Stromerzeugung Atomkraftwerke Rückblende

Atomstrom - Betreiberpläne des AKW Cattenom für mehr Radioakrivität in der Mosel kritisiert

Der Naturschutzbund NABU hat den Antrag der Betreiber des französischen Atomkraftwerks Cattenom auf veränderte Einleitungsgrenzwerte radioaktiver Abwässer in die Mosel scharf kritisiert. "Mit der scheinbaren Absenkung von Einleitungen betreibt die französische Atomindustrie reine Augenwischerei", sagte Ulrich Heintz, Landesvorsitzender des NABU Saarland. Im Zuge einer Genehmigung für den Einsatz neuer Brennelemente sei für Cattenom zwar die Absenkung der Einleitungsgrenzwerte einiger radioaktiver Elemente beantragt worden, für Tritium solle der Wert jedoch um 25 Prozent angehoben werden.

Nach Auffassung des NABU passten die Betreiber die Grenzwerte damit jedoch lediglich den tatsächlichen Einleitungen an. "Die Absenkung einiger Grenzwerte soll darüber offensichtlich hinwegtäuschen, dass das Atomkraftwerk Cattenom weit vom technischen Standard beim Strahlenschutz entfernt ist", so Heintz. Der NABU kritisierte, dass die Bevölkerung nicht ausreichend vor der Strahlenbelastung des Wassers aus Cattenom geschützt werde.

"Die Cattenom-Betreiber wollen die verstärkte Einleitung von Tritium durch die Senkung anderer Grenzwerte schönfärben", sagte der rheinland-pfälzische NABU-Vorsitzende Siegfried Schuch. Komme der Antrag durch, könnten zukünftig mehr radioaktive Abwässer als je zuvor in der Mosel landen. Besonders problematisch sei dabei, dass die Mosel einerseits vergleichsweise wenig Wasser führe und andererseits bei Überschwemmungen recht häufig Wohngebiete überflute, so Schuch.

Der NABU forderte die Landesregierungen von Saarland und Rheinland-Pfalz auf, ein Monitoring-Programm für radioaktive Stoffe in der Mosel aufzulegen. "Besonders geeignete Indikatoren hierfür sind Fische, zumal sie als Speisefische in großen Mengen von Moselanwohnern und Touristen verzehrt werden", so Ulrich Heintz. Zudem gebe es in der Fachwelt unterschiedliche Auffassungen über die strahlenbiologische Wirksamkeit von Tritium. Dies sei ein Grund mehr, die Strahlenbelastungen zu senken, statt jetzt Grenzwerterhöhungen zu genehmigen.

Im Antrag wird davon ausgegangen, dass die von der französischen Atomaufsichtsbehörde für drei Jahre zur Abkühlung aus dem Verkehr gezogenen Brennstäbe wieder verwendet werden, obwohl an diesen bereits Risse entstanden. "Wir appellieren an die französischen Genehmigungsbehörde, das Atomkraftwerk Cattenom vom Netz zu nehmen, bis es in Sachen Strahlenschutz technisch auf der Höhe ist", so Heintz. Dieses Beispiel zeige erneut, dass Frankreich gut daran täte, mehr auf regenerative Energien zu setzen und mittelfristig aus der Atomenergienutzung auszusteigen.

Am 17-09-2003

Notstromaggregat versagte

Im südhessischen Atomkraftwerk Biblis ist erneut ein Defekt aufgetreten. Eines von vier Notstrom-Dieselaggregaten habe bei einer Routine-Überprüfung am Mittwoch für knapp eine Minute nicht zur Verfügung gestanden, teilte das hessische Umweltministerium als Aufsichtsbehörde am Freitag in Wiesbaden mit. Ursache war nach ersten Erkenntnissen ein nicht ordnungsgemäß funktionierender Antrieb eines Kraftstoffventils.

Nach Austausch des Antriebs sei die Prüfung ohne Befund wiederholt worden, hieß es. Zudem hätten die drei nicht betroffenen Aggregate die Notstromversorgung sicher gestellt. Eine Gefahr für Personal oder Umwelt bestand nach Darstellung des Ministeriums nicht.

