Weinachten in der Suppenküche der Berliner Marienkirche

Kein Braten zum Fest

Mitten in der evangelischen Marienkirche in Berlin sitzt Peter an einem gedeckten Tisch und wartet geduldig. Vor ihm häufen sich belegte Brote auf einem Teller, daneben brennt eine Kerze, sparsam dekoriert mit Tannengrün. Mit ihm zusammen sitzen rund 100 Gäste an den Biertischgarnituren in der Kirche. Peter ist erst zum zweiten Mal hier. Konzentriert schaut der 58-Jährige auf seinen Plastikteller und löffelt die warme Suppe. Anfang des Jahres wurde der Taxifahrer erwerbsunfähig, seitdem bezieht er eine kleine Rente und "Hartz-IV". Beides reicht ihm kaum zum Leben.

Trotzdem zögerte er, Hilfe anzunehmen. "Die Hemmschwelle war sehr groß, hierher zu kommen", erzählt er. Auch jetzt noch sei es ihm peinlich, ein Bedürftiger zu sein. Bescheiden sagt er: "Ich bin dankbar für das Angebot hier."

Es ist kurz vor Weihnachten. Wer hier auf einen gemütlichen Plausch bei selbstgebackenen Plätzchen oder auf einen Festtagsbraten hofft, wird enttäuscht. "Wir müssen nehmen, was uns gespendet wird", sagt Renk. Gespendet werden überwiegend Gemüse, Nudeln, Konserven. Seit 15 Jahren kocht die 74-Jährige aus solchen Lebensmittelspenden Suppe für Obdachlose und Bedürftige. Damit sie die Zahl der Portionen beim nächsten Essen planen kann, lädt Renk die Bedürftigen regelmäßig mit selbst geschriebenen Kärtchen ein, die sie dann zum Einlass vorzeigen müssen.

Auch wenn die meisten von ihnen nur in die Kirche kommen, um sich ein warmes Essen abzuholen, will Aune Renk mit ihrem Engagement mehr erreichen: "Wir sind eine Tischgemeinschaft", sagt die Leiterin der Suppenküche überzeugt. "Jeder ist willkommen." Und zumindest bei denen, die öfter hierher kommen, scheint sich diese Einstellung auch zu zeigen. Sie plaudern mit den Nachbarn, sitzen nach dem Essen noch beim Kaffee zusammen.

Am Heiligen Abend bleibt die Suppenküche kalt. Peter will sich dann ein anderes Hilfsangebot suchen, bei dem er sich anmelden kann. "Vielleicht die Weihnachtsfeier bei den Maltesern", sagt er leise. Der betrübte Ausdruck in seinen Augen verrät, dass er Weihnachten lieber anders feiern würde. Doch Angehörige, die ihn einladen würden, hat Peter nicht. Zur Suppenküche in der Marienkirche kommt er, weil er die Atmosphäre schätzt. "Hier sind immerhin die Tische schön gedeckt und man sitzt friedlich zusammen", sagt er. "Woanders kloppt man sich fast ums Essen."

Gäste wie Peter kommen immer öfter zu Renks Suppenküche. Waren es vor einigen Jahren noch rund 30 Gäste, die sie mit ihren Helferinnen bewirtet hat, kommen nun regelmäßig über 100 Männer und Frauen zum Essen in die Kirche. "Seitdem es 'Hartz-IV' gibt, sind die Besucherzahlen rapide angestiegen", sagt Renk. Die frühere Kunsthistorikerin will jedoch nicht in den "Jammerkanon" vieler sozialer Helfer einfallen. "Wir kommen hier ganz gut zurecht. Der Senat fördert uns mit 1400 Euro im Jahr und wir haben viele junge Studenten, die freiwillig mithelfen", erzählt sie. Doch ohne Renks persönlichen Einsatz gäbe es diese gute Lage bei der Suppenküche wahrscheinlich nicht. "Ich höre viel zu und tröste, wo es eben geht. Manchmal schneide ich auch Haare", sagt sie.

Trotzdem kann auch Aune Renk das Leid vieler Bedürftiger nicht lindern. Gerade an Weihnachten werden wieder viele ihrer Stammgäste einsam sein. Renk will Hoffnung schenken: Die Einladungskarten für das nächste Essen im Januar hat sie soeben verteilt. Auch Peter nimmt eine mit nach Hause.