Happy Birthday - Frauenbewegung | Weltfrauentag wird 100

100 Jahre arabische und türkische Frauenbewegung

Hoda Salah spricht  auf Demonstration in Berin während  der Revolution auch über die Frauenbewegung Die arabische Welt und vor allem Nordafrika scheint durch gewaltfreie Massenaufstände in Tunesien und Ägypten in einen Frühling der Freiheits- und Gerechtigkeitsbewegungen aufzubrechen. Gleichzeitig wurde in diesem Jahr am 08. März das 100-jährige Bestehen des Internationale Frauentages gefeiert. Könnte es da Zusammenhänge geben? Oder ist die Frauenbewegung eine so genannte westliche Erscheinung oder Errungenschaft? Ist die westliche Frauenbewegung laut mancher Theoretiker gar in der Gefahr, Nordafrika zu kolonisieren?

Nein, zu den Klischees, die derzeit in den Medien- und Expertenrunden über die arabische Welt wiedergekäut werden, gehört ja auch die Überzeugung, dass es in dem arabischen Raum keine Frauenbewegung und keine Fraueninteressen wie in Europa gegeben hätte. „Denen“ müsste man Zeit lassen, bis sie sich Gleichberechtigung wie hier wünschen oder auch nur ansatzweise erreichen. Damit wird dann meist ein Zeitraum von mindestens 100 Jahren für realistisch gehalten, was Kennerinnen der Region und erst recht Frauen, die sich seit Jahrzehnten in säkularen Frauen-, Friedens- und Mediengruppe engagieren, sehr verärgert.

Die Frauenbewegungen im Maghreb, in Afghanistan, in vielen afrikanischen Ländern und vor allem in der Türkei sind genauso alt wie die Frauenbewegungen in Europa. Um das Recht auf Bildung für Frauen, um die Möglichkeit, sich scheiden zu lassen, das Recht, die Zahl der Kinder zu bestimmen, die gleichberechtigte Teilnahme an Wahlen und das Recht zu arbeiten rangen in diesen Ländern schon Anfang des vorigen Jahrhunderts kluge und mutige Frauen. Leider gab und gibt es aufgrund von Kriegen und zunehmender Armut weltweit wieder rückläufige Tendenzen, was die Rechte und die Stellung von Frauen betrifft, oft bedingt durch zunehmende Armut und Krieg. Die Not gibt fundamentalistischen Ideologien ethnischer, nationalistischer und religiöser Art Zufuhr und drückt sich in einem Zuwachs an Sexismus und Gewalt aus. Während die Verschleierung zu Nassers Zeiten offiziell verboten war sind die immer häufiger zu sehenden verschleierten Frauen sichtbares Zeichen der zunehmenden Islamisierung Ägyptens.

In vielen Medien heißt es nun, Frauen hätten sich „den Protesten angeschlossen“. Dabei waren es Frauen wie insbesondere Asmaa Mahfouz, die die Widerstands-Bewegung in Ägypten mit gegründet und mit ihren Aufrufen im Internet den Umbruch entscheidend initiiert haben. Auch die Frauen, die nicht nur mitgemacht haben, sondern seit Jahrzehnten in der demokratischen Opposition aktiv sind, wurden in den westlichen Medien selten interviewt oder beim Namen genannt. Die wohl bekannteste ägyptische Frauenrechtlerin, Nawal al-Saadawi (79) mahnt an, diese Rückschritte nicht stillschweigend hinzunehmen. Die Schriftstellerin und promovierte Psychiaterin ist als Mentorin für jüngere Frauen und Männer mindestens so wichtig gewesen wie der ehemalige Harvard-Professor Gene Sharp aus Boston, der wegen seiner Anleitung zu gewaltfreiem Widerstand nun in aller Munde ist. Die „Löwin vom Nil“ wurde im Kindesalter wie die überwiegende Mehrheit der ägyptischen Frauen und Mädchen an den Genitalien verstümmelt und kämpft seit Jahrzehnten gegen diese und andere Menschenrechtsverletzungen.