Am 02-04-2004

Wettbewerb für Energiewende

Ein zügiger Abbau der Atom- und Kohlesubventionen ist Grundlage für einen fairen Wettbewerb im Strommarkt. Nur so lässt sich der dringend notwendige Einstieg in eine regenerative Stromversorgung realisieren. Zu diesem Ergebnis kamen die rund 300 Teilnehmer des Kongresses "Strom gegen den Strom - Perspektiven einer sauberen Energiewirtschaft" am Samstag in Hamburg.

"Wir wollen faire Bedingungen für regenerative Energien gegenüber Atomkraft und Kohle", forderte Roland Hipp, Vorstandsmitglied des Ökostrom-Anbieters Greenpeace energy. Dazu gehört für den Stromversorger der Abbau der Kohlesubventionen und die Überführung der Rückstellungen der Atomkonzerne in einen staatlichen Fonds. Die rund 30 Milliarden Euro dürfen von den Betreibern für Atommüllentsorgung und Rückbau der Kraftwerke steuerfrei rückgestellt werden. "Mit diesem Geld, das der Verbraucher bereits bezahlt hat, finanzieren die Konzerne ihre Einkaufstouren im europäischen Strommarkt", sagt Hipp. Greenpeace energy schlägt vor, die Zinsen aus einem solchen Fonds zur Finanzierung der regenerativen Energien zu nutzen. Weitere Voraussetzung für faire Wettbewerbsbedingungen auf dem Strommarkt sei die umgehende Einsetzung einer wirksamen Regulierungsbehörde.

Bei den Experten, darunter Peter Hennicke, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, herrschte darüber Einigkeit, dass langfristig regenerative Energiequellen nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch den fossilen Energieträgern überlegen seien. Der Umbau der Energiewirtschaft werde jedoch - so das Fazit der Diskussion - nicht ohne erhebliche Anstrengungen im Bereich der Energieeffizienz möglich sein.

Johannes van Bergen, Präsident des Bundesverbandes Kraft-Wärme-Kopplung (BKWK), verwies auf das enorme noch ungenutzte Potenzial, mit dem die Kraft-Wärme-Kopplung einen wesentlichen Beitrag zu Klimaschutz und Versorgungssicherheit leisten könne. Er kritisierte die Untätigkeit der Politik und der großen Energiekonzerne bei der Förderung dieser Technologie.

Dass dringend etwas gegen die fortschreitende Klimakatastrophe getan werden müsse, dokumentierte Wolfgang Zängl mit der Fotodokumentation "Gletscher im Treibhaus". Das dramatische Abschmelzen der Gletscher in den Alpen bezeichnet Zängl als "globales Fieberthermometer" des Treibhauseffektes. Als Konsequenz forderte er, dass Energie nicht mehr nur ein Geschäft sein dürfe wie jedes andere auch.

Zu dem Kongress "Strom gegen den Strom - Perspektiven einer sauberen Energiewirtschaft" hatte Greenpeace energy anlässlich seines fünfjährigen Jubiläums Experten aus Forschung, Wirtschaft und Verbänden eingeladen.

Am 18-10-2004

Öko- und Atomstrom

Energieversorger müssen ihren Endkunden künftig detaillierte Auskünfte über den gelieferten Strom erteilen. Darauf haben sich nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" die Koalitionsfraktionen geeinigt. Danach sollen die Stromlieferanten nicht nur die Anteile von Atomkraft, Braunkohle, Steinkohle, Erdgas sowie erneuerbaren Energien ausweisen, sondern auch Auskunft über die Kohlendioxidemissionen oder den radioaktiven Müll geben, die bei der Stromerzeugung entstanden sind.

"Wir wollen mehr Transparenz für die Verbraucher schaffen", hieß es in der SPD-Fraktion zur Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes. Die Bundesregierung ist entsprechend der Brüsseler Elektrizitäts-Binnenmarkt-Richtlinie verpflichtet, die Kennzeichnung im nationalen Recht zu regeln.

Am 05-01-2005

"Hauptsache, die Kasse klingelt"

In den 18 deutschen Atomkraftwerken hat es während der ersten drei Quartale des vergangenen Jahres 114 meldepflichtige Störfälle gegeben. Allein im "Pannen-AKW" Brunsbüttel waren es 15. Dies meldet die Umweltschutzorganisation Robin Wood anlässlich der am 1. Februar beginnenden Wintertagung des Deutschen Atomforums in Berlin. Die Organisation kritisiert, dass die Energiekonzerne die Produktion von Atomstrom auf Kosten der Sicherheit noch weiter gesteigert hätten und verlangt den sofortigen Atomausstieg.

