Thierse fordert eine differenzierte Bewertung der DDR

"Menschen nicht gescheitert"

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) fordert eine differenzierte Beurteilung der DDR. Der Umgang mit der DDR-Geschichte leide daran, dass sie in den 90er-Jahren als eine Skandalgeschichte von Feigheit und Verrat vermarktet worden sei, sagte Thierse der "Berliner Zeitung" (Donnerstagausgabe) laut Vorabbericht. "Stasi war das Faszinosum. Das ist verständlich, aber darin geht die DDR-Geschichte nicht auf", sagte Thierse.

Er forderte, es müsse unterschieden werden zwischen dem System namens DDR und den Menschen, die in diesem System gelebt haben. "Das Urteil über die DDR ist eindeutig: Sie war kein Rechtsstaat. Sie war eine Diktatur. Sie war ein System der Misswirtschaft, das deshalb am Schluss auch in sich zusammengebrochen ist", sagte der SPD-Politiker. Doch anders als das System seien die Menschen nicht gescheitert.

Thierse sagte, viele Menschen in Ostdeutschland hätten das Bedürfnis, dass ihre Biografien angemessen und fair bewertet werden. Damit seien auch Umfragen zu erklären, nach denen die Hälfte der Ostdeutschen sich Errungenschaften aus der DDR zurückwünschten. Es sei wichtig, dass über die Lebenspraxis der Menschen nicht nur Vernichtungsurteile gesprochen würden. Derzeit müsse allerdings jeder mit einem Bannfluch rechnen, der versuche, genauer und differenzierter über die Geschichte der DDR zu urteilen.