TÜV Süd, dass mehrere hundert so genannte Stempelfelder des Notkühlsystems in Biblis B nicht auffindbar beziehungsweise nicht leserlich sind", so die Atomkritiker. Damit aber stehe die Qualität des Notkühlsystems in Frage. Nach Angaben des Fachmanns sei es in anderen Industrieanlagen wie zum Beispiel Chemieanlagen und Raffinerien üblich, dass sicherheitstechnisch wichtige Rohrleitungen nicht "abgenommen" und ausgetauscht werden müssen, wenn "Stempelfelder" nicht lesbar und die sicherheitstechnischen "Nachweise" insofern nicht zu erbringen seien. "Nicht so im hessischen Atomkraftwerk Biblis", empören sich die Atomkritiker der IPPNW. "Es erstaunt schon, dass die deutschen Aufsichtsbehörden offenbar in Chemieanlagen bezüglich der Rohrleitungen höhere Sicherheitsstandards einfordern als in Atomkraftwerken."

Ein weiterer Vorwurf lautet: Im "Keller" des Reaktorgebäudes von Biblis B stand in Rohrleitungskanälen des Notkühlsystems wiederholt Wasser, unweit von sicherheitstechnisch extrem wichtigen Pumpen des Notkühlsystems. Auch dieser Vorwurf sei inzwischen bestätigt worden. Diese Notkühlpumpen ("Nachkühlpumpen") versagen laut IPPNW bei Überflutung, "mit der möglichen Konsequenz, dass im Notfall der Reaktorkern nicht gekühlt werden kann und es zur gefürchteten Kernschmelze kommt".

Die Ursache der Wasseransammlungen in Rohrleitungskanälen des Notkühlsystems im Reaktorgebäude von Biblis B ist offenbar strittig. Der in Biblis B tätige Fachmann sagte laut IPPNW aus, dass ein Strahlenschützer von RWE ihm mitgeteilt habe, dass bei Hochwasserständen des Rheins Wasser in das Reaktorgebäude von Biblis B eindringt. Die Betreibergesellschaft RWE bestreite das.