In einer Erklärung des Umweltverbandes heißt es, als wesentliches Argument für den Weiterbetrieb der AKW führten Vertreter der Atomindustrie an, ihre Kraftwerke seien 2004 noch länger am Netz gewesen als im Jahr zuvor und hätten noch mehr Atomstrom produziert.

Für die Umwelt sei dies aber ein Desaster, allein schon wegen der Tonnen an Atommüll, die die Meiler in 2004 produziert haben und für die es kein Endlager gibt. Außerdem verschwiegen die Konzerne, dass die hohe Produktionsleistung auf Kosten der Sicherheit gehe.

Fehler bei der Bedienung, Wartung, Reparatur oder Instandhaltung seien laut Bundesamt für Strahlenschutz die Ursache für 17 Prozent aller Störfälle in 2003 gewesen, erklärte Robin Wood. Erst vergangene Woche haben Fachleute der "sicher nicht atomkritischen" (Robin Wood) Internationalen Atomenergiebehörde gravierende Mängel beim Sicherheitsmanagement des von EnBW betriebenen Meilers Philippsburg II festgestellt. Der Ausbildungsstand der MitarbeiterInnen sei dem Bericht zufolge unzureichend und der Arbeitsschutz liege unter dem europäischen Durchschnitt.

Trotz dieser "offensichtlich gravierenden Mängel" verstärkten Betreiber und Überwachungsbehörden die Sicherheitsvorkehrungen nicht, kritisieren die Umweltschützer. Das Gegenteil sei der Fall. Personal werde abgebaut, Arbeitsschutzmaßnahmen würden missachtet und die Revisionszeiten verkürzt.

"Die Energiekonzerne produzieren Atomstrom auf Teufel komm raus", kommentierte Bettina Dannheim, Energiereferentin von Robin Wood. "Hauptsache, die Kasse klingelt." Die Sicherheit bleibe dabei auf der Strecke. Atomenergie dürfe im künftigen Energiemix daher keine Rolle spielen.

Am 31-01-2005

Atomstrom bis 2050

Der Vorstandschef des Energiekonzerns E.ON, Wulf Bernotat, hat sich für eine Verdopplung der Laufzeiten für Kernkraftwerke ausgesprochen. "Die Anlagen sollen so lange laufen, wie es technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist", sagte er der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post". Als Richtschnur dafür gab er die in den USA und Schweden üblichen Laufzeiten von bis zu 60 Jahren an. Nach den Vorstellungen Bernotats würde das letzte deutsche Atomkraftwerk nicht 2020, sondern 2050 abgeschaltet. Im Jahr 2000 hatte E.ON die so genannte Atomkonsens-Vereinbarung mit der Bundesregierung unterzeichnet, in der für die deutschen Atomkraftwerke Laufzeiten von durchschnittlich rund 32 Jahren sowie die Genehmigung von atomaren Zwischenlagern vereinbart worden waren.

Der Staat verzichtete mit der Vereinbarung auch darauf, den Sicherheitsstandard für die Atomkraftwerke zu erhöhen. Unter intensiver Beteiligung der Atomkraftwerksbetreiber am Gesetzgebungsverfahren wurde die Vereinbarung zwischen Atomindustrie und Bundesregierung mit der Atomgesetznovelle des Jahres 2002 umgesetzt.

Am 15-03-2006

Atom-Lobby wirbt

Die 17 deutschen Atomkraftwerke haben 2006 offenbar etwas mehr Strom produziert als im Jahr zuvor. Wie der Branchenverband Deutsches Atomforum am Mittwoch in Berlin mitteilte, erhöhte sich die Produktion der Meiler um 2,7 Prozent auf 167,4 Milliarden Kilowattstunden. Im Durchschnitt seien die einzelnen deutschen Kernkraftwerke 2006 gut 91 Prozent der Zeit und damit zwei Prozentpunkte mehr als 2005 am Netz gewesen. Das Atomforum bezeichnete die Kernenergie als "Grundpfeiler der Versorgungssicherheit".

