Frauen im Islam am Beispiel Marokko

Gespräche mit und über Frauen in Marokko

Die Stellung der Frau im Islam aist häfug noch sehr rechtlos. Die Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland (IJAB) führte vom 22. bis 26. September 2013 einen Study Visit nach Rabat, der Hauptstadt von Marokko, durch. Daran nahmen 11 Vertreter_innen aus der deutschen Jugendarbeit und Jugendbildung teil. Sie kamen in Kontakt zu vielen Akteur_innen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und der staatlichen Ebene, um sich zu informieren und eine Basis für eine zukünftige Zusammenarbeit herzustellen. Ich nahm als Vertreterin des AKE-Bildungswerks daran teil und berichte in drei Teilen darüber. In diesem zweiten Teil geht es um die Situation von Frauen und um Aktivitäten von Frauengruppen. (Foto: Im Zentrum von Rabat, Elke Michauk, CC BY-NC-SA)

Frauen in Politik und Öffentlichkeit

Frauen sind in Marokko in Politik und Gesellschaft wenig präsent. Auch bei allen unseren Gesprächen waren auf marokkanischer Seite weniger Frauen als Männer vertreten. Trotz massiver Diskriminierung in der Gesellschaft haben sich Frauen durchaus höhere Positionen z. B. als Professorinnen erkämpft. So haben wir auch ein Gespräch mit Frau Prof. Dr. Rajaa Cherkaoui, Vizepräsidentin der Universität Mohammed V Agdal in Rabat, geführt. Dort erfuhren wir u. a., dass der Frauenanteil bei den Studierenden an dieser Uni bei 30 Prozent liegt.

Bei allen unseren Gesprächen: Frauen in der Minderzahl

Bei allen unseren Gesprächen waren auf marokkanischer Seite weniger Frauen als Männer vertreten. Hier sind wir im Jugendzentrum in Sidi Allal Bahroui, einer kleinen Stadt ca. 30 km von Rabat entfernt, bei einem Empfang des Oberbürgermeisters Herrn Ahmed Ghizlan und Mitgliedern des Stadtrats. Auf dem Foto zu sehen sind Jugendliche, mit denen wir uns austauschen sowie die Germnistik-Professorin Rachida Zoubid Arachou. Foto: Elke Michauk, CC BY-NC-SA

Im Parlament sitzen 67 Frauen (von insgesamt 395 Abgeordneten), von denen 60 über die für Frauen reservierten Listen gewählt wurden. Die meisten davon gehören der islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) an, die enge Verbindungen mit der Muslimbruderschaft Ägyptens hat und in Frauenfragen sehr konservativ ist. „Wir können nicht viel für die Rechte der Frauen tun, das ist eine gesellschaftliche Angelegenheit und unsere Gesellschaft fußt auf alten, noblen und frauenfreundlichen Prinzipien, die Ehefrau und Mutter ehren“, sagt der PJD-Ministerpräsident Abdelilah Benkirane.10 Einige dieser „ehrwürdigen“ Prinzipien: Gewalt gegen Frauen in der Ehe, rechtliche Nichtanerkennung von nicht-ehelichen Kindern werde ich noch näher erläutern.

Seit Jahren sind Frauen aktiv, um mehr Mitbestimmung in Öffentlichkeit und Politik sowie Fortschritte im Bereich der Frauenrechte zu erreichen. Mehrere Marokkanerinnen berichteten bei unseren Treffen von Schulungen zur Stärkung des Selbstbewußtseins und für ein wirkungsvolleres Auftreten. Es gäbe viele sehr kompetente Frauen, die sich jedoch nicht trauen, in die Politik zu gehen. Der öffentliche Raum ist von Männern dominiert. So sind Frauen in der Regel auch nicht in Cafés zu sehen. Und das obwohl das Café in Marokko als wichtiger Ort des Austausches – auch des politischen Austausches – gilt.: „Es gibt doch sowieso nur drei Sorten Frauen, die ins Café gehen“, erläuterte eine Aktivistin einer Frauengruppe das allgemeine Vorurteil. „Eine Frau, die in der Öffentlichkeit raucht, hohe Absätze und starke Schminke trägt, ist eine Prostituierte. Eine, die sich im teuren Kostüm und mit Laptop ins Café setzt, ist Ausländerin. Und eine, die sich besonders extrovertiert gibt, laut lacht oder singt, ist verrückt.“11

