Streit über Echtheit von Terror-Bekennerschreiben

Verfassungsschutz analysiert Websites

Es wird allzu leichtfertig geglaubt, was schwarz auf weiß in der Zeitung steht oder über den Bildschirm flimmert. Im Fall der angeblich "vereitelten Terroranschläge" auf US-Einrichtungen in Deutschland gibt es nun unterschiedliche Auffassungen über die Echtheit des Bekennerschreibens der "Islamischen Dschihad Union" (IJU). Wie das ARD-Magazin "Monitor" am 4. Oktober berichtete, äußerte der Terrorismus-Experte des baden-württembergischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Benno Köpfer, Zweifel an der Authentizität des Schreibens. Die Bundesanwaltschaft betont hingegen, nach derzeitiger Einschätzung sei es "wahrscheinlich, dass es sich um eine authentische Selbstbezichtigung handelt".

Dies sei die Auffassung des Gemeinsamen Internetzentrums in Berlin, in dem unter anderem Spezialisten von Bundeskriminalamt, Landeskriminalämtern, Bundesamt für Verfassungsschutz und Bundesanwaltschaft Websites analysieren. Die Prüfung des IJU-Bekennerschreibens sei aber "noch nicht völlig abgeschlossen", sagte der Sprecher der Bundesanwaltschaft, Frank Wallenta, in Karlsruhe.

Der baden-württembergische Verfassungsschützer Köpfer sagte, es würden in dem Bekennerschreiben zwar "konkrete Anschlagsziele" wie etwa der US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein genannt. "Meines Wissens sind aber die Verhafteten bis zuletzt unsicher gewesen, welches Ziel sie überhaupt angreifen sollen", sagte Köpfer. Nach seiner Einschätzung wird in dem Schreiben lediglich Medienberichterstattung aufgenommen. "Das lässt mich an der Authentizität zweifeln", so der Terrorismus-Experte.

Bundeskriminalamt und Bundesanwaltschaft gehen angeblich davon aus, dass die am 4. September festgenommenen drei Terrorverdächtigen Mitglieder einer deutschen Zelle der usbekischen Terrororganisation IJU seien. Diese solle eine enge Verbindung zu Al-Qaida haben. Das mit einer Woche Verspätung ins Internet gestellte "Bekennerschreiben der IJU" hatten die Sicherheitsbehörden offiziell bereits am 11. September als authentisch eingestuft.

Köpfer: Es ist fraglich, ob es die IJU als professionelle Terrororganisation überhaupt gibt - "Erfindung im Internet"

Den Verfassungsschützer Köpfer macht es jedoch stutzig, dass das Schreiben in türkischer Sprache verfasst ist und nicht wie bisher bei der IJU in englischer oder usbekischer Sprache. Zweifel haben Köpfer und seine Kollegen auch, ob es die IJU als professionelle Terrororganisation überhaupt gibt.

"Die 'Islamische Jihad Union', so wie sie sich uns darstellt, ist erst einmal eine Erfindung im Internet und hat nur eine Präsenz im Internet", hieß es.

Der Sprecher der Bundesanwaltschaft wies dies zurück. "Die bisherigen Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass es sich bei der IJU um eine existente Vereinigung handelt, die zur Umsetzung ihrer Ziele auch terroristische Mittel einsetzt", sagte Wallenta. Die IJU habe mit einer Reihe von Sprengstoffanschlägen zunächst regionale Ziele in Usbekistan verfolgt, wie etwa den Sturz des dortigen Präsidenten. Inzwischen habe sie jedoch ihren Wirkungskreis im Sinne des weltweiten "Heiligen Krieges" ausgeweitet, unter anderem nach Europa. Diese Ausdehnung der Aktivitäten dürfte nach bisherigem Erkenntnisstand unter dem Einfluss von Al-Qaida erfolgt sein, sagte Wallenta.

Zweifel an Bedeutung von Al-Qaida - "erfunden" und "hochgespielt"

Der Islam-Experte Peter Scholl-Latour bezweifelt generell die Bedeutung von Al-Qaida. Im Juni 2006 hatte er gesagt, das Terrornetzwerk Al-Qaida sei "eher ein Mythos, den die Amerikaner hochgespielt haben, der im Irak und der gesamten arabischen Welt aber keine so große Rolle spielt." Scholl-Latour hatte damals bestritten, dass der offenbar von den USA getötete Abu Mussab el Sarkawi Chef von Al-Qaida im Irak gewesen sein soll: "Ich weiß nicht, wer das erfunden hat. Das ist Unsinn", so Scholl-Latour.

In den USA gibt es seit Jahren eine lebhafte Diskussion darüber, ob die "Anschläge" vom 11. September 2001 auf das Konto von Al-Qaida gehen.