Strom aus Kernenergie stehe "praktisch rund um die Uhr zur Verfügung und stellt so einen Grundpfeiler der Versorgungssicherheit in Deutschland dar". Zwei Atomkraftwerksblöcke standen den Zahlen des Atomforums zufolge allerdings nicht rund um die Uhr zur Verfügung: Biblis A und Biblis B erreichten aufgrund von Stillständen 2006 lediglich eine Zeitverfügbarkeit von 71 beziehungsweise 79 Prozent. Das bedeutet, dass für 20 bis 30 Prozent der Zeit erhebliche Reservekapazitäten in der Größenordnung von 2500 Megawatt Leistung in anderen Kraftwerken beansprucht werden mussten.

Die laut Deutschem Atomforum "CO2-freie Stromerzeugung aus Kernenergie" habe im Jahr 2006 einmal mehr zur Stärkung des deutschen Wirtschafts- und Energiestandortes und damit zur Zukunftssicherung unseres Landes beigetragen. Für das Atomforum sprechen diese Zahlen eine eindeutige Sprache. "Die Vorzüge der Kernenergie in einem ausgewogenen Energiemix sind offenkundig: Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit, Umweltverträglichkeit."

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) dringt derweil weiter auf eine Abkehr vom Atomausstieg. Im Magazin "Stern" bezeichnete es der CDU-Bundesvize als unerlässlich, dass "wir die vorhandenen Kernkraftwerke so lang betreiben, wie es ihre technische Sicherheit ermöglicht". Die Union werde in der großen Koalition so lange mit den Sozialdemokraten ringen müssen, bis diese bereit seien nachzugeben, sagte Koch weiter. Nach seiner Einschätzung findet in der Bevölkerung und auch in der SPD ein Umdenken statt.

Die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti betonte dagegen, weder in der Bevölkerung noch in der SPD – vom Bundesvorstand über den Bundesumweltminister bis hin zur Bundestagsfraktion – gebe es ein Umdenken in dieser Frage. Die SPD bleibe bei dem Thema "standhaft", behauptete sie. Nach den Worten von Ypsilanti müsse die Nutzung dieser Hochrisikotechnologie wie geplant im Jahr 2021 zu Ende gehen.

Am 17-01-2007

"Statistische Tricks"

Anlässlich des bevorstehenden EU-Energiegipfels fordert die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einer "ideologiefreien Bewertung" der Atomenergie auf. "Die Atomkraftwerke liefern weltweit nur 2,1 Prozent der benötigten Energie und sind somit für die Energieversorgung der Menschheit praktisch bedeutungslos", sagte die IPPNW-Vorsitzende Angelika Claußen. "Auch Frau Merkel und die Atomkonzerne Siemens, RWE, E.On, EnBW und Vattenfall müssen zugeben, dass man selbst mit einer Verdoppelung der Zahl der Atomkraftwerke die Energieprobleme der Menschheit nicht lösen kann. Frau Merkel und die Energiekonzerne sollten endlich damit aufhören, sich beständig an dieser 2-Prozent-Technik festzubeißen", so Claußen. Der Internationalen Energie Agentur (IEA) wirft die Organisation "statistische Tricks" beim Vergleich der Energieträger vor. Die Atomenergie werde künstlich hochgerechnet.

Nach Angaben der Internationalen Energie Agentur (IEA) wurde im Jahr 2004 weltweit mit 2808 Terawattstunden mehr Strom in Wasserkraftwerken erzeugt als in Atomkraftwerken mit 2738 Terawattstunden. Dabei weist allerdings die IEA für die Wasserkraft einen Primärenergieanteil von 2,2 Prozent aus, während sie der Atomenergie - die weniger Strom produziert - einen Anteil von 6,5 Prozent zuschreibt. "Hier wird die Öffentlichkeit mit Hilfe zweifelhafter statistischer Tricks getäuscht ", kritisiert Claußen.