Gewalt gegen Frauen weit verbreitet

Erschütternd waren Gespräche zur Situation der Frau in Marokko – und das obwohl Mann und Frau nach der neuen Verfassung gleichberechtigt sind. Vergewaltigungen – auch Massenvergewaltigungen in der Öffentlichkeit – sind sehr weit verbreitet. Selten werden sie bestraft, meistens auch nicht angeklagt. Strafbar sind sie nur dann – wenn überhaupt –, sofern eine Penetration nachgewiesen werden kann. Heiratet die Vergewaltigte den Täter, so bleibt dieser straffrei. Deswegen wird oft Druck auf Opfer ausgeübt. Bekannt in der deutschen Presse wurde das erschütternde Schicksal der 16jährigen Amina Filali, die sich das Leben nahm, weil sie den Täter heiraten musste. Ministerpräsident Benkirane findet den Paragraphen 475, der diese Straflosigkeit ermöglicht, „schariakonform und gut“. Zu dem Schicksal von Amina sagt er: „Es ist kein Thema in unserer Gesellschaft, laut offizieller Statistik gab es letztes Jahr nur sechs vergleichbare Fälle“. Im übrigen ist er der Meinung, dass Amina nur wegen „pubertärem Liebeskummer“ ihrem Leben ein Ende setzte.12

Gemäß einem seit zwei Jahren vorliegenden Gesetzesentwurf soll häusliche Gewalt unter Strafe gestellt werden. Abgestimmt wurde darüber jedoch bislang nicht. 6 Millionen Marokkanerinnen – das sind mehr als ein Drittel – werden nach Aussagen des Familienministeriums regelmäßig Opfer von Gewalt. Dabei gehen die meisten Übergriffe auf das Konto der Ehemänner.13

Massive Diskriminierung von Frauen

Der König reformierte im Jahr 2004 das Familienrecht – gegen den massiven Widerstand der PJD14 und anderer konversativer Kreise. Dadurch ist einiges besser geworden: die Gehorsamspflicht für Frauen wurde abgeschafft und Frauen können sich scheiden lassen. Sogar ist es jetzt im Prinzip möglich, dass Frauen das Sorgerecht für Kinder zugesprochen wird.

Jedoch wurde die soziale Realität nicht grundlegend geändert. Polygamie ist immer noch erlaubt, wenn die Ehefrau und ein Richter zustimmen. Das Heiratsalter wurde zwar auf 18 Jahre erhöht, inzwischen aber wieder auf 16 reduziert. Hinzu kommt, dass Frauen neue Gesetze vor Gericht oft nicht durchsetzen können. Die Macht der Richter und die Korruption sind zu groß.

Geblieben ist insbesondere auch der Artikel 490 des Strafgesetzbuches. Dieser sieht bei "unrechtmäßigem Geschlechtsverkehr zwischen Personen unterschiedlichen Geschlechts, die nicht durch die Ehe vereint sind" eine Freiheitsstrafe von einem Monat bis zu einem Jahr vor. Anzumerken ist außerdem, dass meistens Frauen bestraft werden, seltener Männer. Mit diesem Paragraphen hängt die katastrophale Situation von nicht-ehelichen Kindern zusammen. Diese sind „nicht-existent“ und können in der Regel keine Schule besuchen und keine ärztliche Praxis. Ebenso wie ihre Mütter werden sie extrem diskriminiert und häufig von der Familie verstoßen. Ein Gesetz verbietet es dem Vater sogar, auch bei späterer Hochzeit die Vaterschaft anzuerkennen.15 Neuerdings ist dies ausnahmsweise dann möglich, wenn die Hochzeit kurz nach der Geburt erfolgt. Hinzu kommt dass Abtreibungen auch nach Vergewaltigung illegal sind, nur bei unmittelbarer physischer Gesundheitsgefahr für die Mutter erlaubt.

Ein Fall, der es auch in die westliche Presse schaffte, war der der EU-Abgeordneten und ehemaligen französischen Justizministerin Rachida Dati, der in Marokko ein Prozess droht. Ihr Verbrechen: Sie ist marokkanischer Abstammung und hat ein nichteheliches Kind.16 Die Klage lautet auf illegitime sexuelle Beziehungen.

Kein Wunder ist dass Marokko auch beim diesjährigen Gender Gap Report des World Economic Forum ganz am Ende rangiert – auf Rang 129 von 136 betrachteten Staaten.