Für ihre Überzeugungen musste sie schon ins Gefängnis gehen, ihre Bücher standen in ihrer Heimat bis vor kurzem auf dem Index. Auf der Todesliste der Islamisten steht sie immer noch. In einem Interview mit der „Welt“ meinte sie, die Überreste des Mubarak-Regimes wären immer noch an der Macht. Al-Saadawi glaubt nicht, dass es in fünf Monaten freie und faire Wahlen geben wird. Sie moniert: „Sie ändern die Artikel, die zum Beispiel die Amtszeit des Präsidenten festlegen. Sie beschäftigen sich mit oberflächlichen politischen Dingen. Aber die Ungerechtigkeiten der Verfassung, egal ob in Bezug auf Frauen oder Christen, werden nicht geändert.“ Immer noch steht im Artikel 2 der Verfassung, dass der Islam die Staatsreligion sei und die Hauptquelle der Gesetzgebung. Es ist ein Rückschritt und Warnzeichen, dass keine Frau und keine Frauenrechtlerin im ägyptischen Verfassungsrat sitzt, denn wenn die Verfassung nicht Staat und Religion trennt und weiterhin alle Gesetze nach der Scharia ausgelegt werden sieht es schlecht um die Rechte von Frauen, Mädchen, unehelichen Kindern, Christen und Minderheiten aus. Über 120 ägyptische Frauenorganisationen forderten in einer Petition jüngst, dass die neue Verfassung Staat und Religion trennen solle.

Es scheint sich weder in der öffentlichen Meinung noch in den fast immer selben Expertenrunden der Politik und Talkshows herumgesprochen zu haben, wie eng Menschen- und Frauenrechte und wie weit Nachhaltigkeit des Wirtschaftens und Frauenrechte miteinander verbunden sind. Schon auf der UNO-Umweltkonferenz 1992 wurden die Krisen im Bereich Wasser, Lebensmittel und Klimawandel vorhergesehen, auch hinsichtlich von Kriegen und Finanzkrisen, unter denen Frauen immer am ehesten und am meisten zu leiden haben. Von daher wurde für mehr Entscheidungsmacht für Frauen in allen Dörfern und Regionen zur Erhaltung der Biodiversität, der sozialen Mindeststandards und eines kooperativen Miteinanders, plädiert. Denn Frauenrechte weltweit sind nicht abzutrennen von den Fragen nach den Grenzen des Wachstums, den Grenzen der Handelsfreiheiten, den Grenzen des Konsums und den Grenzen des Ausverkaufs der Gemeingüter. Dazu wurden UNO-Dokumente wie die Resolution 1325 verfasst, was bedeutet, dass darauf geachtet werden sollte, kompetente Frauen an die Verhandlungstische zu bringen. Wird sich in Kairo und Tunis an diese mühsam errungenen Vorsätze erinnert? Werden auch kleine Frauenorganisationen der früheren Opposition finanziell gestützt?

Aufgrund der jahrelangen Repressionen zuvor sind diese finanziell sehr schwach und verfügen oft noch nicht einmal über die einfachsten Möglichkeiten, effektiv Öffentlichkeitsarbeit zu organisieren, zum Beispiel auch jetzt im Wahlkampf bei der Parteiengründung. Den alten Machteliten stehen selbstverständlich immer noch die alten Seilschaften und damit die alten arabischen Ölgeldgeber aus Dubai und Qatar zur Verfügung wie auch die Saudis mit ihren TV-Predigern. Es ist zu hoffen, dass das Europaparlament und die Geldgeber den historischen Moment jetzt nicht verpassen. Wünschenswert wären Recherchen, wie das Geld der korrupten Eliten aus den Steueroasen abgezogen und z.B. auf eine Art Volkskonto eingehen könnte. Dieses Geld sollte aber erst verwendet werden, wenn eine neu gewählte Regierung an der Macht wäre. Mit dem Geld könnte eine Alphabetisierungskampagne geschaffen werden, da 26% der ÄgypterInnen nicht lesen und nicht schreiben können, davon überwiegend Mädchen und Frauen. Das Geld könnte für Tausende dezentrale Solaranlagen gebraucht werden und somit viele Arbeitsplätze für Ingenieure und Ingenieurinnen, in der Energie- und Stadtsanierungspolitik schaffen....

Es wäre schön gewesen, wenn der Internationale Frauentag den Frauenbewegungen im Iran und in Nordafrika gewidmet gewesen wäre, um bei den Feiern hier ihre Forderungen solidarisch aufzunehmen und sich ihrer Geschichte zu widmen. Dazu ist es natürlich nie zu spät. Auf dass der Duft der Jasminblüte hoffentlich bald viele Frauen in der Welt erreicht!

Von Eva Quistorp und Sigrid Lehmann-Wacker