Während die IEA bei der Kernenergie nach der Wirkungsgradmethode Verluste bei der Umwandlung von Uran in Strom berücksichtige, unterlasse sie dies bei der Wasserkraft und berücksichtige dort die Umwandlungsverluste nicht, so die IPPNW. "Wenn eine Technologie in der Realität weniger Energie liefert als eine andere, dann sollte sich dies auch beim offiziellen Energieträgervergleich so widerspiegeln. Wenn die Wasserkraft 2,2 Prozent Energie liefert, dann trägt die Atomenergie nur zu 2,1 Prozent zur Energieversorgung bei. Schalten wir also diese überflüssige und gefährliche Technik ab und konzentrieren uns auf die wirklich notwendigen Dinge", fordern die Atomkritiker.

Nach Auffassung der IPPNW sollte der "dezentrale Ausbau der erneuerbaren Energien" forciert werden. "Damit können wir bis zum Jahr 2050 nach offiziellen Studien 100 Prozent der erforderlichen Energie bereitstellen", so Claußen. Während man seit 15 Jahren über den Bau weiterer Atomkraftwerke diskutiere und "bis jetzt nur ein einziges in Westeuropa seit mehreren Jahren gebaut wird", vollziehe sich der Ausbau der erneuerbaren Energien in bemerkenswertem Tempo: "Allein von 2005 auf 2006 legten die erneuerbaren Energien in Deutschland um 13 Prozent zu."

Das in Bau befindliche finnische Atomkraftwerk liefere "noch jahrelang" keinen Strom, von "den im vergangenen Jahr zügig errichteten erneuerbaren Energieanlagen" erhalte man hingegen "von Anfang an schon Energie". Im Jahr 2006 seien im übrigen in Europa 7 Atomkraftwerke endgültig stillgelegt worden, aber kein neues in Betrieb genommen. "Sieht so die Renaissance der Atomenergie aus?", fragt Claußen.

Die Organisation fordert Bundeskanzlerin Merkel auf, sich beim EU-Energiegipfel gemeinsam mit ihren europäischen Amtskollegen von den großen Energiekonzernen "zu emanzipieren". Hierzu gehört nach Auffassung der IPPNW auch eine klare Absage an die Planungen der Konzerne, zahlreiche neue fossile Großkraftwerke zu errichten, während sie gleichzeitig vom Klimaschutz redeten. "Deshalb muss in Europa unser Ziel sein, die Energiewirtschaft schnellstmöglich auf 100 Prozent dezentrale erneuerbare Energien umzustellen", fordert Claußen.

Am 07-03-2007

Verbrauchermacht

Im Streit um eine schnellere Abschaltung alter Atomkraftwerke legt Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) den Verbrauchern nahe, auf Atomstrom zu verzichten. Sollten die Energieversorger gefährliche Altmeiler nicht dauerhaft vom Netz nehmen, könnten die Stromkunden "ihre Macht nutzen", sagte Gabriel im "Berliner "Tagesspiegel". "Jeder hat natürlich die Möglichkeit, durch den Wechsel zu einem Ökostromanbieter den Atomausstieg selbst zu vollziehen. Je mehr Kunden zu Anbietern wechseln, die auf Atomkraft verzichten und den Strom aus erneuerbaren Energien beziehen, desto besser." Als besonders risikoträchtige Meiler nannte der Minister Biblis A, Brunsbüttel und Neckarwestheim 1.

Über die Anträge der Betreiber, die Laufzeiten dieser Reaktoren zu verlängern, müsse auch in der großen Koalition gesprochen werden, forderte Gabriel: "Das Thema geht alle an."

Dem Koalitionspartner warf der SPD-Politiker vor, "bei der Sicherheit mit zweierlei Maß" zu messen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und die CDU setzten immer neue Vorschläge zur Gefahrenabwehr im Kampf gegen den Terror in die Welt, würden aber gleichzeitig Laufzeitverlängerungen für Atomreaktoren verlangen, die am wenigsten vor Terroranschlägen aus der Luft gesichert seien.

Am 19-07-2007

"Ideologische Position"

In Hessen hat Ministerpräsident Roland Koch (CDU) Ende Januar eine herbe Wahlniederlage einstecken müssen, nachdem er massiv für den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Biblis geworben hat. Dennoch will die Union ihre Forderung nach längeren Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke auch künftig zum Wahlkampfthema machen. Keine Partei werde es sich mehr leisten können, "auch nicht die Grünen und auch nicht die SPD, beim Thema Energiepolitik eine ideologische Position einzunehmen", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Norbert Röttgen (CDU) am Dienstag (24. Juni) in Berlin. 2020 "sichere" Kernkraftwerke abzuschalten sei "keine konsistente Energiepolitik".