Aktivitäten von Frauengruppen

Gespräche über Frauenrechte

Gespräche über Frauenrechte, Foto: Elke Michauk, CC BY-NC-SA

Eine Aktivistin aus einer Frauengruppe berichtete mir, dass sie Häuser für ledige Mütter und ihre Kinder anbieten. Der Bedarf kann jedoch nicht annähernd befriedigt werden, da die Gesamtzahl nicht-ehelicher Kinder auf eine Million geschätzt wird17 und die Häuser vom Staat nicht unterstützt werden, sondern sie auf Spenden angewiesen sind. Ebenfalls vom Staat nicht unterstützt und viel zu wenig vorhanden sind Frauenhäuser für Frauen, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann flüchten. Schwierig ist es für sie, danach eine Bleibe zu finden, weswegen leider viele wieder zu ihrem Ehemann zurück gehen.

Darüber hinaus sind Frauengruppen politisch und juristisch tätig, um die Stellung der Frau zu verbessern. Durch Alphabetisierungskurse, Informationen über Frauenrechte sowie mit Einkommen schaffenden Projekten helfen sie Frauen. Frauengruppen haben ein Netzwerk gegründet mit dem Namen «Réseau collectif marocain de droit de la femme a la santé«. Das bietet viele Vorteile; u. a. erhalten sie dadurch Geld von der UNO.

Überrascht war ich, dass einige unserer Gesprächspartnerinnen bei unseren Gesprächen sehr „westlich“ angezogen waren, z. B. die Arme unbedeckt hatten. Ohne dass ich deswegen fragen brauchte, sagte mir eine Frauenrechtsaktivistin, dass sie diese Kleidung nur während unseres Treffens angezogen habe und sich umziehen würde, bevor sie nach draußen geht. Unabhängig von der Kleidung haben es Frauen in der Öffentlichkeit jedoch schwer. „Eine Frau kann in Marokko nicht alleine auf die Straße gehen, ohne zu riskieren, verfolgt zu werden“, erklärt Majdouline Lyazidi, Gründerin der Facebookgruppe SlutWalk Morocco. „Sie fühlt sich nicht in Sicherheit, unabhängig von der Kleidung. In Marokko können sich Männer vieles erlauben, ohne dass es Reaktionen hervorruft“.18 SlutWalk bedeutet Schlampenmarsch. Das Anliegen dieser Bewegung liegt darin, die gefährliche Verwechslung zwischen Flirt und sexueller Belästigung zu bekämpfen. Durch den provozierenden Begriff sollte Aufmerksamkeit erzeugt werden. Dies gelang zumindest bei Facebook: Inzwischen hat die Gruppe 8.500 Mitglieder.

Hinweis auf Teil 1 und 3 des Berichts: Menschrechte und Demokratie sowie Armut, Versöhnung und Projekte

Im Fokus des ersten Teils (Reise nach Marokoo) stehen Menschenrechte und Demokratie. Beim letzten Teil sind es die Themen Armut, Versöhnung sowie Ideen für mögliche Projekte in Zusammenarbeit mit marokkanischen NGOs.

Gabi Bieberstein

Anmerkungen

[10]Frauenrechte in Marokko. Schariakonform und gut, zenith, 4. Januar 2013, http://www.zenithonline.de/deutsch/politik//artikel/schariakonform-und-gut-003535/.
[11]Frauen in Marokko: Die Minztee-Revolution, Goethe-Institut, Juni 2011, http://www.goethe.de/uun/bdu/de7504782.htm.
[12]Frauenrechte in Marokko. Schariakonform und gut, zenith, 4. Januar 2013, http://www.zenithonline.de/deutsch/politik//artikel/schariakonform-und-gut-003535/.
[13]Frauenrechte in Marokko. Ein rechtloses Wesen, taz, 6. Okt. 2012, http://www.taz.de/!103041.
[14]Frauen in Marokko: Die Minztee-Revolution, Goethe-Institut, Juni 2011, http://www.goethe.de/uun/bdu/de7504782.htm.
[15]Frauenrechte in der islamischen Welt. Marokkos unbeugsame Frauen, Qantara, 23. Feb. 2012, http://de.qantara.de/content/frauenrechte-der-islamischen-welt-marokkos-unbeugsame-frauen-0.
[16]Marokko gegen französische Exministerin. Unrechtmäßiger Geschlechtsverkehr, taz, 3. Okt. 2012, http://www.taz.de/Marokko-gegen-franzoesische-Exministerin/!102834/
[17]Frauenrechte in der islamischen Welt. Marokkos unbeugsame Frauen, Qantara, 23. Feb. 2012, http://de.qantara.de/content/frauenrechte-der-islamischen-welt-marokkos-unbeugsame-frauen-0.
[18]SlutWalk Global – Next Station: Marokko, Gazelle, 31. Okt. 2011, http://www.gazelle-magazin.de/2011/10/31/slutwalk-global-next-station-marokko.