Vielmehr müsse sich Energiepolitik künftig an der Klimaverträglichkeit, den Preisen und der Sozialverträglichkeit messen lassen. "Und da gehört die Kernenergie absehbar und langfristig dazu", sagte Röttgen. Darüber werde im Wahlkampf geredet. Auch will die Unions-Fraktion auf Spitzenebene über das Thema Energiepolitik und die steigenden Kosten beraten. Die Laufzeitverlängerung von Kraftwerken ist auch Bestandteil eines Klima-Papiers, das die CDU am Montag (23. Juni) beschlossen hatte.

Die energiepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Gudrun Kopp, sagte, der Unions-Vorschlag einer Kopplung der Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke an die verbilligte Abgabe der ersten 500 Kilowattstunden sei "gefährlicher ordnungspolitischer Unsinn". Auf wettbewerblichen Märkten habe staatliche Preisgestaltung "nichts verloren", sagte Kopp.

Zwar seien Laufzeitverlängerungen aus Gründen des Klimaschutzes, der Versorgungssicherheit und der Preisgünstigkeit "dringend geboten", meint Kopp. Wirksamer entlastet würden die Verbraucher jedoch durch eine Senkung der Energiesteuer. Als Kompensation für eine Laufzeitverlängerung könnten die Kernkraftbetreiber sich zu einem stärkeren Engagement in der Energieforschung verpflichten.

Am 24-06-2008

"Für ein Industrieland angemessen"

Wieder eine Meinungsumfrage zur Atomenergie: 68 Prozent der Bundesbürger würden den Bau eines neuen Atomkraftwerks in ihrem Wohnort selbst dann ablehnen, wenn sie dafür lebenslang kostenlosen Strom bekämen. Das geht aus einer am Mittwoch (16. Juli) veröffentlichten Emnid-Umfrage für das Magazin "Vanity Fair" hervor. Unter dem Eindruck der Unfälle im US-Atomkraftwerk Harrisburg (Three Miles Island) 1979 und Tschernobyl 1986 lehnen die Deutschen die Atomkraft weiterhin offenbar mit großer Mehrheit ab. Anfang Juli kam es in Frankreich zur Freisetzung von Radioaktivität aus der französischen Atomanlage Tricastin. Für öffentliche Aufmerksamkeit sorgte auch eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), wonach das Krebsrisiko von Kindern mit zunehmender Nähe ihres Wohnortes zu deutschen Atomkraftwerken ansteigt.

Nur knapp ein Drittel der 1000 von Emnid Befragten würden danach den Bau eines Kraftwerks im eigenen Wohnort akzeptieren, um in den Genuss kostenloser Energielieferungen zu gelangen. Ein Prozent konnte sich zu keiner Antwort durchringen und ein weiteres Prozent lebt bereits mit einem Atommeiler in der Nachbarschaft.

Gespalten zeigten sich in der Umfrage die Geschlechter: Während 43 Prozent der Männer auf den Deal eingehen würden, sind es bei den Frauen nur 21 Prozent.

Schäuble: Atomkraft solange es "nichts Besseres" gibt

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) machte derweil deutlich, dass er trotz der Terrorgefahr an der Kernenergie festhalten will. Schäuble sagte der Wochenzeitung "Die Zeit": "Ich kann nicht wegen des internationalen Terrorismus sagen, dann machen wir die Lichter aus, weil wir die Kraftwerke nicht mehr schützen können."

Zwar werde die Menschheit hoffentlich "bald ausreichend andere Energien entwickeln". Solange es "nichts Besseres" gebe, müsse man aber "für einen vernünftigen Mix sorgen".

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sagte der "Bild"-Zeitung: "Wir dürfen uns auch dem Bau neuer Kernkraftwerke nicht verschließen, damit Energie für Bürger und Wirtschaft dauerhaft bezahlbar bleibt." Kernkraft sei "ein wirtschaftlicher, sicherer und klimafreundlicher Energielieferant".

Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) forderte, die Union müsse "die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke zur Bedingung einer künftigen Koalition im Bund machen". Der CSU-Politiker sagte der Tageszeitung "Die Welt": "Wir brauchen eine Energiepolitik, die für ein Industrieland angemessen ist. Und dazu gehört auch die Weiternutzung der Atomenergie."

Am 16-07-2008

"Der Staat haftet, falls etwas schief geht"

Der Bundesverband Christliche Demokraten gegen Atomkraft (CDAK) kritisierte am Freitag (15. August) die Argumentation, Atomstrom sei billig, als "Ammenmärchen". Bei der lediglich betriebswirtschaftlichen Rentabilitätsberechnung des Kernkraftstroms fehlten "mehrere entscheidende Kostenblöcke, die als betriebs-externe Kosten für die Gesamtheit der deutschen Volkswirtschaft anfallen". Die atomkritischen Unions-Politiker weisen unter anderem auf den unzureichenden Versicherungsschutz im Falle einer Atomkatastrophe hin: So handele es sich bei der Atomwirtschaft um eine Branche, "bei der trotz Privatisierung in realsozialistischer Manier immer noch der Staat haftet, falls etwas schief geht". Die externen Kostenfaktoren bei der Erzeugung von Kernkraftstrom habe bereits unter der Regierung Kohl (CDU) das damalige Bundeswirtschaftsministerium 1992 durch die renommierte Baseler PROGNOS AG berechnen lassen. Ergebnis: Die Kilowattstunde Atomstrom würde bis zu zwei Euro (4 DM) pro Kilowattstunde kosten, würde man alle volkswirtschaftlichen Kosten zugrunde legen. Die Atomenergie stehe insofern ungerechtfertigt im Ruf, günstigen Strom zu produzieren.

Kernkraftstrom sei also "volkswirtschaftlich deutlich teurer als erneuerbare Energien", sagte ein Sprecher des CDAK. Windstrom könne hingegen für nur 0,06 Euro pro Kilowattstunde produziert werden.

Der "Höchstpreis" für Solarstrom betrage einschließlich der 19 Prozent Mehrwertsteuer derzeit 0,68 Euro.

"Wenn aber, volkswirtschaftlich gesehen, der Kernkraftstrom mindestens doppelt so viel kostet wie die erneuerbaren Energien, warum, in Himmels Namen, sollen wir, das deutsche Volk uns dann diese ganze entsetzliche Umweltproblematik (Tschernobyl!) der Kernenergie weiterhin ans Bein binden", fragen die Atomkritiker in der Union. Sie fordern einen "Strukturwandel in Richtung dezentrale erneuerbare Energieerzeugung".

Am 15-08-2008

Keine neuen AKWs an der Ostsee!

Polen will mit drei neuen Atomkraftwerken an der Ostseeküste seine veralteten Kohlekraftwerke 2020 ablösen. Dazu führt die Regierung jetzt eine „Strategische Umweltprüfung“ (SUP) nach EU-Recht durch. Das bedeutet, dass alle Betroffenen, also auch in Deutschland Lebende eine Stellungnahme an Hanna Trojanowska im Atom-Ministerium schicken können.

Polens Wiedereinstieg in Atomstrom kann von europäischen Nachbarn bis zum 4.1.2012 widersprochen werden!

„Je mehr Menschen sich an der Aktion beteiligen, desto deutlicher wird die Ablehnung der Atomkraft“, sagt Harald Nestler vom Umweltinstitut München.

Die Argumente:

Das vorliegende SUP-Verfahren entspricht nicht den Vorgaben der EU. Die Umweltverträglichkeitsstudie ist veraltet und unvollständig. Es besteht keine energiepolitische Notwendigkeit für Polen, in die Atomkraftnutzung einzusteigen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien und Energiespar- und Effizienzmaßnahmen, werden unzureichend gewürdigt.

Das Gefährdungspotenzial durch Atomspaltung wird ignoriert oder völlig falsch dargestellt. Die gesundheitlichen Auswirkungen von Radioaktivität werden heruntergespielt. Die Darstellung widerspricht dem radio-biologischen Wissensstand. Die Entsorgungsprobleme radioaktiven Abfalls werden entgegen den Vorgaben der EU verharmlost.

Hier geht’s online zur Unterschrift -> http://umweltinstitut.org/akw-polen

Am 03-01-2012